Nach griechischer Überlieferung · 6 Minuten zu lesen
Pandora und die Hoffnung
In jenen alten Tagen, als Prometheus noch unter den Menschen weilte und das erste Feuer in ihren Herden brannte, war der Olymp von einem Schweigen erfüllt, das schwerer wog als Wolken vor dem Sturm. Zeus, der wolkenversammelnde Herrscher, stand auf seiner Terrasse aus weißem Marmor und blickte hinab auf die Welt der Sterblichen, wo Lichter flackerten, die dort zuvor nie gewesen waren. Die Menschen wärmten sich, kochten, schmiedeten, sangen, und Zeus sah das alles mit Augen, die keiner seiner Gäste an jenem Abend zu deuten wagte.
Er hatte das Feuer nicht gegeben, und er gedachte nicht, es zurückzunehmen. Was er aber geben wollte, war etwas anderes: eine Antwort auf das Geschenk des Prometheus, eine Gabe, die wie Honig schmeckte und wie Rauch in alle Dinge zog. Er rief die Götter zu sich, einen nach dem anderen, und bat jeden, etwas beizutragen. Hephaistos, der geschickteste der Götterschmiede, knetete rote Erde und klares Wasser zu einer Gestalt, die er mit solcher Sorgfalt formte, dass kein Bildhauer der Erde je etwas Ebenbürtigeres geschaffen hatte. Es war eine Frau, wie es noch keine gegeben hatte, und sie lag auf der Werkbank des Gottes wie ein Atemzug, der noch keinen Namen trägt.
Dann traten die anderen hinzu. Athene, die eulenäugige Göttin, hauchte ihr Klugheit ein und bekleidete sie mit einem Schleier, so fein wie Morgennebel über dem Meer. Aphrodite legte ihr die Anmut um die Schultern wie ein seidenes Gewand. Hermes, der listenreiche Bote, brachte ihr eine Stimme, die zu überzeugen wusste, und dazu etwas, das er selbst lächelnd als Neugier beschrieb. Die Grazien legten ihr goldene Spangen an, und die Horen setzten ihr einen Kranz aus Frühlingsblumen auf das Haar. Jeder Gott trug bei, und was entstand, war mehr als die Summe aller Gaben.
Als sie die Augen aufschlug, trug sie den Namen Pandora, die Allbeschenkte. Ihre Augen waren dunkel wie ein Brunnen bei Nacht, und in ihnen spiegelte sich das Licht all derer, die sie geschaffen hatten. Zeus betrachtete sie lange, dann wandte er sich an Hermes und sprach: Bringe sie zu Epimetheus. Sage ihm, sie sei ein Geschenk der Götter. Und vergiss die Truhe nicht.
Die Truhe war aus schwerem Zypressenholz gefertigt und mit einem Deckel verschlossen, dessen Schloss aus dunklem Erz geschmiedet war. Niemand hatte Pandora gesagt, was sie enthielt, nur dass sie sie nicht öffnen solle. Das war die einzige Bedingung, die einzige Bitte, die einzige Regel in der weiten Welt, die für sie galt. Epimetheus, der Bruder des Prometheus, empfing sie mit einem Herz, das schneller schlug als klug war. Sein Bruder hatte ihn gewarnt: Nimm keine Geschenke von Zeus an. Epimetheus hatte genickt und es vergessen, wie man einen dunklen Traum vergisst, wenn der Morgen golden durch das Fenster fällt.
So lebten sie eine Weile. Die Tage hatten die Wärme des neuen Feuers, die Nächte die Stille des alten Himmels. Doch die Truhe stand in der Ecke des Hauses wie ein ungelöstes Rätsel, und Pandora war, was sie war: die Allbeschenkte, der Hermes die Neugier mitgegeben hatte wie ein Samenkorn ins Herz. Sie umkreiste die Truhe, so wie man einen fremden Hund umkreist, mit Respekt und mit wachsendem Verlangen. Sie legte die Hände an das Holz und spürte, dass es warm war, als schlummerte etwas Lebendiges darin. Sie fragte Epimetheus, und er zuckte die Schultern. Sie fragte die Winde, und sie antworteten nicht. Sie fragte sich selbst, und die Antwort, die sie fand, war keine, die ihr half.
Eines Tages — es war ein stiller Nachmittag, die Zikaden schwiegen, das Meer lag blank wie Zinn, da öffnete Pandora den Deckel. Nicht aus Bosheit, nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus jenem tiefen menschlichen Drang, der fragt: Was ist dahinter? Was liegt jenseits dieser Grenze? Was habe ich noch nicht gesehen? Der Deckel hob sich, und was herausströmte, war kein Licht und kein Klang, sondern ein Hauch aus aller Schwere der Welt. Mühsal und Krankheit, Gram und Sorge, Neid und Zwist, all das, was Zeus für die Sterblichen bereitet hatte als Gegengabe zum Feuer, fuhr in die Welt hinaus wie Rauch, der sich nicht mehr einfangen lässt.
Pandora schlug den Deckel zu. Doch es war zu spät, fast zu spät. Denn noch ehe alles entwichen war, noch ehe die letzte Schwere die Truhe verlassen hatte, hörte sie ein Geräusch. Ein leises, beharrliches Flattern, wie die Flügel eines kleinen Vogels, der gegen Holz stößt. Sie öffnete den Deckel ein letztes Mal, nur einen Spalt, und heraus trat etwas Kleines, Leuchtendes, das sich nicht hastig fortbewegte wie die anderen, sondern verweilte, zuerst auf dem Rand der Truhe, dann in der Luft des Raumes, dann irgendwo, wo es nicht mehr zu sehen war und doch zu spüren blieb.
Es war die Hoffnung. Die Griechen nannten sie Elpis, und sie war das Letzte in der Truhe gewesen, weil Zeus sie dorthin gelegt hatte wie ein Gegengewicht, oder wie ein Versprechen, je nachdem, wen man fragte. Manche der Weisen sagten später, die Hoffnung sei das Grausamste von allem, was entkam, weil sie den Menschen glauben lasse, das Unvermeidliche sei vermeidbar. Andere sagten, sie sei das Einzige, was die Menschen davon abhielt, die Hände sinken zu lassen, wenn die Nächte zu lang wurden. Vielleicht waren beide im Recht. Die Hoffnung ist selten eindeutig, und Pandora selbst, die Allbeschenkte, Allneugierige, Allmenschliche, hatte sie nicht gesucht und nicht erwartet. Sie war einfach da.
Die Welt war fortan anders als zuvor. Die Menschen kannten nun Mühsal und Krankheit, und die langen Schatten der Sorge fielen über ihre Tage. Doch wenn ein Fischer auf seinem Schiff saß, das Netz in den Händen, und die Sterne über dem weinroten Meer standen wie hingestreutes Salz, dann war da noch etwas, das er nicht benennen konnte, ein leises Gewisstsein, dass morgen anders sein mochte als heute. Dass der nächste Wurf das Netz füllen würde. Dass der Kranke gesund werden, dass der Verlorene heimkehren, dass die Ernte nach dem langen Regen doch noch gelingen könnte. Es war kein Wissen, und es war keine Gewissheit. Es war die Hoffnung, und sie war frei.
Pandoras Truhe stand noch lange in manchem Haus als Mahnung und als Zeichen, leer bis auf das Letzte, das sie je enthalten hatte, und leer dennoch nicht. Und so blieb es, in jenen alten Tagen und in allen Tagen danach: die Welt voll Schwere, und darin, unauslöschlich wie das Feuer des Prometheus, das stille Flattern der Elpis. Zeus, der Herr des Himmels.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.