Andreas’ Nacht

Nach griechischer Überlieferung · 7 Minuten zu lesen

Poseidon und das Reich der Meere

In jenen alten Tagen, als die Welt noch frisch geformt war und die großen Götter eben erst ihre Reiche in Besitz genommen hatten, lag das Meer eines Morgens so weit und still, dass es keinen Anfang und kein Ende zu kennen schien. Weit im Westen, wo die Sonne ins Wasser tauchte, und weit im Osten, wo sie wieder stieg, gehörte es einem einzigen Gott: Poseidon, dem Erderschütterer, dem Bruder des Zeus, dem Herrn der Tiefen. Er war der zweite der drei großen Söhne des Kronos, und wie Zeus den Himmel empfangen hatte und Hades das Dunkel unter der Erde, so gehörte Poseidon alles, was zwischen den Küsten lag und rauschte und sang.

Wie aber war es dazu gekommen? Die Geschichte beginnt, wie so viele Geschichten, mit dem Ende einer anderen: mit dem Ende der Herrschaft der Titanen. Als Zeus und seine Geschwister den langen Kampf gegen das alte Göttergeschlecht gewonnen hatten und der Olymp in ihren Händen lag, musste die Welt neu verteilt werden. Die drei Brüder, Zeus, Poseidon und Hades, traten zusammen und warfen ihre Lose in einen bronzenen Helm. Zeus zog zuerst, und der Himmel fiel ihm zu. Hades zog als letzter, und das unterirdische Reich ward seins.

Poseidon aber, der Breite, der Gewaltige, streckte die Hand aus und zog das Los des Meeres, und in jenem Augenblick spürte er, wie die Wellen in seiner Brust zu rauschen begannen. Sein Reich war unermesslich. Es umfasste die hohen Wogen des Ozeans, der die ganze Welt umgürtete wie ein Gürtel aus bewegtem Silber, und es umfasste das weinrote Mittelmeer mit seinen tausend Buchten und Inseln, seinen Riffen aus rotem Korallen und seinen stillen Tiefen, in denen das Licht schon nach wenigen Klaftern erstarb.

Poseidon schritt über die Wellen, ohne zu sinken, denn das Wasser trug ihn wie festen Boden, und wo sein Dreizack das Meer berührte, sprang die Flut auf wie ein Hund, der seinen Herrn erkennt. Fischerboote schaukelten auf dem Wellenkamm, und die Matrosen schauten nach oben und flüsterten seinen Namen. Das Meer ist kein Spiegel, so pflegte Poseidon zu sagen, wenn die Götter beisammensaßen, es ist kein stiller Teich. Es ist der älteste Atem der Welt, und er gehört mir.

In den Tiefen seines Reiches ließ Poseidon sich einen Palast errichten, wie ihn kein Sterblicher je gesehen hat und keiner je sehen wird. Er lag auf dem Meeresgrund, dort, wo die Strömungen sich wie Flüsse kreuzten und das Wasser nicht mehr blau, sondern schwarz war. Die Wände waren aus grünem und grauem Marmor geschliffen, der Knochen von Leviathanen, die vor den Göttern gelebt hatten, und die Türme ragten auf wie Riffe aus purem Silber. Muscheln so groß wie Schiffe bildeten die Dächer, und durch ihre halbtransparenten Wände fiel das Tiefenlicht wie durch Milchglas.

Seetang hing in langen Vorhängen durch die Eingangshallen, und Tintenfische mit leuchtenden Augen schwebten still wie Wächter vor den Toren. Hier regierte Poseidon mit seinem mächtigen Dreizack, dem Symbol seiner Herrschaft, das er schon damals trug, als die Welt geteilt worden war. Dieses Werkzeug war von den Zyklopen geschmiedet worden, jenen einäugigen Schmiedegeistern, die auch dem Zeus den Donnerkeil gegeben und dem Hades den Helm der Unsichtbarkeit gefertigt hatten. Der Dreizack gehorchte Poseidons Willen wie eine verlängerte Hand. Mit einem einzigen Schlag gegen den Meeresgrund konnte er Wellen erzeugen, die Schiffe wie Holzspäne davontrugen. Mit einem ruhigen Senken der Zinken legte er den Sturm wieder schlafen.

Doch Poseidon war kein Gott, der gerne stillsaß. Er liebte die Bewegung, das Reisen über sein Reich, das Spüren des Windes im Haar. Wenn er auszog, ließ er von Meisterschmieden im Meeresgrund einen Wagen bauen, der alles übertraf, was Sterbliche sich vorstellen konnten: Das Gestell war aus bläulichem Metall, das nur in den Tiefen der Erde vorkommt, die Räder aus poliertem Perlmutt.

