Andreas’ Nacht

Nach Johann Karl August Musäus · 14 Minuten zu lesen · Vorabdruck

Rübezahl und die Königstochter

Auf dem Kamm des Gebirges lag noch Schnee in den Klüften, obwohl unten im Land längst die Wiesen standen. Dort, wo der Fels aufbricht und der Wind ohne Unterlass geht, tat sich der Grund auf, und der Geist des Gebirges stieg herauf ans Licht. Er war lange fort gewesen, ganze Menschenalter lang, unten in den Gängen, in denen es weder Tag noch Nacht gibt und in denen das Wasser aus dem Stein tritt, ohne dass jemand es hört. Nun stand er wieder oben. Die Luft war dünn und kalt und roch nach nassem Fels.

Er ging über die Rücken des Gebirges hin, wie er es in früheren Zeiten getan hatte, und wo er ging, zogen die Nebel mit ihm. Damals hatte er die Bären aufeinander gehetzt und die Auerochsen über die Halden getrieben, weil ihm die Zeit lang wurde und weil niemand da war, der ihm dabei zusah. Jetzt aber kam ihm von weit unten ein Laut herauf, den er nicht kannte. Es war Lachen. Es stieg aus einem Tal herauf, in dem die Sonne auf dem Gras lag und die Luft schwer war von Heu und von Bienen.

Er ging hinunter, ungesehen, wie ein Nebel, der einen Hang herabfällt. Am Fuß einer Wand stürzte ein Wasser über den Stein, und in dem Becken darunter badete eine junge Frau mit ihren Gespielinnen. Es war Emma, die Tochter des Königs, dessen Land an dieser Seite des Gebirges lag. Der Geist blieb verborgen in den Büschen am Ufer und sah ihr zu. Aber er stand dabei ohne Gestalt und ohne Stimme und war nichts als ein Zuschauer, und das war ihm nach einer Weile zu wenig.

Also nahm er Gestalt an und stand als blühender Jüngling zwischen den Erlen, und nun erst sah er, was er sah. Sie sprach mit den anderen über nichts, über das kalte Wasser und über den Weg zurück und darüber, wer zuerst wieder am Ufer sein würde. Dann kleideten sie sich an und gingen, und der Ort blieb leer zurück. Der Geist rührte sich nicht von der Stelle, bis der Schatten der Wand über das Becken gewachsen war und das Wasser dunkel wurde.

In der Nacht ging er an die Arbeit. Er nahm den rohen Fels und kleidete ihn mit Marmor, weiß und geädert, und setzte Alabaster dazwischen, durch den das Licht ging wie durch ein dünnes Blatt. Er legte Stufen an, die ins Wasser führten, und formte ein Becken, so glatt, dass man den Grund darin sah wie durch Glas. Der Sturz fiel jetzt über weißen Stein und klang heller als vorher. Als der Morgen kam, stand an der Wand ein Bad, wie es kein Fürst des Landes besaß.

Emma kam wieder, so wie er gewusst hatte, dass sie wiederkommen würde. Sie blieb stehen und traute ihren Augen nicht, und ihre Gespielinnen redeten durcheinander und stritten, ob so etwas über Nacht geschehen könne. Emma stieg als Erste die Stufen hinab. Beim dritten Schritt war kein Grund mehr unter ihrem Fuß. Sie sank, und das Wasser schloss sich über ihr, und oben am Rand standen die anderen und riefen ihren Namen in ein Becken, in dem nichts mehr lag als der Widerschein des Himmels.

Sie erwachte in einem Saal, dessen Wände sie nicht sehen konnte, weil das Licht darin von überall kam und von nirgends. Es war warm. Auf einem Tisch aus einem einzigen Stück Bergkristall standen Schalen mit Früchten, die sie nicht kannte, und daneben lag ein Tuch, so fein gewebt, dass es in der Hand nichts wog. Sie setzte sich auf und horchte, und es war kein Laut zu hören, kein Wind, kein Wasser, kein Schritt. Dann ging eine Tür, und ein junger Mann trat ein und verneigte sich vor ihr. Fürchte dich nicht, sagte er, du bist im Herzen des Berges, und ich bin sein Herr.

