Andreas’ Nacht

Nach griechischer Überlieferung · 6 Minuten zu lesen

Philemon und Baucis

In jenen alten Tagen, als die Götter noch selbst über die Erde wanderten und die Menschen auf die Probe stellten, lag in Phrygien ein kleines Dorf am Hang eines sanften Hügels. Die Häuser dort waren aus Lehm und Stein gebaut, die Felder schmal, die Brunnen tief. Durch dieses Dorf zogen an einem Abend zwei Männer, deren Gewänder staubig und deren Schritte müde wirkten, zwei Wanderer, die Schatten gegen das letzte Rot des Himmels. Sie klopften an eine Tür nach der anderen und baten um ein Nachtlager, um etwas Brot, um einen Schluck Wasser. Doch Tür um Tür blieb ihnen verschlossen, Stimmen wurden laut hinter den Ritzen, Riegel wurden vorgeschoben.

Am Ende des Dorfes, abseits der anderen Häuser, stand eine kleine Hütte. Ihre Wände neigten sich leicht zur Seite, das Strohdach war dünn und von Moos gefleckt. Doch aus dem Spalt unter der Tür schimmerte Licht, und Rauch stieg ruhig aus dem Schlot. Dort lebten Philemon und Baucis, ein altes Ehepaar, das in dieser Hütte seit vielen, vielen Jahren zusammen gewohnt hatte, arm an Besitz, aber reich an dem, was sie sich täglich schenkten. Als die beiden Wanderer anklopften, öffnete Baucis sogleich die Tür, und Philemon trat von seinem Platz am Herd auf.

Sie fragten nicht nach Namen oder Herkunft. Sie baten die Müden einzutreten, schoben ihnen die einzige Bank näher ans Feuer und legten mehr Holz nach, als sie eigentlich entbehren konnten. Baucis schürte die Glut und hing einen Topf über die Flammen. Sie brachte Oliven und Käse, eingelegte Früchte und das Brot vom Morgen, das noch nicht ganz hart geworden war. Philemon schenkte Wein aus einem kleinen Krug ein, der halb gefüllt war, und setzte ihn auf den Tisch zwischen sie alle, ein Tisch, dessen eines Bein etwas kürzer war als die anderen, sodass Baucis eine Scherbe daruntergelegt hatte, damit er nicht wackelte.

Die Wanderer aßen und tranken. Und dann geschah etwas, das Philemon zunächst nicht bemerkte, das Baucis aber innehalten ließ. Der Weinkrug war leer geworden, oder hatte es so geschienen. Doch als sie ihn erneut in die Hand nahm, war er wieder voll. Sie füllte die Becher ein zweites Mal, und der Krug blieb schwer. Ein drittes Mal, und noch immer strömte Wein. Baucis trat von dem Tisch zurück und sah die Wanderer an, und in diesem Moment löste sich etwas in dem ruhigen Abend, als würde ein Schleier, dünn wie Morgendunst, zur Seite gleiten.

Die Gestalt des älteren der beiden Wanderer schien größer zu werden, oder vielleicht war es der Raum, der enger wirkte. Das Licht der Feuerstelle fiel anders auf sein Gesicht. Und der jüngere, der, der die ganze Zeit so wachsam und leise gelächelt hatte, berührte die Flügel an seinen Sandalen, die Philemon vorher nicht gesehen haben wollte. Baucis sank auf die Knie, und Philemon mit ihr, und sie beide wussten es nun, ohne dass ein Wort gesprochen worden war: Zeus, der wolkenversammelnde, war in ihrer Hütte. Und mit ihm Hermes, sein geflügelter Bote, der alle Wege kennt.

Ihr allein habt uns aufgenommen, sprach Zeus, und seine Stimme war tief wie das Rollen ferner Donner, aber ruhig. Alle anderen haben uns fortgewiesen. Bittet euch, was ihr begehrt, ich werde es gewähren. Philemon und Baucis sahen einander an. Zwischen ihnen lag in diesem Blick alles, was sie gemeinsam erlebt hatten, die langen Sommer, die knappen Winter, die Abende am Herd, die Morgen, an denen einer schon aufgestanden war, bevor der andere die Augen öffnete.

