Andreas’ Nacht

Nach griechischer Überlieferung · 7 Minuten zu lesen

Pygmalion und die erwachte Statue

In jenen alten Tagen, als die Götter noch über den Olymp wandelten und die Insel Zypern im Abendlicht wie ein Edelstein im weinroten Meer lag, lebte in der Stadt Amathus ein Bildhauer namens Pygmalion. Er war bekannt auf der ganzen Insel für die Kunst seiner Hände, für die Art, wie er aus weißem Marmor Gestalten herauslöste, als befreite er sie aus einem langen Schlaf. Doch obwohl die Menschen seinen Namen mit Ehrerbietung nannten, lebte er allein in seiner Werkstatt, und kein Frauenlachen hallte durch seine Gemächer.

Pygmalion hatte sich von den Frauen seiner Zeit abgewandt. Er hatte unter ihnen Gleichgültigkeit gesehen und Kälte, Eitelkeit und leeres Herz, so jedenfalls erschien es ihm in seiner stillen, eigensinnigen Weise. Und weil er in der Wirklichkeit nicht fand, wonach sein Herz verlangte, beschloss er, das Ersehnte selbst zu erschaffen. Er wählte einen Block Elfenbein, so weiß wie der erste Schnee auf dem Gipfel des Ida, und begann zu arbeiten. Die Wochen vergingen, und langsam wuchs unter seinen Händen eine Gestalt hervor.

Die Gestalt war die einer Frau. Pygmalion arbeitete mit einer Sorgfalt, die alle anderen Werke seines Lebens übertraf. Er gab ihr Hände, deren Finger sich leicht zu krümmen schienen, als wollten sie gleich ein Tuch aufheben oder einen Zweig berühren. Er gab ihr ein Gesicht, das von keiner wirklichen Frau abgeschaut war, sondern aus dem tiefsten Wunschbild seiner Seele stammte. Und er gab ihr eine Haltung, aufrecht, ruhig, als stünde sie an einer Schwelle und lauschte einem fernen Klang.

Als sie fertig war, trat Pygmalion zurück und betrachtete sein Werk im Licht der Abendsonne, die durch die offene Tür seiner Werkstatt fiel. Und in diesem Moment geschah etwas, das er nicht erwartet hatte: Er liebte sie. Nicht als ein Bildhauer sein Werk liebt, nicht mit dem kühlen Stolz des Handwerkers, sondern mit dem vollen, törichten, schutzlosen Herzen eines Mannes, der endlich gefunden hat, was er gesucht hat, auch wenn das Gefundene aus Elfenbein war und keinen Atem kannte.

Er nannte sie Galatea, das bedeutet die Milchweiße, und er sprach diesen Namen leise aus, wenn er allein in der Werkstatt stand. Er legte ihr Gewänder um die Schultern, zarte Tücher in der Farbe von Safran und Meeresblau, und er brachte ihr kleine Gaben: Muscheln vom Strand, einen Kranz aus Myrtenblüten, eine kleine Figur aus Bernstein, wie Liebende sie einander schenken. Er wusste, dass sie die Gaben nicht sah. Und doch brachte er sie.

Wenn er abends bei ihr saß und das letzte Licht langsam aus der Werkstatt wich, legte er manchmal die Hand auf ihre Wange. Das Elfenbein war kühl und glatt, und er ertappte sich dabei, dass er wartete, auf eine Wärme, die nicht kam. Die Nächte auf Zypern waren mild, der Jasmin blühte vor seinem Fenster, und von der Stadt herauf klang manchmal Musik, wenn die Menschen feierten. Pygmalion hörte es wie aus weiter Ferne.

Dann kam das Fest der Aphrodite. Auf der ganzen Insel Zypern war dieses Fest das größte des Jahres, denn Aphrodite selbst, die goldene Göttin der Liebe, war aus dem Schaum des Meeres nahe dieser Küste aufgestiegen, und die Zyprioten ehrten sie mit besonderer Hingabe. Altäre rauchten in den Gassen, Blumenkränze hingen an den Türen, und Opfertiere wurden in weißen Prozessionen durch die Straßen geführt. Pygmalion schloss seine Werkstatt, wusch sich die Hände vom Elfenbeinstaub und ging zum Tempel der Göttin.

Der Tempel stand auf einer Anhöhe über der Stadt, von Myrten umgeben, deren Duft schwer in der Abendluft hing. Pygmalion trat ein und legte sein Opfer nieder: eine Taube aus weißem Marmor, das Schönste, was er in kurzer Zeit zu schaffen vermocht hatte. Dann kniete er vor dem Altar und schloss die Augen. Er betete nicht mit großen Worten und nicht um Reichtum oder Ruhm. Er bat um etwas, das er sich kaum zu denken wagte.