Er führte sie durch eine Tür, und dahinter lag ein Garten. Rosenhecken standen darin, in die sich wilder Jasmin geflochten hatte, und die Bäume trugen Äpfel, purpurrot und mit Gold gesprengt, wie es sie oben nirgends gibt. Vögel sangen in den Zweigen, viele auf einmal, und sie hörten nicht damit auf. Über allem stand ein Licht wie an einem Maiabend kurz vor dem Dunkelwerden, und es blieb so, ob sie nun schlief oder wachte. Alles hier ist dein, sagte er.

Droben ging unterdessen das Jahr weiter. Das Laub fiel, die Bäche wurden schmal und froren zu, der Schnee legte sich in die Wälder und auf die Dächer der Dörfer, und die Leute suchten die Königstochter und fanden sie nicht. Einmal zeigte ihr der Geist, wie es oben aussah, und sie sah die weißen Kämme liegen und die Krähen darüber hin und her gehen. Danach schloss er das Bild wieder zu. Nur deine Gegenwart, sagte er, hält den Frühling an diesen Felsen fest.

Sie dankte ihm dafür, und sie meinte es auch so, denn er war freundlich zu ihr und nahm ihr nichts. Aber sie ging nicht zwischen den Rosen spazieren. Am liebsten saß sie in einem kleinen Tannenwäldchen am Rand des Gartens, wo es dunkel war und still und wohin die Vögel nicht kamen. Dort dachte sie an den Fürsten Ratibor, dem sie versprochen war, an seine Hände und an seine Stimme, und daran, dass ihm niemand sagen konnte, wo sie geblieben war.

Der Geist merkte wohl, dass sie schmal wurde und wenig sprach. Was fehlt dir, fragte er, sag es, und ich schaffe es herbei. Es fehlt mir nichts, sagte sie, als eine Stimme, die mir antwortet. Er stand eine ganze Weile still und sah auf den Boden vor seinen Füßen, als läge dort etwas geschrieben. Dann sagte er, das sei leichter zu machen, als sie denke, und ging fort, und sie hörte, wie sich hinter ihm eine Tür schloss, die sie in diesem Berg noch nie gesehen hatte.

Sie blieb sitzen, wo sie saß, am Rand des Tannenwäldchens, und der Abend im Garten wurde nicht dunkler, als er immer war. Ein Apfel löste sich über ihr und fiel ins Gras, purpurrot mit Gold darin, und blieb dort liegen. Die Vögel sangen weiter, wie sie immer sangen. Weit über der Decke aus Stein, von der sie nichts wusste und die sie nie gesehen hatte, fiel in dieser Stunde der Schnee auf den Kamm des Gebirges und deckte den Weg zu, auf dem sie gekommen war.

Als er wiederkam, trug er einen Korb mit einem Deckel darauf und stellte ihn vor ihr ins Gras. In der anderen Hand hielt er einen Stab, nicht länger als ein Unterarm, aus einem Holz, das sie nicht kannte. Nimm ihn, sagte er, und rühre damit an, was in dem Korb liegt, und sprich dabei den Namen dessen, den du haben willst. Emma sah den Korb an und dachte an alles Mögliche, das darin liegen könnte, an Vögel, an Blumen, an ein Buch. Dann hob sie den Deckel.

Es waren Rüben. Sie lagen da, wie sie aus der Erde gekommen waren, eine über der anderen, mit Krume in den Rissen, gelb und kühl und schwer in der Hand, und der Korb roch nach dem Acker draußen im Regen. Emma nahm eine in beide Hände. Sie war so kalt, dass es in den Fingern wehtat. Ich habe im Augenblick nichts Besseres, sagte der Geist, und doch ist es genug. Rühre sie an und nenne den Namen, und dann sieh selbst, ob du dich getäuscht hast.