Unsterbliche Pferde zogen diesen Wagen, Rosse mit mähnenwallenden Hälsen und Hufen aus Muschel, die das Wasser nicht traten, sondern es erspielten wie Wind die Oberfläche eines Sees. Poseidon stand aufrecht auf dem Bock, den Dreizack in der Rechten, das salzige Haar nach hinten geweht, und wo sein Gespann dahinfuhr, glätteten sich die Wellen zu beiden Seiten wie eine Gasse aus smaragdgrünem Glas.

Sein Reich war reich, aber es war auch unruhig. Das Meer ist keine friedliche Welt. In seinen Tiefen wohnten Ungeheuer, die schon vor den Göttern da gewesen waren: Skylla mit ihren sechs Häuptern, Charybdis, der reißende Schlund. Poseidon duldete sie in seinem Reich wie ein König die wilden Tiere in seinen Wäldern duldet: nicht, weil er sie mochte, sondern weil sie zum Wesen des Meeres gehörten. Das Meer ist kein zahmes Ding. Es gibt und es nimmt. Es trägt die Schiffe und verschluckt sie. Das war Poseidons Wahrheit, und er trug sie ohne Bedauern.

Doch neben den Schrecken gab es auch die Schönheit. Nereiden, Töchter des alten Meeresgottes Nereus, zogen in silbernen Scharen durch sein Reich, tanzten um die Korallentürme und sangen in einer Sprache, die kein Mensch verstand, die aber die Meeresmuscheln lernten und bis heute tragen. Tritonen bliesen in ihre Schneckenhörner und riefen damit die Winde herbei oder jagten sie fort. Der alte Proteus, der Wandler, weidete seine Robbenherden auf den Sandbänken der stillen Buchten und träumte von fernen Küsten. Das Meer lebte. Es war nicht leer. Es war voll von Geistern und Stimmen, und Poseidon war ihr König.

Einmal aber, in jener Zeit, da die Götter noch öfter unter den Menschen wandelten und jeder Berg und jede Stadt nach göttlichem Schutz verlangte, geschah etwas, das den Erderschütterer in direkten Wettstreit mit einer anderen Göttin brachte. Eine junge, blühende Stadt am Rand des Meeres suchte eine Gottheit, die ihr Schutz und Namen geben sollte. Dieser Wettstreit gehört einer anderen Geschichte, denn dort tritt eine andere Göttin in den Vordergrund, die eulenäugige Athene, und wie dieser Streit ausging, wird das nächste Kapitel erzählen. Hier, in Poseidons Geschichte, genügt es zu wissen, dass er sein Reich mit ganzem Herzen beanspruchte und niemals aufhörte, nach mehr zu verlangen.

Denn so war Poseidon: großzügig wie das offene Meer, wenn es ruhig liegt, und zornig wie die Brandung, wenn man ihn vergaß. Wenn Matrosen die Opfer auf dem Wasser ausließen, Ölkrüge, die sich leise öffneten und ihr Gold ins Salz entließen, Kränze aus Myrte, die auf den Wellen trieben, dann spürte Poseidon es in seinem Palast wie ein Echo, das die Wände seiner Hallen füllte. Er war nicht grausam aus Natur, aber er war ein Gott, der Aufmerksamkeit liebte. Das Meer verlangt Respekt. Das wusste jeder Fischer, der je auf seinen Knien gebetet hatte, bevor er sein Boot ins Wasser schob.

So lebte Poseidon, der Erderschütterer, in seinem Reich zwischen den Küsten der Welt: an einem Tag auf dem rauschenden Wellenkamm, am nächsten in den lautlosen Tiefen seines Palastes, wo das Licht verlosch und nur die Stimmen der Nereiden noch klangen. Und wenn das Meer in der Nacht aufschäumt, wenn die Wellen gegen den Fels schlagen und das Salzwasser die Luft füllt mit seinem alten Geruch, dann ist das der Atem des Gottes, der schläft und atmet und träumt. Das Meer gehört ihm. Und es gehört ihm bis heute. Ruhig liegt es nun, in der Stille der Nacht, zwischen den Inseln und Buchten der alten Welt, und sein Rauschen ist ein Lied, das keinen Anfang kennt und kein Ende.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Griechische Mythologie · Götter, Helden und die Odyssee.

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