Nach griechischer Überlieferung · 6 Minuten zu lesen
Perseus und die Medusa
In jenen alten Tagen, als die Götter noch über den Olymp wandelten und ihr Wille wie Sturm und Sonne über die Welt fuhr, lebte auf der Insel Seriphos ein junger Mann namens Perseus. Er war der Sohn des wolkenversammelnden Zeus und einer sterblichen Frau, und wie alle Kinder zwischen zwei Welten trug er etwas in sich, das größer war als sein gegenwärtiges Leben — er wusste es nur noch nicht. Mit seiner Mutter Danaë hatte er viele Jahre still auf dieser kleinen Insel gelebt, umgeben vom weinroten Meer und dem Wind, der aus dem Süden kam, salzig und warm.
Doch Seriphos war keine Insel des Friedens geworden. Polydektes, der König, begehrte Danaës Gunst, und Perseus stand ihm dabei im Weg. So ersann der König eine List, die nach einem Fest roch und nach Gift schmeckte. Er veranstaltete ein großes Gastmahl und bat alle Männer der Insel, ihm ein Pferd als Geschenk zu bringen. Perseus hatte kein Pferd und kein Gut, und als der König spöttisch fragte, was er denn beizusteuern gedenke, antwortete der junge Mann ohne nachzudenken: Alles, was der König wünsche, er werde es beschaffen. Polydektes lächelte, und sein Lächeln war kalt.
Dann bring mir das Haupt der Gorgo Medusa, sprach er, und ich werde zufrieden sein. Perseus verließ das Gastmahl in der Nacht, trat ans Meer und stand lange dort. Er kannte die Geschichte der Medusa, wer kannte sie nicht. Sie lebte am Rand der Welt, dort wo die Erde aufhört und das Dunkel beginnt, zusammen mit ihren Schwestern, den Gorgonen. Wer ihr in die Augen blickte, erstarrte zu Stein. Kein Sterblicher hatte sie je gesehen und war zurückgekehrt, um davon zu berichten. Und doch hatte er sein Wort gegeben, leichtfertig vielleicht, aber gegeben.
Es waren die Götter, die ihn nicht allein ließen. Hermes erschien ihm zuerst, so wie der Bote des Olymp immer erscheint: plötzlich, leicht, als wäre er schon immer dagewesen. Er brachte eine Waffe, eine Harpe, eine gekrümmte Klinge, scharf wie ein Gedanke und leuchtend wie Mondlicht auf Wasser. Kurz darauf trat Athene, die eulenäugige, hinzu. Ihre Augen ruhten ruhig auf Perseus, und sie hielt einen Schild aus poliertem Bronze. Sie sprach kein langes Wort, sondern zeigte nur, wie er den Schild halten solle, als Spiegel, der das Bild der Gorgo auffing, ohne dass das Auge sie direkt berührte.
Doch noch fehlten ihm Dinge, die kein Gott einfach verschenken konnte. Die Nymphen des Nordens bewahrten drei Gegenstände, die Perseus brauchen würde: Flügelschuhe, die über jede Entfernung trugen, einen Ledersack, in dem selbst das Haupt der Gorgo nicht schaden konnte, und die Tarnkappe des Hades, die jeden unsichtbar machte, der sie trug. Doch niemand wusste, wo diese Nymphen wohnten, niemand außer den Graiai, den drei greisen Schwestern, die gemeinsam mit einem einzigen Auge und einem einzigen Zahn lebten und einander beides reichten wie einen kostbaren Besitz.
Perseus fand sie in einem Tal, das von keiner Sonne je warm geküsst wurde. Die drei Graiai saßen beieinander und reichten das Auge gerade von einer Hand zur anderen, als Perseus zugriff und es hielt. Sie tasteten, suchten, riefen, doch er gab es nicht zurück, bis sie ihm den Weg zu den Nymphen gezeigt hatten. Dann legte er das Auge still in die wartende Hand der nächsten Schwester und trat zurück ins Dunkel, bevor sie erkennen konnten, wer er gewesen war.