Sie legte die Rübe ins Gras, tippte sie mit dem Stab an und sagte den Namen ihrer liebsten Gespielin, mit der sie in jenem Sommer gebadet hatte. Da richtete sich das Ding im Gras auf, und aus der gelben Schale wuchs ein Kleid und aus dem Kleid ein Mädchen, und es stand vor ihr und blinzelte gegen das Licht und lachte, als sei überhaupt nichts geschehen und als seien sie eben erst aus dem Wasser gestiegen. Emma fiel ihr um den Hals und weinte, und die andere hielt sie und wusste nicht, warum.

Von diesem Tag an war der Garten voll. Sie holte sich eine nach der anderen heraus, ihre Gespielinnen, ihre alte Amme, den Knaben, der zu Hause die Tauben gefüttert hatte. Sie saßen unter den Rosenhecken, sangen, stritten über nichts und wärmten sich in dem Licht, das nie weiterging und nie schwächer wurde. Der Geist stand oft am Rand und sah ihnen zu und rührte sie nicht an. Es war ihm genug, dass Emma sprach und dass ihre Stimme wieder hell wurde.

Aber die Rüben waren Rüben. Nach einigen Wochen wurden die Gesichter schlaff und die Hände leicht wie Schalen. Das Haar der Amme wurde grau, dann weiß, dann dünn. Die Mädchen gingen langsamer, ihre Stimmen wurden trocken, und wenn sie lachten, klang es wie Papier. An einem Morgen kam Emma in den Garten und fand niemanden mehr. Auf dem Weg lagen die Rüben, verschrumpelt und braun, wie sie im Keller liegen, wenn der Winter zu lange dauert.

Sie ging zu ihm und bat um neue. Der Geist schwieg lange. Droben liegt Schnee, sagte er endlich, der Acker ist hart, und aus hartem Boden kommt nichts. Dann ging er hinaus und tat etwas, das er seit dem Anfang der Welt nicht getan hatte, und er wollte nicht, dass sie ihm dabei half. Er brach den Frost auf einem Feld an einem Hang auf, wärmte die Erde von unten, bis der Dampf darüber stand, und legte den Samen ein, Reihe um Reihe, gebückt wie ein Bauer.

Emma stand am Rain und sah ihm dabei zu, und dabei dachte sie an ganz andere Dinge. Als die Saat aufgegangen war und die ersten Rüben in dem warmen Boden so dick wie ein Daumen waren, zog sie drei davon heraus, wie zum Spiel. Sie nahm die erste, rührte sie mit dem Stab an und machte eine Biene daraus und ließ sie durch den Gang nach oben. Sie hörte sie noch eine Weile summen und dann nicht mehr. Über dem Wald, wo der Gang ins Freie ging, fing eine Schwalbe sie, und Emma wusste das nicht und wartete drei Tage lang auf eine Antwort, die nicht kam.

Die zweite machte sie zu einer Grille, weil eine Grille im Gras bleibt und niedriger geht als eine Biene. Sie trug sie selbst bis an den Anfang des Ganges, setzte sie ab und sah ihr nach, so weit das Licht reichte, und danach horchte sie noch lange in den Stein hinein. Unten am Bach nahm sie ein Storch. Nun lag noch eine einzige Rübe da, die kleinste von den dreien, und Emma hob sie auf und hielt sie lange in beiden Händen, ehe sie den Stab überhaupt anrührte.

Aus der letzten machte sie eine Elster. Die Elster kam durch. Sie ging über die Kämme und über die Wälder und über die weißen Halden, an denen der Wind stand, und sie flog den ganzen Tag und ließ sich erst nieder, als unten die ersten Zäune kamen und die Hunde anschlugen. Sie fand den Fürsten Ratibor in seinem Hof, setzte sich ihm auf die Lehne der Bank und sagte ihm, wo Emma war und was er tun solle und an welchem Tag er unten am Ausgang des Gebirges stehen müsse.