Philemon sprach dann für sie beide, und seine Bitte war keine Bitte um Gold oder Gesundheit oder Macht. Er bat darum, die Hütte in einen Tempel verwandeln zu dürfen, um den Göttern zu dienen, solange ihnen noch Atem vergönnt sei. Und er bat noch um eines: dass keiner von ihnen den anderen überleben müsse. Dass sie zusammen gehen dürften, wenn die Zeit gekommen sei.

Zeus neigte den Kopf. Was dann geschah, geschah nicht mit Lärm oder Blitz. Das Strohdach hob sich, die Lehmwände wurden fester und heller, die Schwelle erhöhte sich, und wo die enge Hütte gestanden hatte, stand nun ein Tempel mit weißen Säulen, die das Mondlicht tranken. Die Bank, auf der die Wanderer gesessen hatten, war aus Holz geworden, das nicht mehr verwitterte. Der Krug auf dem Tisch glänzte wie Gold. Und das Dorf im Tal, das Dorf, das den Göttern die Tür verschlossen hatte, lag nun still unter dem Wasser eines Sees, der sich lautlos ausgebreitet hatte, als hätte das Land selbst nachgedacht und eine Entscheidung getroffen.

Philemon und Baucis lebten viele Jahre in ihrem Tempel. Sie hüteten das Feuer, empfingen die Reisenden, und was sie besaßen, gaben sie weiter, wie sie es immer getan hatten, nur dass es nun nie weniger wurde. Die Jahre legten sich leise auf sie wie Schichten von weichem Staub, und ihre Schritte wurden langsamer, ihre Stimmen ruhiger, ihre Hände ein wenig kühler. Aber keiner von ihnen wurde krank, und keiner musste am Bett des anderen sitzen und warten. An einem Abend im Spätsommer, die Zikaden sangen noch, aber matter als im Juli, und die Luft roch nach trockenem Laub, standen Philemon und Baucis vor dem Tempel und sahen über den See.

Sie sprachen miteinander, wie sie es immer getan hatten, ohne Eile, und dann verstummten sie, und während sie noch nebeneinander standen, begann etwas an ihnen zu werden, was sie selbst kaum spürten. Rinde legte sich um Philemon, zart wie ein Gewand, und Baucis spürte, wie ihre Finger leichter wurden, wie Laub, das sich hebt. Aus zwei alten Menschen wurden zwei Bäume, die nebeneinander wuchsen und deren Äste sich im Wind berührten, eine Linde und eine Eiche, für immer beieinander vor der Schwelle des Tempels.

Die Menschen in der Gegend wussten von dieser Geschichte. Wenn sie an den zwei Bäumen vorübergingen, blieben sie einen Moment stehen. Sie banden manchmal einen Streifen Leinen an einen der Äste, oder sie legten eine Blume auf die Wurzeln, die sich miteinander verflochten hatten, als hätten sie einander nie losgelassen. Es hieß, wer unter diesen Bäumen rastete und ruhig war, der schlafe besser als anderswo. Denn an diesem Ort lebte noch etwas von dem Abend, an dem eine arme Hütte offen geblieben war, und zwei Götter eingetreten waren, weil sie eingelassen wurden.

So endet die Geschichte von Philemon und Baucis, eine Geschichte nicht von großen Helden oder fernen Schlachten, sondern von einem Tisch, einem Krug und zwei Menschen, die einander nie im Stich gelassen haben. Der See liegt noch immer still in der phrygischen Ebene, und die zwei Bäume rauschen leise, wenn ein warmer Wind vom Meer heraufzieht und die Nacht sich über das Land legt.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Griechische Mythologie · Götter, Helden und die Odyssee.

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