Andreas’ Nacht

Nach Wilhelm Hauff · 8 Minuten zu lesen

Saids Schicksale

Es war einmal, zur Zeit des großen Kalifen Harun al-Raschid, der über Bagdad herrschte, ein Mann in der Stadt Balsora namens Benazar. Er war wohlhabend genug, um ruhig und sorgenfrei zu leben, und sein größter Schatz war sein einziger Sohn, der Said hieß. Said wuchs zu einem schönen, mutigen und gutherzigen Jüngling heran. Und seine Mutter, die früh gestorben war, hatte ihm ein wunderbares Vermächtnis hinterlassen: Sie war mit einer gütigen Fee befreundet gewesen, und von dieser stammte ein kleines silbernes Pfeifchen, das Said an einem feinen Kettchen um den Hals trug. Bewahre es gut, hatte der Vater ihm gesagt. In der Stunde der größten Not magst du es brauchen, dann wird dir Hilfe werden, von der du jetzt noch nichts ahnst.

Als Said achtzehn Jahre alt geworden war, wünschte er, die Pilgerfahrt nach Mekka zu unternehmen, wie es der Brauch verlangte. Der Vater rüstete ihn aus, gab ihm ein gutes Pferd und Waffen, und Said schloss sich einer großen Karawane an, die durch die Wüste zog. Voll Zuversicht ritt er hinaus in die weite Welt, das silberne Pfeifchen an seiner Brust, und träumte von Abenteuern und von der Ehre, sich zu bewähren.

Doch die Wüste ist nicht ohne Gefahr. Eines Tages fiel eine Schar Räuber über die Karawane her, wilde Reiter, die aus dem flimmernden Sand hervorbrachen. Die meisten Reisenden flohen oder ergaben sich; Said aber, jung und tapfer, griff zu den Waffen und verteidigte sich so mutig, dass selbst die Räuber staunten. Am Ende freilich war er einer Übermacht gegenüber, und man nahm ihn gefangen. Doch der Anführer der Räuber, ein stattlicher Mann namens Selim, hatte Saids Tapferkeit mit Wohlgefallen gesehen, und statt ihm ein Leid zu tun, behandelte er ihn beinahe wie einen Gast.

Eine Weile lebte Said im Lager der Räuber. Selim gewann ihn lieb, fast wie einen eigenen Sohn, und hätte ihn gern bei sich behalten. Aber Said sehnte sich fort, hinaus in sein eigenes Leben, und so ließ ihn der edle Räuber schließlich ziehen, beschenkt und in Frieden. Said aber hatte in den Wirren jener Tage manches verloren, was er besessen hatte, sein Pferd, sein Gut, seine Waffen. Nur das kleine silberne Pfeifchen, das er gut verborgen trug, das blieb ihm.

Auf seinem weiteren Weg traf Said einen Kaufmann, der nach Bagdad reiste, und schloss sich ihm dankbar an. Unterwegs erzählte der Kaufmann viel von dem großen Harun al-Raschid, wie gerecht und wie weise er sei, und wie er nachts, verkleidet als Kaufmann, als Schiffer oder als einfacher Mann, durch die Gassen Bagdads gehe, um mit eigenen Augen zu sehen, ob in seiner Stadt alles recht zugehe. Said hörte fasziniert zu und freute sich, die berühmte Stadt und ihren Beherrscher zu sehen.

Doch der Kaufmann war nicht der gütige Mann, für den Said ihn hielt. Es war Kalum-Bek, ein reicher, geiziger und hinterlistiger Händler aus dem Basar von Bagdad, der den arglosen Jüngling absichtlich an sich gezogen hatte. In Bagdad angekommen, lockte er Said in sein Haus, und ehe dieser sich versah, saß er in der Falle: ohne Geld, ohne Freunde, in einer fremden, riesigen Stadt. Kalum-Bek aber bot ihm höhnisch an, in seinem Gewölbe im Basar zu dienen, Schals und Schleier feilzubieten und Kunden herbeizulocken. Said sträubte sich, doch was blieb ihm übrig? Ohne einen Heller konnte er nicht weiter, und so beschloss er, fürs Erste zu dienen und bei der ersten Gelegenheit den Kalifen selbst um Schutz und Gerechtigkeit anzuflehen.

So stand er nun Tag für Tag im Basar, der schöne, stolze Jüngling, und musste die Waren des geizigen Kalum anpreisen. Aber sein aufrechtes Wesen ließ sich nicht beugen. Als er einmal sah, wie auf der Straße einem Schwächeren Unrecht geschah, da griff er beherzt ein und half, und solche Taten blieben nicht unbemerkt.

Eines Tages nun erinnerte sich Said in einer schweren Stunde an das silberne Pfeifchen seiner Mutter. Er setzte es an die Lippen und blies, und siehe, eine wunderbare Hilfe ward ihm zuteil, gerade als er sie am dringendsten brauchte. So geschah es mehr als einmal, dass Said, wenn die Not am größten war, durch die Gabe der gütigen Fee Beistand fand: bald ein gutes Ross, bald eine glänzende Rüstung, bald einen klugen Rat im rechten Augenblick.

