Andreas’ Nacht

Nach Zacharias Topelius · 7 Minuten zu lesen · Vorabdruck

Sampo Lappelill

In Aimio am Fluss Tana stand eine Hütte aus Stangen und Rentierfellen, oben spitz wie ein Zuckerhut und kaum größer als ein Boot, und darin wohnte ein Mann mit seiner Frau und seinem Buben. Draußen lag die lange Nacht über dem Land, jene Nacht, die im hohen Norden viele Wochen dauert und in der die Sonne nicht über den Rand der Erde kommt. Der Schnee stand bis an das Rauchloch hinauf. Drinnen brannte ein kleines Feuer, der Rauch stieg gerade nach oben, und über dem Feuer hing der Kessel und gab einen Ton von sich, den das Kind so gut kannte wie den Atem seiner Mutter.

Der Bub hieß Sampo. Weil er klein war, hatten ihn Fremde, die einmal vorbeigekommen waren und ihm Zucker in die Hand gelegt hatten, Lappelill genannt, und der Name war an ihm hängen geblieben. Der Vater aber sagte, Sampo sei der bessere Name, denn Sampo heiße Reichtum, und aus dem Jungen werde einmal ein König der Sami. Getauft war er nicht. Der nächste Priester wohnte weit fort am See Enare, und im Winter war der Weg dorthin keiner, den man mit einem Kind fuhr. Sieben oder acht Jahre war Sampo alt, und er hatte ein eigenes kleines Rentier und einen Schlitten, so schmal wie ein Kahn.

An diesem Abend saß die Mutter am Feuer und flocht Riemen, und weil der Bub nicht schlafen wollte, sprach sie so, wie Mütter sprechen, wenn ein Kind still werden soll. Geh niemals hinaus auf die Heide, sagte sie, und geh vor allem nicht gegen Rastekais. Dort oben sitzt Hiisi, der große Berggeist. Er frisst ein ganzes Rentier mit einem Mund voll und schluckt kleine Buben wie Mücken. Und wenn dir sein Rentier begegnet, das mit den vergoldeten Hörnern, dann setz dich um nichts in der Welt in seinen Schlitten.

Das ist nun genau das, was ein Kind nicht hören darf, wenn es schlafen soll. Sampo lag unter der Decke, hörte das Feuer knacken und sah mit geschlossenen Augen den Berg. Als die Eltern schliefen, kroch er hinaus. Die Kälte fasste ihn sofort an den Wangen und an den Handgelenken, und der Schnee knirschte so laut unter den Schuhen, dass er stehen blieb und lauschte. Über ihm hingen die Nordlichter und schoben sich langsam von einem Rand des Himmels zum anderen, grün und blass und ohne jeden Laut.

Er band sein Rentier vor den Schlitten und fuhr los, geradewegs auf den schwarzen Rücken zu, der weit hinten über der Heide lag. Zuerst sang er vor sich hin, weil das Fahren so leicht ging und der Schnee unter den Kufen mitsang. Dann lief neben ihm etwas mit, leicht und ohne Geräusch, und als er zur Seite sah, waren es Wölfe. Das Rentier warf den Kopf hoch und riss aus, der Schlitten schlug gegen einen Stein, und Sampo flog hinaus in den Schnee. Als er sich aufsetzte, war das Rentier fort und der Schlitten fort, und um ihn her lag die Heide.

Vor ihm stand ein großer grauer Wolf und sah ihn an. Fürchte dich nicht, sagte der Wolf, ich bin der erste Diener des Berggeistes, und heute Nacht ist auf Rastekais das Fest der Sonne. Alles, was Beine hat, ist schon oben. Setz dich auf meinen Rücken. Und merke dir das eine, kleiner Mann. Eine Stunde bevor die Sonne kommt, und solange sie zu sehen ist, und eine Stunde danach, rührt dich keiner an. Sampo stieg auf und hielt sich in dem harten Fell fest, und der Wolf trug ihn den Hang hinauf, so schnell, dass ihm der Fahrtwind die Augen zudrückte.

Oben war kein Platz mehr frei. Auf dem Rücken des Berges standen die Berggeister und die Hausgeister und die kleinen Wichte in solchen Mengen, dass niemand sie hätte zählen können, und zwischen ihnen die Tiere des Landes, Bären und Vielfraße und Füchse und Hasen und ganze Herden von Rentieren, und keines tat dem anderen etwas. Das Nordlicht hing über allem und legte grüne und rote Streifen auf den Schnee. In der Mitte aber saß Hiisi, groß wie ein Berg im Berge, mit einem Bart aus Eis und einem Mantel aus Frost.

