Andreas’ Nacht

Nach griechischer Überlieferung · 7 Minuten zu lesen

Polyphem, der Zyklop

Nachdem die Schiffe des Odysseus das Land der Lotosesser hinter sich gelassen hatten und die Männer wieder klaren Geistes an den Rudern saßen, trieb der Wind sie durch die Nacht, und am Morgen sahen sie eine Insel im Dunst liegen. Sie war von Wäldern bedeckt und grün, und wilde Ziegen streiften unbehelligt über ihre Hänge. Gegenüber, jenseits einer schmalen Meerenge, lag eine zweite Küste, rauher, felsiger, von einer seltsamen Stille durchzogen. Kein Pflug hatte je ihre Erde aufgebrochen, kein Mensch je ein Haus darauf errichtet, und dennoch stiegen aus dem Boden Gerste und Wein, als hätte die Erde selbst für jemanden gesorgt, der sich nicht darum kümmerte.

Odysseus ließ seine Flotte auf der waldreichen Insel ankern und verbrachte die Nacht dort, während das Feuer knisterte und der Geruch von Ziegenfleisch in die Dunkelheit stieg. Doch am nächsten Morgen, als das erste Licht über das weinrote Meer strich, rief er zwölf seiner tapfersten Männer zu sich und ließ ein einziges Schiff ins Wasser gleiten. Er wollte wissen, was jenseits der Meerenge lebte. Das war seine Art: nicht zurückzublicken, bevor er nicht alles gesehen hatte. Und so stieß das Schiff vom Ufer ab, und die Ruder tauchten rhythmisch ins stille Wasser.

Drüben an der Küste fanden sie eine Höhle, groß wie ein kleiner Tempel, mit Felsplatten vor dem Eingang und Pferchen aus Flechtwerk, in denen junge Lämmer und Zicklein standen, nach Alter getrennt, sorgsam geordnet. Im Inneren lagen Käselaibe auf Regalen aus Stein, und Eimer standen in Reihen, schwer von Molke. Alles roch nach Milch, nach Wolle, nach dem dumpfen Atem großer Tiere. Die Männer wollten sich nehmen, was sie konnten, und fliehen, doch Odysseus ließ sie warten. Er wollte den Bewohner sehen. Diese Entscheidung sollte sie viel kosten.

Noch bevor die Sonne ihren höchsten Stand erreichte, hörten sie ihn. Zuerst ein Dröhnen im Fels, dann das Geräusch einer Last, die auf die Erde fiel, ein Arm voll Holz, schwer genug, den Boden erzittern zu lassen. Dann erschien er selbst in der Öffnung der Höhle: Polyphem, Sohn des Poseidon, ein Zyklop von solcher Größe, dass sein Schatten die Männer vollständig bedeckte. Ein einziges Auge saß ihm mitten in der Stirn, rund wie der Mond, und es leuchtete in der Dunkelheit der Höhle wie eine Fackel. Er trieb seine Herde hinein, rollte mit einer Hand einen Felsblock vor den Eingang, so groß, dass zwanzig Wagen ihn nicht hätten bewegen können, und zündete sein Feuer an.

Im Schein der Flammen sah er die Männer. Er fragte, wer sie seien und woher sie kämen, und seine Stimme rollte durch die Höhle wie fernes Donnergrollen. Odysseus antwortete ruhig. Er nannte sich und seine Männer Krieger aus Troja, Gäste des Zeus, der über das Gesetz der Gastfreundschaft wacht. Doch Polyphem lachte, und sein Lachen war das Krachen brechender Äste. Die Zyklopen achten nicht auf Zeus, sprach er, nicht auf seinen Donner und nicht auf sein Gesetz. Wir sind stärker als die Götter des Himmels, und das Meer ist das Reich meines Vaters. Sag mir lieber, wo euer Schiff liegt.

Odysseus antwortete, sein Schiff sei zerschellt, eine Lüge, klar und ruhig gesprochen, die erste von mehreren. Polyphem griff ohne weiteres Wort nach zwei der Männer, erschlug sie, aß sie bei seinem Feuer und schlief danach, als hätte er nichts Ungewöhnliches getan. Die übrigen drängten sich in die dunkelste Ecke der Höhle und warteten die Nacht durch. Odysseus fasste seinen Plan in der Stunde vor dem Morgengrauen.

Im Schafstall der Höhle lag ein Pfahl aus Olivenholz, grün und frisch, so lang wie ein Schiffsmast. Er ließ seine Männer leise ein Ende davon zurechtstutzen und zuspitzen. Sie versteckten den Pfahl unter dem Mist und warteten. Als Polyphem am Morgen erneut zwei Männer nahm, dann die Herde hinaustrieb und den Felsen wieder vor den Eingang rollte, blieben die Überlebenden im Dunkel. Sie hatten den Tag und sie hatten den Plan.