Und in dieser Weise trug es sich zu, dass Said, heimlich und unerkannt, bei einem großen Waffenspiel der vornehmen Jugend Bagdads erschien und sich so tapfer und edel hielt, dass alle staunten. Sogar der Kalif Harun al-Raschid, der dem Spiel zusah, bemerkte den unbekannten jungen Helden und merkte sich sein Gesicht.

Doch das Glück des Tüchtigen weckt oft den Neid der Schlechten. Kalum-Bek, der seinen Diener immer schlechter behandelte und ihn doch nicht ziehen lassen wollte, sann auf eine Niedertracht. Er beschuldigte Said fälschlich eines Diebstahls und brachte ihn vor den Richter. Dieser Richter aber war ein bestechlicher Mann, und Kalums Gold redete lauter als die Wahrheit. So wurde der unschuldige Said verurteilt, verbannt auf eine ferne, wüste Insel, zusammen mit anderen Unglücklichen. Kalum-Bek bereute im Stillen seinen falschen Schwur, doch er wagte nicht, ihn zurückzunehmen, und der Richter ließ sich nicht erweichen.

Man brachte Said auf ein Schiff, das ihn fortbringen sollte. Doch auf dem offenen Meer zog ein furchtbarer Sturm herauf, das Schiff zerschellte und Said stürzte in die tobenden Fluten. In seiner höchsten Not griff er nach dem silbernen Pfeifchen und blies, so herzhaft er konnte, und rief in Gedanken die gütige Fee an.

Und ein Wunder geschah. Die Wellen teilten sich, und aus dem Wasser tauchte ein gewaltiger Delphin auf, glatt und glänzend, der sich Said sanft zur Seite legte. Said klammerte sich an seinen Rücken, und das treue Tier trug ihn fort über das Meer und den großen Strom hinauf, sicher und schnell. Und als ihn Hunger und Durst plagten, da blies er abermals, und aus dem Wasser hob sich ein gedeckter Tisch, reich besetzt mit den köstlichsten Speisen, sodass Said sich stärken konnte. So groß war sein Vertrauen auf die gute Fee, dass er keine Angst mehr hatte.

Der Delphin trug ihn zurück, geradewegs nach Bagdad. Und dort fügte es sich, wie es sich in gerechten Geschichten zu fügen pflegt. Der Kalif Harun al-Raschid, der den tapferen jungen Helden vom Waffenspiel nicht vergessen hatte und der auf seinen nächtlichen Gängen durch die Stadt manches Unrecht mit eigenen Augen sah, erkannte Saids Gesicht wieder. Er ließ die Sache untersuchen, gründlich und gerecht, wie es seine Art war. Und bald kam alles ans Licht: die Niedertracht des geizigen Kalum-Bek, die Bestechlichkeit des Richters, die Unschuld des jungen Said.

Da wandte sich das Schicksal. Der falsche Kalum-Bek und der ungerechte Richter wurden ihrer Strafe zugeführt, und Said, der so lange geduldig Unrecht ertragen hatte, wurde vom Kalifen selbst zu Ehren gebracht. Harun al-Raschid, dem der mutige und rechtschaffene Jüngling von Herzen gefiel, nahm ihn in seine Nähe und überhäufte ihn mit Wohltaten.

Und das Schönste von allem: Man sandte nach Balsora und ließ Saids alten Vater Benazar nach Bagdad kommen. Als der Vater und der Sohn einander wiedersahen, nach all der langen Zeit der Sorge und der Trennung, da war ihre Freude so groß, dass keine Worte sie fassen konnten. Benazar hatte seinen Sohn schon verloren geglaubt, und nun fand er ihn wieder, nicht nur lebendig, sondern in Ehren, geachtet vom Kalifen selbst. Sie umarmten sich lange und schweigend, und alle, die es sahen, freuten sich mit ihnen.

Said aber, der nun reich und angesehen war, vergaß über seinem Glück nicht, was er gelernt hatte. Er war gütig zu den Schwachen geblieben, gerecht und bescheiden, und das kleine silberne Pfeifchen seiner Mutter bewahrte er sein Leben lang in Ehren — nicht mehr aus Not, sondern aus Dankbarkeit, als ein Andenken an jene gütige Macht, die ihn durch alle Gefahren getragen hatte.

So endeten die Schicksale Saids in Frieden und Glück, wie es die verdienen, die in der Not nicht hart und nicht falsch geworden sind. Über Bagdad aber stehen die Minarette dunkel vor dem sternklaren Himmel, der Duft von Jasmin zieht durch die stillen Gassen, und der breite Strom rauscht leise und gleichmäßig an der schlafenden Stadt vorbei.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Wilhelm Hauffs Märchen · Das kalte Herz, Kalif Storch und mehr. Der Sprung führt an genau die Stelle.

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