Wenn die unsterblichen Götter den Sterblichen schenken, was ihre Herzen ersehnen, sprach er leise, dann schenke mir, eine Frau wie jene, die ich geschaffen habe. Er wagte nicht mehr zu sagen. Doch die Göttin, so heißt es, hört nicht nur die Worte, die gesprochen werden, sondern auch jene, die im Herzen ungesprochen bleiben. Und dreimal flammte das Feuer auf dem Altar hoch auf, ein Zeichen, das die alten Priester kannten. Pygmalion kehrte nach Hause zurück, als die Nacht sich über Amathus legte und die ersten Sterne erschienen. Er trat in seine Werkstatt und entzündete die Öllampe. Galatea stand, wo sie immer gestanden hatte, im milden Schein, mit dem Myrtenblütenkranz noch auf dem Haar, den er ihr morgens umgelegt hatte.

Er trat näher. Und dann geschah es. Seine Hand suchte ihre Wange, und die Wange war warm. Nicht die Wärme eines Steins, der tagsüber in der Sonne gelegen hat, sondern eine lebendige, atmende Wärme, wie die eines schlafenden Menschen. Pygmalion wich einen Schritt zurück. Er schaute auf seine eigene Hand, als traue er ihr nicht. Dann trat er wieder vor und legte die Finger auf ihr Handgelenk.

Unter seinen Fingern schlug ein Puls. Langsam und ruhig, wie das Herz eines Menschen, der eben aufwacht. Die Elfenbeinfarbe ihrer Haut wandelte sich, ein zartes Rosenrot zog durch die Wangen, und die Lippen, die er so lange betrachtet hatte, öffneten sich leicht. Dann hob sie die Lider, und ihre Augen, die er selbst geformt hatte, ohne je zu wissen, welche Farbe sie haben würden, schauten in das Licht der Lampe, und dann schauten sie ihn an.

Pygmalion stand reglos. Die Lampe flackerte. Draußen rauschte eine Brise durch den Jasmin, und von der Stadt herauf klang noch immer die Musik des Festes. Galatea bewegte die Hand, die er noch immer hielt, ganz leicht, ein winziges Antworten auf seinen Griff, und Pygmalion sagte ihren Namen, den Namen, den er so lange allein in seiner Werkstatt geflüstert hatte, nun laut, in die Stille der Nacht.

Aphrodite, so sagen die alten Geschichten, segnete ihre Verbindung. Und vielleicht war es die Göttin selbst, die an jenem Abend unsichtbar im Tempel lächelte und wusste, dass das größte Wunder der Liebe nicht jenes ist, das sich der Verliebte erhofft, sondern jenes, das über alle Hoffnung hinausgeht. Pygmalion und Galatea lebten auf der sonnenwarmen Insel Zypern, und mit der Zeit wurde ihnen ein Kind geschenkt, das Paphos hieß, und nach diesem Kind trägt noch heute eine Stadt auf Zypern ihren Namen. Das Fest der Aphrodite kehrte jedes Jahr wieder, und jedes Jahr legten die Menschen der Insel ihre Opfergaben nieder und dankten der Göttin für das, was sie den Liebenden geschenkt hatte.

Die Geschichte von Pygmalion und Galatea aber blieb im Gedächtnis der Menschen, nicht weil ein Wunder geschehen war, sondern weil in ihr etwas Wahres steckt: dass ein Herz, das aufrichtig liebt und aufrichtig bittet, manchmal erhört wird, auf eine Weise, die es sich niemals selbst hätte denken können. Die Lampe in der Werkstatt brannte in jener Nacht bis zum Morgen. Draußen stieg der Mond über das weinrote Meer, und sein Licht fiel auf die weißen Tempel der Stadt, auf die schlafenden Olivenhaine, auf die stillen Schiffe im Hafen.

Auf der Insel, aus deren Wellen einst Aphrodite aufgestiegen war, schlief die Welt ruhig und tief, und in einer kleinen Werkstatt saßen zwei Menschen beisammen und hörten den Zikaden zu, die in der Nacht zu singen begonnen hatten. Und wer in jener Nacht die Augen schloss, der hörte vielleicht noch lange das leise Rauschen des Meeres, das um die Küste der Insel Zypern strich, sanft, gleichmäßig, wie der Atem eines Menschen, der endlich in Frieden schläft.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Griechische Mythologie · Götter, Helden und die Odyssee.

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