Nun wurde Emma freundlich zu dem Geist. Als das Feld reif stand und die Blätter breit über der Erde lagen, sagte sie ihm, sie wolle seine Frau werden, und sie sagte es ruhig und sah ihn dabei an. Er war so froh, dass er nicht wusste, wohin mit sich, und ließ die Bäume im Garten zweimal an einem Tag blühen. Nur eines, sagte sie, will ich vorher wissen. Ein Mann, der mich haben will, muss mir sagen können, was er besitzt. Geh und zähle die Rüben auf dem Acker, alle, und verzähle dich nicht um eine.

Er lachte über die Bedingung und ging hinaus auf das Feld, und die Sonne stand noch hoch. Er ging die erste Reihe entlang und die zweite und die dritte, und die Blätter lagen übereinander und mussten mit dem Fuß zur Seite geschoben werden, und die kleinen Rüben am Rand steckten halb im Boden und sahen aus wie Steine. Bei der letzten Reihe wusste er nicht mehr, ob er eine doppelt gezählt hatte. Also fing er von vorn an, langsamer, und bückte sich diesmal zu jeder einzelnen hinunter. Beim zweiten Mal kam ihm der Zweifel bei den Kümmerlingen unter dem Laub.

Also fing er zum dritten Mal an, und diesmal zählte er laut, damit ihm die Zahl nicht wegkam. Die Sonne ging über den Hang, und die Schatten der Blätter drehten sich langsam mit, und dadurch sah jede Reihe zweimal anders aus, einmal am Anfang und einmal am Ende. Der Geist des Gebirges ging auf den Knien zwischen seinen Rüben und sagte die Zahlen halblaut vor sich hin, eine nach der anderen, und über dem Feld stand kein Laut, und er hörte nicht, wie hinter ihm im Garten ein Pferd auf den Stein trat.

Emma nahm unterdessen die schwerste und saftvollste Rübe, die sie finden konnte, und rührte sie an, und daraus wurde ein Pferd mit einem hellen Fell. Sie stieg auf, ohne sich noch einmal umzusehen, und ritt durch den Gang, der nach oben führte, und dann war Schnee unter den Hufen und ein Wind, der ihr das Wasser in die Augen trieb, und sie ritt und ritt und sah sich kein einziges Mal um, bis unten die Lichter standen und der Fürst Ratibor sein Pferd herumriss und ihr entgegenkam.

Als es dämmerte, kam der Geist mit seiner Zahl zurück, und er hatte sie dreimal geprüft. Er rief ihren Namen in den Garten hinein. Die Vögel sangen, sonst antwortete nichts. Er suchte sie im Saal und in den Gängen und zuletzt in dem kleinen Tannenwäldchen, in dem sie so gern gesessen hatte, und dort war das Gras noch niedergedrückt und schon wieder kühl. Da stampfte er dreimal auf die Erde. Der Berg fuhr zusammen, das Licht ging aus, und in den Rosenhecken lag über Nacht der Reif.

Unten in den Dörfern erzählten sie sich die Geschichte in dem Winter und in vielen Wintern danach, und weil das Beste daran das Zählen war, nannten sie ihn den Rübenzähler und dann kürzer den Rübezahl, und keiner von ihnen tat es leise genug. In den Bergen selbst sagt man den Namen nicht. Ein Hirt auf dem Kamm sprach ihn einmal halblaut vor sich hin, mehr zu den Schafen als zu sich, und sah dann zu, wie unten am Hang der Nebel aufstand, über die Weide zog und den Kamm zudeckte, bis von der Herde nur noch das Läuten der Glocken zu hören war.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Zu hören ab dem 6. Dezember 2026

Dieser Text steht hier vorab. Erzählt wird er in Die schönsten Wintermärchen zum Einschlafen, das am 6. Dezember 2026 erscheint. Bis dahin gibt es ihn nur zu lesen.

Was schon zu hören ist, steht unter alle Nächte.

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