Andreas’ Nacht

Nach griechischer Überlieferung · 8 Minuten zu lesen

Orpheus und Eurydike

In jenen alten Tagen, als die Götter noch über den Olymp wandelten und die Welt voller Klang und Staunen war, lebte in Thrakien ein junger Mann, dessen Musik selbst den Steinen das Schweigen nahm. Orpheus hieß er, Sohn des Apoll und der Muse Kalliope, und die Leier in seinen Händen war kein gewöhnliches Instrument. Wenn er spielte, neigten die Eichen ihre Äste dem Klang entgegen, die Bäche verlangsamten ihren Lauf, und selbst die Vögel verstummten, um zu hören. So war Orpheus in die Welt gekommen, als wäre die Musik selbst in einen Menschen gefahren und hätte sich dort niedergelassen.

In jenen Tagen begegnete er Eurydike. Sie war eine Nymphe, leichtfüßig und von stiller Schönheit, und als ihre Blicke sich zum ersten Mal kreuzten, geschah etwas, das keiner weiteren Erklärung bedurfte. Orpheus griff zur Leier und spielte ihr Lieder, die noch niemand gehört hatte, und Eurydike lauschte, und aus dem Lauschen wurde Liebe. Sie heirateten in einem Frühling, unter blühenden Mandelbäumen, während die Zikaden ihr Lied noch nicht angestimmt hatten und die Luft noch kühl war vom langen Winter.

Doch das Glück war noch jung, als es schon zerbrechlich wurde. Eines Tages streifte Eurydike durch die Wiesen am Rande eines Flusses, barfuß auf dem Gras, während der Morgen noch taufrisch war. Sie trat auf einen Stein, strauchelte, und in dem Gras verbarg sich, was sie nicht gesehen hatte. Ein Biss, und sie sank. Ehe der Mittag kam, hatte der Tod sie gefordert. Hermes, der Seelengeleiter, nahm ihre Hand und führte sie hinab in das Schattenreich des Hades, das Reich ohne Licht und ohne Wiederkehr.

Orpheus aber saß allein in dem Haus, das sie gemeinsam bewohnt hatten, und hielt die Leier, die er nicht spielen konnte. Er versuchte es einmal, und der Klang, der herausging, war so voller Trauer, dass die Nachbarn weinten, ohne zu wissen warum, und die Hunde in den Olivenhainen aufheulten. Er legte das Instrument hin und saß in der Stille, und die Stille war schlimmer als jeder Klang. In den Tagen danach wanderte er durch Thrakien wie jemand, der seinen eigenen Weg vergessen hat, und die Welt um ihn herum war farbenarm geworden.

Dann, an einem frühen Morgen, fasste Orpheus einen Entschluss, der noch kein Sterblicher vor ihm gefasst hatte. Er würde hinabgehen. Hinab in das Reich der Toten, hinab zu Hades und Persephone, und er würde Eurydike zurückbitten. Die Menschen um ihn sagten, es sei unmöglich, sagten, der Lebende betrete das Totenreich nicht und kehre nicht zurück. Aber Orpheus hörte sie kaum. Er nahm seine Leier, und er machte sich auf den Weg.

Der Abstieg in die Unterwelt führte durch eine Höhle an der Küste, durch feuchte Stollen, tiefer und tiefer, bis das letzte Licht des Tages erloschen war. Dann war er am Styx, dem Grenzfluss, und Charon, der Fährmann, stand in seinem Kahn und sah ihn mit leeren Augen an. Charon beförderte die Toten, keine Lebenden. Er schüttelte den Kopf und deutete zurück. Da griff Orpheus zur Leier und spielte.

Was er spielte, ließ sich nicht in Worte fassen. Es war das Lied seiner Liebe zu Eurydike, seine Freude an ihrer Stimme, sein Schmerz über das leere Haus, die Stille in den Morgenstunden. Charon, dem in Ewigkeiten nichts die steinerne Gleichgültigkeit des Amtes geraubt hatte, senkte die Hand. Etwas in ihm, das er schon lange nicht mehr gespürt hatte, regte sich wie ein vergessener Atem. Er winkte Orpheus in den Kahn.

So überquerte Orpheus den Styx. Jenseits davon bewegte er sich durch das Reich der Schatten, und die Toten drängten sich um ihn, aus allen Zeiten und Orten, angezogen von der Musik, die er spielte, während er ging. Selbst die großen Büßer in der Tiefe des Tartaros hielten inne: Sisyphos setzte sich auf seinen Stein, Tantalos vergaß für einen Augenblick seinen Durst, die Töchter des Danaos legten ihre Krüge nieder. Die Furien, die sonst keine Ruhe geben, standen still und wischten sich etwas aus den Augen, das sie Tränen hätten nennen können, wenn sie gewusst hätten, was das war.