Hiisi hob die Hand, und es wurde still. Die Sonne ist tot, sagte er, und seine Stimme ging über die Heide wie das Krachen des Eises auf einem See. Sie kommt nicht wieder. Von jetzt an ist Winter, und dieser Winter hat kein Ende, und die Nacht gehört mir. Da kam aus der Menge eine dünne Stimme herauf. Das ist nicht wahr, sagte die Stimme. Die Sonne ist nicht tot. Gestern habe ich ihren Boten gesehen, einen roten Streifen über dem Schnee, und gegen Mittsommer wird dein Bart schmelzen.

Es wurde so still, dass man den Schnee fallen hörte. Hiisi drehte den Kopf und suchte den, der da gesprochen hatte, und als er ganz unten den kleinen Buben fand, streckte er die Hand nach ihm aus. In diesem Augenblick kam über den Rand der Heide ein Licht herauf, schmal und golden, und traf Berggeist mitten ins Gesicht. Die Sonne war wieder da. Alles auf dem Berg sah hin, und alles fing an zu jubeln, die Tiere und die Wichte und zuletzt sogar die Berggeister, die es nicht wollten und doch nicht anders konnten.

Neben Sampo aber stand ein Rentier, weiß und hoch, und seine Hörner waren vergoldet und fingen das erste Licht so auf, dass es weh tat hinzusehen. Steig auf, sagte das Rentier. Sampo griff in die Hörner und schwang sich hinüber, und dann ging es den Berg hinunter. Hinter ihnen kam es gelaufen, Bären und Wölfe in einem einzigen dunklen Strom, und danach begann der Boden zu beben, denn Hiisi selbst war aufgestanden und setzte nach, und bei jedem Schritt sprang der Schnee auf wie Wasser.

Wohin, rief Sampo, denn er wusste, dass seine Stunde zu Ende ging. Zum Priester am Enare, sagte das Rentier. Über mich hat der Berggeist Macht, über einen getauften Christen hat er keine. Halt dich fest und sieh nicht zurück. So flogen sie über gefrorene Bäche und durch niedriges Birkengestrüpp, das unter den Hufen brach wie Glas, und zuletzt lag unten am Ufer ein Haus mit einem kleinen Fenster, und aus dem Fenster fiel ein gelber Streifen Licht hinaus in den Schnee.

Das Rentier stieß mit dem Huf gegen die Tür. Der Priester öffnete und zog den Buben in die warme Stube, wo es nach Rauch und nach nassem Holz roch. Da schlug es von außen gegen das Holz, dass die Balken sich bogen, und eine Stimme rief, man solle das Kind herausgeben, es sei nicht getauft und gehöre ihm. Der Priester nahm Wasser aus der Schale, die neben dem Herd stand, legte die Hand auf den nassen Kopf des Jungen und taufte ihn im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Dann trat er an die Tür und sprach nach draußen. Fahr hin, König der Nacht und des Winters. Dieses Kind ist nicht mehr dein. Draußen war es einen Herzschlag lang still. Dann zerfiel Hiisi in einen Sturm. Der Schnee kam waagerecht über den See, legte sich auf das Dach und stieg an den Wänden hoch, bis die Fenster blind waren und man das Haus von außen nicht mehr gefunden hätte. Drinnen brannte das Feuer weiter, der Priester saß daneben und betete, und der Junge schlief unter einem Fell.

Gegen Morgen ließ das Heulen nach. Der Priester grub die Tür frei, und als sie hinaustraten, lag der See weiß und glatt bis an das andere Ufer, und über dem Rand der Welt stand die Sonne und nahm dem Schnee das Blau weg, eine Handbreit nach der anderen. Von Hiisi war nichts mehr zu sehen. Sampo bekam einen Schlitten geliehen und spannte das Rentier mit den vergoldeten Hörnern davor, und als er in Aimio hielt, stand seine Mutter in der Tür und hielt die Hand über die Augen gegen das Licht.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Zu hören ab dem 6. Dezember 2026

Dieser Text steht hier vorab. Erzählt wird er in Die schönsten Wintermärchen zum Einschlafen, das am 6. Dezember 2026 erscheint. Bis dahin gibt es ihn nur zu lesen.

Was schon zu hören ist, steht unter alle Nächte.

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