Andreas’ Nacht

Nach den Erzählungen der Bibel · 5 Minuten zu lesen

Salomos weises Urteil

Vor langer, langer Zeit, in einem Land voller Sonne und Staub, voller alter Olivenhaine und weiter Hügelkuppen, da lebte ein König, dessen Name in alle Winde getragen wurde. Sein Name war Salomo, und er war jung, als er den Thron bestieg, jünger, als die Alten es für weise hielten. Doch in seinem Herzen trug er eine Sehnsucht, die größer war als alle Macht und alles Gold: Er sehnte sich nach Weisheit.

Und so war es gekommen, dass er eines Nachts in den Schlaf gesunken war, und ein Traum zu ihm gesprochen hatte, tief und klar wie ein Brunnen im Fels. In jenem Traum war ihm gefragt worden, was er sich erbitten wolle, und Salomo hatte kein langes Leben erbeten, keinen Reichtum und keinen Sieg über seine Feinde. Er hatte um Verstand gebeten, um ein hörendes Herz, das zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden vermag. Und so erwachte er, und es war Morgen über Jerusalem.

Das Volk wusste von diesem jungen König nur wenig, denn er hatte noch nicht viel Zeit gehabt, sich zu zeigen. Aber die Geschichte, die sich nun zutrug, sollte für immer erinnert werden, von Mutter zu Tochter, von Vater zu Sohn, durch alle Jahre und alle Zeiten. Es kamen eines Tages zwei Frauen vor den König, und sie kamen nicht in Frieden miteinander, sondern in einem Streit, der so schwer war wie ein Mühlstein. Beide lebten im selben Haus, beide hatten ein Kind zur Welt gebracht in derselben Nacht, und beide standen nun vor dem Thron mit einem einzigen lebenden Kind zwischen sich. Jede sagte, das Kind sei ihres. Jede sagte, die andere lüge.

Und kein Zeuge war zugegen gewesen, kein anderer Mensch, der die Wahrheit bezeugen konnte. Salomo saß auf seinem Thron und hörte den Frauen zu, lange und still. Die erste Frau sprach mit einer Stimme, die zitterte vor Schmerz: Herr, wir lagen beisammen, und in der Nacht schlief die andere auf ihr Kind, und es starb. Und da sie es sah, kam sie zu mir, während ich schlief, und nahm mir mein lebendes Kind fort und legte das tote an meine Seite. Als ich erwachte und es stillen wollte, da war es tot, und doch: ich erkannte, dass es nicht mein Kind war. Die zweite Frau erhob nun ihre Stimme, laut und fest: Nein! Das lebende Kind ist meins. Das tote ist ihres.

Und so standen sie, und der Saal war still, und alle Augen lagen auf dem König. Salomo schwieg eine Weile. Er ließ die Worte sich setzen wie Staub nach einem langen Zug durch die Wüste. Dann sprach er ruhig und ohne Hast, und seine Stimme war klar wie Wasser aus der Tiefe: Bringt mir ein Schwert. Ein Diener trat heran und trug ein Schwert herbei, blank und kalt im Morgenlicht. Und Salomo sprach weiter, und seine Worte lagen wie Steine im Raum: Teilt das lebende Kind in zwei Teile und gebt jeder Hälfte der einen und der anderen. Der Saal hielt den Atem an. Die Männer und Frauen, die zugehört hatten, regten sich nicht.

Nur das Kind war zu hören, ein leises, unwissendes Atmen in den Armen des Dieners. Und da, in diesem Augenblick der tiefen Stille, sprach die eine Frau, jene, von der die Wahrheit kommen sollte, und ihre Stimme brach wie ein Zweig im Wind. Ach, mein Herr, gebt ihr das lebende Kind! Tötet es nicht! Sie sprach es laut und ohne Zögern, und in ihrem Ruf lag alles, was eine Mutter ist: das Loslassen, damit das Geliebte leben kann. Aber die andere Frau stand unbewegt und sprach kalt: Es soll weder mir noch ihr gehören. Teilt es nur. Und in diesem Satz lag keine Liebe, nur ein starrer, kalter Wille.

Salomo hob die Hand, und der Diener trat zurück. Der König schaute lange auf die Frau, die um das Leben des Kindes gefleht hatte, dann sagte er, ruhig und bestimmt, mit einer Stimme, der kein Zweifel anhaftete: Gebt ihr das Kind. Tötet es nicht. Sie ist seine Mutter. Und die Frau trat vor, und man legte ihr das Kind in die Arme, und sie hielt es fest, als wäre die Welt gerade neu erschaffen worden. Ihre Hände zitterten, aber ihr Blick war ruhig, der Blick eines Menschen, der das Schlimmste gefürchtet hat und nun das Beste hält.

Die Menschen, die diesem Urteil beigewohnt hatten, gingen hinaus auf die Straßen Jerusalems, und die Geschichte wanderte wie der Wind durch die Gassen, über die Märkte und hinauf zu den Dächern, wo die Frauen beim Abend saßen und in die Ferne schauten. Man erzählte sich, dass der König mit einem Herzen gesprochen hatte, das die Wahrheit zu lesen verstand wie ein Hirt seine Schafe, nicht durch Zwang, sondern durch das stille Wissen um das Wesen der Liebe. Denn Weisheit ist nicht das laute Wissen, das sich selbst lobt. Weisheit ist das ruhige Sehen, das erkennt, was anderen verborgen bleibt. Sie ist wie das Licht des frühen Morgens, das leise kommt, ohne anzuklopfen, und doch alles erhellt.

Und Salomo, der junge König, saß noch lange auf seinem Thron, nachdem der Saal sich geleert hatte. Das Licht des späten Nachmittags fiel schräg durch die hohen Fenster, goldfarben und warm, und legte sich über die Steinfliesen wie ein Tuch. Draußen zogen die Wolken über die Hügel von Jerusalem, und der Wind trug den Duft von Zedern und Staub und dem fernen Meer. Und die Stadt atmete gleichmäßig und tief, wie ein Mensch, dem ein schwerer Traum von der Brust geglitten ist und der nun, endlich, in stillem Frieden schläft.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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