Frei nach Hans Christian Andersens Peiter, Peter og Peer · 4 Minuten zu lesen
Peiter, Peter und Peer
Es ist unglaublich, was die Kinder heutzutage alles wissen; man weiß bald nicht mehr, was sie nicht wissen. Aber die Geschichte, woher die kleinen Kinder kommen, ehe der Storch sie bringt, die kennen die wenigsten richtig, und darum erzähle ich sie hier. Die alten Leute sagten: Die kleinen Kinderseelen kommen als Sternschnuppen vom Himmel und fallen in die Blumen und in die Teiche, und dort liegen sie und träumen, bis der Storch kommt und sie den Familien bringt, denen sie am besten passen — oder auch nicht am besten, das kommt vor, denn der Storch hat viel zu tun.
Mit den Sternschnuppen ist es nämlich so, erzählen die alten Leute: In den klaren Nächten, besonders im August, kann man sie fallen sehen, und die Menschen wünschen sich dann etwas — aber das ist nur die halbe Geschichte. Die andere Hälfte ist, dass da etwas ankommt. Die kleinen Seelen suchen sich ihren Landeplatz mit Bedacht: eine ins Rosenbeet, eine in den Klee, eine mitten in den Dorfteich, wo es die Frösche erst erschreckt und dann freut. Und dort liegen sie und träumen sich zurecht, bis sie so weit sind. Der Storch weiß die Plätze alle; er hat das Verzeichnis im Kopf, und es heißt, er halte es genauer als mancher Amtmann das seine.
In die Familie Peitersen nun brachte der Storch nacheinander drei Söhne, und sie hießen Peiter, Peter und Peer, denn auf den Familiennamen sollte es ja passen. Peiter, sagte der Storch später, habe er aus einer Stockrose geholt, und wirklich: Der Junge wollte hoch hinaus und leuchten. Erst wollte er ein Räuberhauptmann werden, weil er ein Stück davon im Theater gesehen hatte, dann wurde zum Glück ein Maler aus ihm, und wer genau hinsah, fand, dass alle seine gemalten Damen ein wenig wie Stockrosen aussahen. Peter kam aus einer Butterblume. Er hatte etwas Goldgelbes im Gesicht, und die Verwandtschaft sagte, der gehöre in den Butterhandel — aber es steckte die Musik in ihm: Er komponierte in einer einzigen Woche siebzehn Polkas und blies dazu auf allem, was sich blasen ließ, und die Familie hielt sich die Ohren zu und war insgeheim stolz.
Peer, der Jüngste, kam aus einem Gänseblümchen, und er war der Stillste von den dreien: bescheiden, vernünftig und in die Natur verliebt. Er sammelte Steine und Käfer, hatte das Gerippe eines Stichlings im Kästchen und einen ausgestopften Maulwurf auf dem Regal, und er konnte einem Regenwurm eine halbe Stunde lang zusehen, ohne dass ihm langweilig wurde. Als er einmal beobachtete, wie unfreundlich es bei den Spinnen in der Ehe zugeht, beschloss er vorsichtshalber, gar nicht erst zu heiraten, und die Familie ließ ihm auch das durchgehen — in der Familie Peitersen ließ man einander gelten, das war ihr eigentlicher Reichtum, mehr als die Stockrose, die Butterblume und das Gänseblümchen zusammen.
Bei den Peitersens war die Ankunft jedes Mal ein Staatsereignis gewesen. Beim ersten Sohn hatte der Vater vor Aufregung den Hut verkehrt herum aufgesetzt und war so zum Nachbarn gelaufen; beim zweiten hatte die Großmutter darauf bestanden, dass der Storch ein Trinkgeld bekomme, und einen Hering aufs Fensterbrett gelegt, der auch tatsächlich verschwand — ob durch den Storch oder die Katze, wurde in der Familie nie abschließend geklärt und mit Absicht nicht. Und beim dritten saßen die beiden Großen schon am Fenster und stritten, in welche Blume man wohl geschaut habe, und einigten sich auf einen Kompromiss, der botanisch unmöglich war. So beginnt Familienglück: mit verkehrten Hüten, verschwundenen Heringen und unmöglichen Blumen. Es hält sich davon erstaunlich lange.
Diese ganze Geschichte, das muss ehrlich gesagt werden, stammt vom Storch selbst; er hat sie auf dem Dachfirst erzählt und wollte hinterher drei Frösche dafür haben, als Erzählerlohn. Die habe ich ihm nicht geben können, ich hatte keine bei mir — und er hat mit den Flügeln geschlagen und ist trotzdem nicht böse davongeflogen, denn Störche vergessen schnell und erzählen gern. Steht also im Sommer ein Storch still auf einem Bein auf dem Dach, dann überlegt er vielleicht gerade, in welche Blume er schauen soll und zu welcher Familie das passt, was darin träumt. Es wird schon passen. Es hat ja bei Peiter, Peter und Peer auch gepasst — jedenfalls beinahe, und das ist bei Familien schon sehr viel.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.