Nach griechischer Überlieferung · 8 Minuten zu lesen
Perseus und Andromeda
In jenen alten Tagen, als die Götter noch über den Olymp wandelten und Helden auf dem weinroten Meer ihre Schicksale erfüllten, flog Perseus über die Küsten der Welt. Er trug die geflügelten Sandalen des Hermes an den Füßen, den Kibisis, den Ledersack, über der Schulter, und in seiner Hand hielt er das Schwert des Götterboten. Das Haupt der Medusa, das er zu Polydektor bringen sollte, ruhte verborgen im Sack, ungesehen, aber wirkend, denn selbst in der Dunkelheit bewahrte es seine steinerne Kraft. Der Weg führte ihn nun nach Westen, entlang der Küsten Afrikas, über das Meer, das in der Mittagssonne wie geschmolzenes Kupfer leuchtete.
Tief unter ihm wechselte die Welt ihr Gesicht. Die gelben Küsten gaben dem felsigen Ufer der Äthiopier Platz, wo das Land steil ins Meer abfiel und die Wellen schwer und dunkel gegen das Gestein schlugen. Perseus verlangsamte seinen Flug, denn etwas unten zog seinen Blick auf sich, so unerbittlich wie ein Anker, der in den Grund greift. An einem Felsen am Meeresufer, dem Wasser so nah, dass die Gischt sie berührte, war eine junge Frau angekettet. Ihre Arme waren ausgestreckt, die Handgelenke mit eisernen Ringen an das Gestein geschmiedet, und sie stand aufrecht in dem Felsvorsprung wie eine Statue, die ein unbekannter Bildhauer dem Meer geweiht hatte. Nur das Wehen ihres Gewandes im Seewind verriet, dass sie lebte.
Perseus senkte sich herab, bis er dicht über dem Fels schwebte, und betrachtete sie. Sie war von großer Schönheit, und doch lag auf ihrem Gesicht jener Ausdruck, den Menschen tragen, wenn sie alle Tränen bereits vergossen haben und nun nur noch warten. Ihre Augen waren aufs Meer gerichtet, und Perseus folgte ihrem Blick. Die See war dort, wo die Wellen größer wurden, unruhig auf eine Weise, die nicht dem Wind gehörte. Etwas bewegte sich in der Tiefe, langsam und unausweichlich, wie ein Unwetter, das sich zusammenzieht, ehe es bricht.
Er landete auf dem Fels neben ihr, und die junge Frau wandte kaum den Blick. Erst als er sprach und sie hörte, dass er keine Stimme des Meeres war und kein Bote des Todes, sah sie ihn an. Ihr Name war Andromeda, Tochter des Kepheus, des Königs der Äthiopier, und seiner Gemahlin Kassiopeia. Und dann erzählte sie ihm, was geschehen war.
Kassiopeia, ihre Mutter, war schön gewesen — das wusste die ganze Küste, und sie selbst hatte dieses Wissen stets gepflegt wie einen kostbaren Garten. Doch eines Tages hatte die Königin ihre Schönheit mit jener der Nereiden verglichen, der Töchter des Meeresgottes Nereus, und gesagt, sie übertreffe sie alle. Die Nereiden hatten es gehört, und Poseidon, der Erderschütterer, hatte es gehört. Als Strafe für diese Vermessenheit sandte er ein Ungeheuer, ein Wesen der Tiefe, Ketos gerufen, das die Küste der Äthiopier heimsuchte und die Schiffe zerstörte und die Fischerdörfer bedrohte. Kepheus hatte das Orakel des Ammon befragt, und das Orakel hatte geantwortet.
Nur das Opfer deiner Tochter, des einzigen Kindes, das du liebst, kann das Volk der Äthiopier retten. Fessle Andromeda an den Felsen am Meer und gib sie dem Ketos hin. Kepheus hatte geweint und gezögert und die Götter angefleht, doch das Volk litt, und am Ende hatte er getan, was das Orakel verlangte. Andromeda war an den Felsen geführt und gefesselt worden, und nun wartete sie hier, während irgendwo in den Tiefen das Ketos sich seinem Opfer näherte. Perseus hörte ihr zu, und während sie sprach, wurde das Meer unruhiger, die Wellen höher, und in der Ferne erhob sich etwas aus dem Wasser, ein Rücken, glatt und dunkel, groß wie das Dach eines Hauses, das langsam näher glitt.
Perseus fasste einen Entschluss so schnell, wie die Wellen gegen den Felsen schlugen. Er sagte Andromeda, dass er kämpfen wolle, aber er müsse wissen: Falls er das Ketos besiegte, dürfe er sie dann zur Gemahlin heimführen? Andromeda, die geglaubt hatte, diesen Tag nicht zu überleben, sah ihn an, und in ihren Augen lebte zum ersten Mal seit Wochen wieder etwas auf.
Sie gab ihr Einverständnis, und auch ihr Vater Kepheus, der sich mit anderen Hofleuten in einiger Entfernung aufhielt und zitternd zusah, rief seine Zustimmung über die Klippen. Das Ketos kam heran, unermesslich groß und alt wie das Meer selbst, ein Wesen aus den untersten Tiefen, wo das Wasser schwarz ist und kein Licht je hinfällt. Es pflügte die Wellen auseinander, und sein Atem stieg wie Dampf über dem Meer. Kepheus und seine Begleiter wichen zurück, und Andromeda schloss die Augen.
