Andreas’ Nacht

Nach griechischer Überlieferung · 6 Minuten zu lesen

Prometheus bringt den Menschen das Feuer

In jenen alten Tagen, als die Götter noch frisch auf dem Olymp thronten und die Erde noch lernte, wie es war, bewohnt zu sein, lebten die Menschen in einer tiefen und stillen Dunkelheit. Sie kannten die Wärme des Tages, doch wenn die Sonne sich ins Meer tauchte und die Nacht heraufzog, saßen sie frierend zwischen den Bäumen und hielten sich aneinander wie Schafe im Sturm. Sie aßen rohes Fleisch und zitterten, und die wilden Tiere der Nacht kamen nah an ihre Lager heran. Es war Prometheus, der Titan mit dem weitblickenden Sinn, der die Menschen so sah und es nicht ertragen konnte.

Prometheus war kein Olympier, aber er kannte den Olymp gut. Er hatte an der Seite des Zeus gestanden, als die jungen Götter die Titanen in den Tartaros gestoßen hatten, und Zeus hatte ihm vertraut. Doch nun, da der Olymp sich neu geordnet hatte und Zeus über alle Dinge herrschte, hatte der Beherrscher der Götter entschieden: Das Feuer gehöre den Unsterblichen. Es sei ihr Licht, ihre Wärme, ihr Vorrecht.

Den Menschen solle es fremd bleiben. Prometheus hatte gehört, wie Zeus dies verkündete, und in seinem Herzen hatte sich etwas dagegen gesträubt wie ein Baum gegen den Wind. Lange beobachtete Prometheus die Sterblichen von der Höhe herab. Er sah, wie geschickt ihre Hände waren, wie ihre Augen funkelten, wenn sie etwas Neues entdeckten, wie ihre Kinder lachten, wenn die Sonne sie wärmte.

Er sah auch die Kälte, die sie nachts übermannte, und die Angst, die wie ein Schatten über ihren Lagern lag. Da reifte in ihm ein Entschluss, so still und fest wie ein Felsen im Meer. Er würde den Menschen das Feuer bringen. Auf dem Olymp brannte in den heiligen Schmiedehöhlen des Hephaistos ein Feuer, das niemals erlosch. Es lebte in einem mächtigen Herd, und sein Schein war golden und warm wie Honig.

Prometheus stieg auf den Götterberg, als die Hallen ruhig waren und die Götter sich zum Mahl niedergelassen hatten. Er trug einen hohlen Fenchelstängel in der Hand, jene Pflanze, deren weißes, trockenes Mark glut lange bewahrt, ohne zu brennen. Lautlos näherte er sich dem heiligen Feuer, neigte den Stängel in die Flamme und spürte, wie die Glut ins Innere des Halms kroch und dort lebte, still und verborgen.

Dann stieg Prometheus hinab von dem leuchtenden Berg, schritt durch die Wolken und trug das Feuer in seinen Händen, als trüge er ein schlafendes Kind. Er kam zu den Menschen in der Dämmerung, als das letzte Abendrot verblasste und die Dunkelheit sich anschickte, die Erde zu bedecken. Die Menschen sahen ihn kommen und traten scheu zurück, denn der Titan war groß und seine Augen leuchteten. Doch er kniete sich nieder, legte den Fenchelstängel auf die Erde, sammelte dürres Gras und trockenes Holz um ihn herum und blies sanft auf die verborgene Glut.

Zuerst war nur ein Glimmen. Dann ein kleines Zucken. Dann öffnete sich das Feuer wie eine Blüte in der Nacht, orange und rot und golden, und seine Wärme schlug den Menschen ins Gesicht. Sie wichen zunächst zurück, denn dies war etwas, das sie nie gesehen hatten. Aber die Wärme war so gut, so tief und lebendig, dass einer nach dem anderen nähertrat und die Hände ausstreckte. Ein Kind griff nach dem Licht, und seine Mutter lachte leise. Dann lachten auch die anderen, und ihr Lachen war heller als die Sterne über ihnen.