Am Abend kehrte der Zyklop zurück. Odysseus trat vor ihn hin und reichte ihm eine Schale Wein, tiefdunklen, starken Wein, den sie von ihrem Schiff mitgenommen hatten. Polyphem trank, und seine Augen wurden weich. Er hielt die leere Schale hin und fragte nach dem Namen dessen, der ihm einen solchen Trunk gegeben hatte. Niemand, sagte Odysseus ruhig, mein Name ist Niemand. So nennen mich meine Mutter und mein Vater und alle meine Gefährten.

Der Zyklop lachte und sagte, dann werde er Niemand zuletzt fressen, das sei sein Gastgeschenk. Er trank noch zweimal, legte sich schwer nieder und schlief. Die Höhle bebte von seinem Atem. Odysseus ließ den Pfahl in die Glut schieben, bis die Spitze glühte, und dann trieben er und seine vier stärksten Männer ihn in das einzelne Auge des schlafenden Riesen. Polyphem schrie. Sein Schrei zerriss die Nacht, und die anderen Zyklopen, die auf den Hängen ringsum wohnten, kamen an den Eingang seiner Höhle. Sie riefen seinen Namen und fragten, wer ihm etwas antue.

Niemand!, brüllte Polyphem aus seiner Höhle. Niemand tut mir etwas an! Die anderen zuckten die Schultern und gingen. Wenn niemand schuld war, so dachten sie, dann mochte Polyphem selbst mit seinem Schicksal fertig werden. Odysseus hörte ihre Schritte im Dunkel verhallen und wusste, dass sein Plan gehalten hatte. Doch sie waren noch in der Höhle, und der Felsen versperrte den Eingang.

Als Polyphem am Morgen tastend den Stein beiseiteschob, um die Herde hinauszulassen, kauerte er sich in die Öffnung und fuhr mit den Händen über den Rücken jedes Tieres, um die Männer zu ertappen. Odysseus hatte seine Männer bereits unter den dichtbewollten Bäuchen der Böcke festgebunden, je einen Mann unter einem der größten Tiere. Tier um Tier trottete an den Händen des blinden Riesen vorbei ins Freie, und er spürte nichts als Wolle.

Das letzte Tier war der stärkste Bock der Herde, und Odysseus hing darunter, die Finger in das Vlies gekrallt, das Gesicht gegen den warmen Bauch des Tieres gepresst, und hörte das Licht und den Wind und die Freiheit näher kommen, Schritt für Schritt. Draußen loste er die Männer los, trieb die Tiere zum Schiff und ließ rudern, so schnell die Arme es erlaubten. Als das Schiff ein gutes Stück vom Ufer entfernt war, konnte Odysseus nicht schweigen. Er rief zurück, und das war sein Fehler, jener eine Moment, in dem sein Stolz stärker war als seine Klugheit. Er rief seinen wahren Namen über das Wasser.

Polyphem hob die Arme zum Himmel und rief zu seinem Vater Poseidon: Erhöre mich, Erderschütterer. Wenn ich wirklich dein Sohn bin, dann lass den Odysseus von Ithaka sein Zuhause niemals oder erst nach langen Jahren erreichen, arm und fremd, auf fremdem Schiff, und finde ihn Unheil daheim. Die Wellen trugen das Schiff weiter, und das Rudern der Männer war das einzige Geräusch in der Stille danach.

Irgendwo über dem Wasser horchte das Meer auf die Worte seines Gottes. Poseidon hatte gehört. Und von diesem Tag an lag ein Gewicht auf der Reise des Odysseus, das nicht von Winden oder Wellen kam, sondern von dem Zorn einer unsterblichen Macht, die sich an seinen Namen erinnerte. Doch das Schiff fuhr weiter, und die Männer ruderten, und die Küste des Zyklopen versank im Dunst.

Sie erreichten die anderen Schiffe der Flotte noch in jener Nacht, und das Feuer auf der kleinen Insel brannte hell. Die Überlebenden setzten sich in den Schein der Flammen und schwiegen, und das Meer lag still um sie her. Bald würden neue Winde sie weitertragen, und neue Länder lagen vor ihnen, darunter jene Insel, auf der Aiolos, Hüter der Winde, wohnte und die Stürme der Welt in einem gebundenen Sack verwahrte.

Doch das war noch nicht diese Nacht. In dieser Nacht schliefen die Männer unter den Sternen, und das Meer schaukelte ihre Erschöpfung sanft hin und her, und weit drüben auf dem dunklen Wasser lag die Insel des Zyklopen still und stumm, als hätte sie nie existiert, als wäre alles nur ein Traum am Rand der Welt gewesen. Aiolos und der Sack der Winde.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Griechische Mythologie · Götter, Helden und die Odyssee.

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