Dann stieg Perseus in die Luft. Die geflügelten Sandalen trugen ihn hoch, bis er ein kleiner Punkt am Himmel war, und von dort warf er sich herab auf das Ungeheuer, schnell wie ein Fischadler, der die Beute gesehen hat. Das Ketos wandte sich, langsam und träge wie alles, was aus der Tiefe kommt, aber Perseus war bereits an seiner Flanke, und sein Schwert arbeitete rasch. Das Meer um das Ungeheuer herum verfärbte sich dunkel, und die Wellen schlugen hoch und weiß, und aus den Tropfen, die ins Meer zurückfielen, entstanden, so sagen manche, die Korallen, die noch heute am Grund des Mittelmeeres leuchten.
Das Ketos sank. Langsam, wie ein großes Schiff, das den Kampf aufgibt, glitt es unter die Oberfläche zurück in die Tiefe, aus der es gestiegen war, und das Meer wurde wieder ruhig. Perseus landete auf dem Fels, die Sandalen noch in Bewegung, und trat zu Andromeda. Er löste die Fesseln von ihren Handgelenken, und als die eisernen Ringe geöffnet waren, stand sie frei am Rand des Felsens, das Meer hinter ihr still wie ein Versprechen, das eingelöst worden war.
Von der Anhöhe herab kam Kepheus, und mit ihm kamen Hofleute und Diener und schließlich auch Kassiopeia, die Königin, deren Worte all dieses Unheil ausgelöst hatten. Sie alle sahen auf Perseus, der jung und bestaubt vom Kampf vor ihnen stand, und Kepheus neigte das Haupt und nahm das Wort des Orakels zurück, das erfüllt war, und gab stattdessen ein neues Wort, das seine eigene Stimme war: Andromeda sollte Perseus gehören, falls er sie wolle, und er wolle eine Hochzeit ausrichten, wie die Äthiopier sie noch nicht gesehen hätten.
Die Hochzeit dauerte drei Tage. Fackeln brannten in den Säulenhallen des Palastes, und das Opferfeuer stieg zum Himmel auf, und Kepheus lud alle ein, die kommen wollten. Doch am zweiten Tag der Feier erschien ein Mann am Tor, der sich nicht hatte einladen lassen: Phineus, ein Bruder des Kepheus, der geglaubt hatte, Andromeda wäre eines Tages seine Gemahlin geworden, und der diesen Glauben nicht aufgeben wollte. Er kam mit Bewaffneten, und der Festsaal wurde zum Schauplatz eines Streits, laut und drohend.
Perseus stand in der Mitte des Saales und sah, dass Worte hier nichts mehr ausrichten würden. Er rief die Gäste, die auf seiner Seite standen, laut an, die Augen zu schließen und sich abzuwenden, denn er tue jetzt etwas, das man nicht mit offenen Augen sehen dürfe. Dann öffnete er den Kibisis und hob das Haupt der Medusa heraus, und hielt es den Eindringlingen entgegen. Wende dich ab, wer mein Freund ist, sprach er, und wer meiner Feind ist, der sehe mich an.
Phineus und seine Männer schauten, und wurden zu Stein. Sie standen im Festsaal wie eine seltsame neue Gruppe von Statuen, die Gesichter noch verzerrt vom Zorn des letzten Augenblicks, die Schwerter noch halb gehoben, und das Fest konnte weitergehen. Perseus barg das Haupt wieder sicher im Sack, und die Musik begann von neuem. Als die Hochzeit beendet war, machte Perseus sich bereit zur Heimreise.
Andromeda an seiner Seite, verließ er die Küste der Äthiopier, und das Meer lag still und blau vor ihnen, und die weißen Segelschiffe der Heimkehr warteten im Hafen. Er würde nach Seriphos zurückkehren, zu seiner Mutter Danaë, und dort seine eigene Geschichte zu Ende führen, doch das ist ein Kapitel, das schon erzählt wurde, und was noch vor ihm lag, ist eine andere Geschichte für eine andere Nacht. Andromeda sah ein letztes Mal auf das Meer, das sie fast verschluckt hätte, und dann wandte sie den Blick nach vorn. Über ihren Köpfen, so sagt man, betrachteten die Götter des Olymp das, was geschehen war, und Athene, die eulenäugige Göttin der Weisheit, war zufrieden.
Denn die Geschichte von Perseus und Andromeda war nicht die Geschichte eines Kampfes gegen ein Ungeheuer — sie war die Geschichte zweier Menschen, die einander im dunkelsten Augenblick gefunden hatten, und das ist, in all seinen Formen, die älteste Geschichte, die es gibt. Noch heute, wenn der Himmel klar ist und die Nacht sich über das Mittelmeer legt, kann man sie beide sehen, Perseus und Andromeda, als Sternbilder in den Himmel gesetzt, damit niemand vergesse, was hier am Felsenufer geschah, in jenen alten Tagen, als die Welt noch jung war und Helden über das weinrote Meer flogen. Theseus und der Weg nach Athen.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.