Dies ist das Feuer, sagte Prometheus, und seine Stimme war ruhig wie stehendes Wasser. Hütet es. Nährt es. Es wird eure Nächte erhellen, eure Nahrung garen und die wilden Tiere auf Abstand halten. Es ist das Geschenk, das euch zu mehr macht als bloße Geschöpfe der Erde. Die Menschen sahen ihn an und verstanden, dass etwas Großes geschehen war. Manche neigten den Kopf, als wollten sie sich verneigen. Prometheus aber stand auf und blickte zurück zum Olymp, der fern über den Hügeln leuchtete, und er wusste, dass sein Tun nicht verborgen bleiben würde.

Nicht lange, und Zeus sah vom Olymp herab auf die sterbliche Erde. Überall, wo vorher Dunkelheit gewesen war, flackerten nun kleine Lichter: auf Hügeln und in Tälern, an den Ufern der Ströme und auf den Ebenen, wo die ersten Felder entsprossen. Das Feuer der Götter lebte in den Händen der Menschen. Zeus’ Stirn verdunkelte sich wie ein Sommergewitter, das aufzieht, und sein Zorn war so mächtig, dass der Olymp unter seinen Schritten zitterte. Er ließ Prometheus rufen, und der Titan trat vor ihn, aufrecht und ohne zu zittern. Zeus stand vor ihm wie ein Berg aus Sturm, und seine Augen blitzten.

Du hast genommen, was mein war, sprach Zeus, und es denen gegeben, die es nicht besitzen sollten. Dafür wird dein Preis der schwerste aller Preise sein. Prometheus schwieg. Er hatte gewusst, dass dieser Augenblick kommen würde. Er hatte ihn in seinem Herzen getragen wie einen Stein, und er hatte ihn gewählt. Die Strafe, die Zeus verhängte, war von einer Schwere, die selbst unter den Göttern als groß galt. Prometheus wurde an einen Felsen im Kaukasus geschmiedet, hoch oben in den Bergwinden, und jeden Tag kam ein Adler und fraß von seiner immer neu nachwachsenden Leber.

Die Nächte waren kalt dort oben in den ewigen Winden, aber Prometheus sah von seinem Felsen in die Weite der Welt, und er sah die Feuer der Menschen unten in den Tälern und auf den Küsten brennen. Er sah, wie sie sich in der Dunkelheit zusammenfanden und wärmten und kochten und sprachen. Und er rechnete ab und fand, dass er es noch einmal getan hätte. Viele, viele Zeitalter vergingen, während Prometheus an seinen Felsen gefesselt blieb.

Doch die Geschichte wusste schon damals, dass diese Fesselung kein ewiges Ende war, ein Held würde kommen, der die Ketten sprengen würde, und dieser Held war noch nicht geboren. Aber die Feuer der Menschen brannten weiter, Winter für Winter, durch alle Geschlechter. Sie brannten auf Altären und in Herden, auf Schiffen und in Werkstätten, und jedes Mal, wenn ein Mensch nachts ans Feuer trat und seine Hände wärmte, lebte der Titan Prometheus in dieser Geste weiter. Das Feuer blieb. Es brannte durch die Zeitalter wie ein stiller, unerschöpflicher Atem, ein Geschenk, das niemand mehr zurücknehmen konnte.

Und die Menschen schliefen nun warm in ihren Hütten, ihre Kinder an sich gedrängt, während draußen die Nacht über den Olivenhainen lag und das Feuer seinen roten Schein auf die Decken warf. Der Wind kam vom Meer herüber, und irgendwo hoch über den Wolken glänzten die goldenen Hallen des Olymp, aber die Wärme gehörte nun auch der Erde. Pandora und die Hoffnung.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Griechische Mythologie · Götter, Helden und die Odyssee.

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