Bis Orpheus vor den Thronen des Hades und der Persephone stand. Hades, der Herr der Tiefe, der finsterste der drei Brüder, sah ihn an, einen Lebenden in seinem Reich, eine Leier in den Händen. Persephone neben ihm neigte leicht den Kopf. Orpheus verbeugte sich, und dann spielte er noch einmal. Er spielte alles, was er hatte. Er spielte Eurydike. Als das letzte Lied verklang, herrschte im Saal des Hades eine Stille, die schwerer war als Stein. Dann sprach Hades, und seine Stimme war wie das ferne Grollen einer Erde, die sich setzt:

Kein Sterblicher hat hierher gefunden und gespielt, wie du gespielt hast. Eurydike wird dir folgen auf dem Weg zurück. Aber ich lege dir eine Bedingung auf: Du gehst voran, sie folgt. Und du darfst dich nicht umdrehen, bis ihr beide das Licht der Oberwelt erreicht habt. Nicht einmal dann, wenn du glaubst, sie sei nicht mehr hinter dir. Orpheus verneigte sich tief. Er versprach es. Und dann erschien Eurydike, blass und still wie alle Schatten dort, aber erkennbar, unverwechselbar sie selbst. Ihr Blick fand seinen. Er streckte die Hand aus, und zog sie dann zurück, denn er durfte sie nicht berühren, nicht hier, nicht jetzt. Er drehte sich um und begann zu gehen.

Der Weg zurück war lang. Orpheus ging durch die Dunkelheit, durch die Gänge und Hallen, die er schon kannte, und hinter sich hörte er nichts. Das war das Schwerste. Die Lebenden machen Geräusche: Atemzug, Schritt auf Stein, das leise Rascheln von Kleidern. Die Toten sind lautlos. Er wusste nicht, ob sie ihm folgte. Er wusste es nicht und konnte es nicht wissen, und je länger er ging, desto lauter wurde in ihm eine Stimme, die flüsterte: Sie ist nicht dort. Sie folgt dir nicht. Du gehst allein.

Er widerstand. Er spielte die Leier, um die Stille zu füllen, um sich selbst zu halten. Er zählte seine Schritte. Er dachte an ihr Gesicht im Morgenlicht, an ihre Stimme, an die Mandelbäume ihrer Hochzeit. Er ging, und er drehte sich nicht um. Und dann, dann erschien weit, weit voraus ein schwacher Schimmer. Das Licht der Oberwelt. Der Eingang war nah. Und hier, in diesem letzten Herzschlag vor dem Ziel, als die Dunkelheit schon wich und das Grau des Tages schon zu ahnen war, verließ ihn die Kraft des Vertrauens. Er dachte: Jetzt. Jetzt kann ich es sehen. Er dachte: Was, wenn sie schon längst nicht mehr da ist? Er drehte sich um.

Sie war da. Eurydike war direkt hinter ihm, nahe genug, dass er ihr Gesicht erkannte. Für einen einzigen Herzschlag sahen sie sich an. Dann begann sie zurückzugleiten, langsam, ohne Klage, zurück in die Tiefe, als zöge sie eine Hand, der kein Widerstand möglich war. Sie streckte die Hände aus, oder schien es zu tun, und dann war sie fort. Nur ihre Stimme kam noch einmal, ganz leise, wie von sehr weit her:

Leb wohl, Orpheus. Orpheus stand allein am Eingang zur Unterwelt, die Leier in der Hand, das Licht des Tages auf seinem Gesicht. Er versuchte, den Weg noch einmal zu gehen, kehrte um, trat wieder in die Dunkelheit ein. Aber diesmal war Charon unbeweglich. Diesmal öffneten sich die Wege nicht. Die Grenze zwischen den Welten hatte sich geschlossen, fest wie Stein. Er saß an der Mündung der Höhle und spielte, bis die Nacht hereinbrach, und spielte noch, als der Morgen kam, und die Musik, die er in jenen Tagen spielte, soll die traurigste gewesen sein, die je in Hellas erklang.

Die Jahre gingen über Orpheus hinweg. Er wanderte durch Thrakien und spielte, und wo er spielte, sammelten sich die Wesen der Welt um ihn: Bäume, Tiere, Flüsse und Menschen. Seine Trauer hatte seine Musik in etwas verwandelt, das größer war als er selbst. Und als sein eigenes Leben zu Ende ging und Hermes ihn schließlich in die Tiefe geleitete, da war die Unterwelt nicht mehr fremd für ihn.

Er kannte den Weg. Er kannte den Styx und den Schatten der Hallen, und er wusste, wo er suchen musste. Im Elysium, wo die Seligen in ewigem Frühling leben, wartete Eurydike. Und diesmal gab es keine Bedingung, keine Dunkelheit, kein Verbot des Umdrehens. Sie saßen beisammen in dem goldenen Licht jenes Ortes, und Orpheus spielte, und die Bäume des Elysium neigten sich dem Klang entgegen, wie die Eichen von Thrakien es einst getan hatten.

So enden manche Geschichten nicht dort, wo der Schmerz am größten ist, sondern weiter vorn, in einer Stille, die schon nicht mehr Stille ist, sondern Frieden. Die Leier des Orpheus aber wurde unter die Sterne gesetzt, und noch heute, in klaren Nächten, wenn der warme Wind über das weinrote Meer streicht, kann man sie am Himmel sehen, ein kleines Sternbild, das leise leuchtet und an alles erinnert, was die Musik zu tragen vermag.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

Zurück zum Anfang

Lieber hören?

Diese Geschichte ist Kapitel in Griechische Mythologie · Götter, Helden und die Odyssee.

Noch etwas zu lesen