Die Nymphen empfingen ihn freundlich. Sie übergaben ihm die Flügelschuhe, und Perseus spürte, wie die Erde unter ihm leichter wurde, kaum dass er sie an den Füßen trug. Der Ledersack hing an seiner Seite, und die Tarnkappe aus dunklem Leder legte er vorsichtig in den Gürtel. So gerüstet wie kaum ein Sterblicher vor ihm stand er am Rand der bekannten Welt und schaute nach Westen, dorthin, wo die Gorgonen schliefen.
Er flog tief über das Meer, das unter ihm silbergrau glänzte wie ein alter Spiegel. Die Küsten wurden fremd, die Sterne verschoben sich, und der Wind roch nach nichts mehr, was er kannte. Dann sah er sie, nicht mit den Augen, sondern im Spiegelbild des Schildes. Die drei Schwestern lagen schlafend auf steinigem Boden, ihre schuppigen Flügel gefaltet, ihre Gesichter abgewandt vom Mondlicht. Zwei von ihnen waren unsterblich: Stheno und Euryale. Die dritte, Medusa, war es nicht, und sie war es, zu der Perseus nun lautlos und unsichtbar niederstieg.
Im Schild sah er ihr Gesicht. Selbst im Spiegelbild war es etwas, das man nicht lange betrachten wollte, Schlangen dort, wo Haar gewesen sein mochte, ein Gesicht, in dem die Welt erstarren konnte. Aber es war ein Abbild, kein Blick, und Perseus ließ sich davon leiten. Er hob die Harpe, und in einem einzigen Zug vollbrachte er das Werk. Er wandte den Blick nicht hin.
Was dann geschah, war das Staunen: Aus der Gorgo traten zwei Wesen hervor, die vorher niemand hatte ahnen können. Pegasos, das geflügelte Pferd, weiß wie Wolken und schön wie ein Gedicht über das Fliegen, erhob sich in die Luft und stieg davon in den Himmel. Und Chrysaor, ein Krieger mit goldenem Schwert, trat auf die Erde, Kinder einer alten Verbindung, nun frei. Perseus sah sie nur einen Augenblick lang, dann hatte er den Ledersack geschlossen und die Tarnkappe aufgesetzt.
Die unsterblichen Schwestern erwachten. Stheno und Euryale erhoben sich mit einem Laut, der das Gestein erzittern ließ, und suchten mit allen Sinnen, was in ihrer Mitte geschehen war. Doch Perseus war schon in der Luft, unsichtbar und weit, die Flügelschuhe trugen ihn fort über das graue Meer, hinauf in den Wind, der ihn südwärts trug. Die Schwestern kreisten noch lange unter ihm, ohne ihn zu finden, und mit der Zeit wurden sie nur noch ein fernes Rauschen unter ihm, dann Stille. Er flog durch die Nacht und durch einen Morgen. Das Meer wurde wieder vertraut, wärmer und blauer, und die Küsten, an denen er vorbeizog, rochen nach Thymian und Salz.
In der Ferne erkannte er die Umrisse von Inseln, die er kannte, und weiter östlich lagen noch andere Gestade, wo eine andere Geschichte bereits auf ihn wartete. Doch das gehört einem anderen Abend. Perseus kehrte nach Seriphos zurück. Er fand seine Mutter Danaë, er fand den König Polydektes, und er vollendete auf seine Weise, was begonnen worden war, damit sei nur so viel gesagt.
Den Göttern gab er Schild und Harpe und Tarnkappe zurück, wie es sich gehörte, und Athene nahm das Haupt der Medusa und barg es in ihrer Ägis, wo es fortan der Schutz der eulenäugigen Göttin wurde. Und die Flügelschuhe? Hermes nahm sie lächelnd an seinen eigenen Füßen in Empfang, wo sie, wie jeder weiß, von Anfang an hingehört hatten. Das weinrote Meer trug Perseus’ kleines Schiff, und über dem Horizont versanken die letzten Bilder des Abenteuers wie Sterne beim ersten Licht des Morgens, ruhig, und fern, und unvergessen. Perseus und Andromeda.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.