Nach griechischer Überlieferung · 7 Minuten zu lesen
Orpheus und Eurydike – Wiedervereinigung im Elysium
In jenen alten Tagen, als die Götter noch über den Olymp wandelten und das Schicksal der Menschen wie ein goldener Faden durch die Welt gesponnen wurde, zog ein junger Mann durch die Wälder Thrakiens und spielte auf seiner Leier. Orpheus hieß er, Sohn der Muse Kalliope, und seine Musik war so von Trauer durchtränkt, dass die Bäume sich beugten, um ihm zuzuhören, und die Steine am Wegrand weich wurden wie nasses Tonerde. Er spielte und spielte, und der Name auf seinen Lippen war immer derselbe: Eurydike.
Was in der Unterwelt geschehen war, wusste jeder, der seine Melodien hörte. Er war hinabgestiegen in das Reich des Hades, hatte gespielt, bis der finstere König selbst geweint hatte, und er hatte die Erlaubnis erhalten, seine geliebte Eurydike zurückzuführen ins Licht. Doch auf dem langen Weg durch das Dunkel, kurz vor dem Ausgang, hatte er sich umgewendet, und sie war zurückgeglitten in die Schatten, stiller als ein Atemzug. So lebte Orpheus nun, zurückgekehrt unter den Lebenden, aber nicht mehr wirklich unter ihnen.
Die Jahre gingen weiter, so wie sie immer weitergehen, unbekümmert um das Leid der Einzelnen. Die Jahreszeiten zogen über Thrakien hinweg, Sommer auf Frühling, Winter auf Herbst, und Orpheus wanderte durch all diese Tage wie eine Gestalt aus einem anderen Zeitalter. Er sprach kaum noch. Er spielte noch immer, aber die Melodien waren anders geworden, nicht mehr ganz so scharf vor Schmerz, sondern tiefer, wie ein Gewässer, das langsam zur Ruhe kommt nach langem Sturm.
Die Musen auf dem Olymp blickten auf ihren Sohn hinab, und Kalliope, seine Mutter, hielt die Hand über die Augen, um ihn deutlicher zu sehen. Sie liebte ihn, wie Mütter ihre Kinder lieben, vollständig und ohne Vorbehalt, und sie wusste, was er trug. Einmal hatte sie Hermes gebeten, ihm eine Botschaft zu überbringen. Sag ihm, hatte sie gesagt, dass das, was er verloren hat, nicht für immer verloren ist. Das Elysium hat auch eine Morgenseite.
Hermes, der geflügelte Bote, hatte diese Worte mit dem Lächeln angehört, das ihm eigen war, und war hinabgeglitten durch die Wolkenschichten des Himmels. Er fand Orpheus an einem Abend nahe dem Ufer des Flusses Hebros, wo der Musiker in einer Biegung des Ufers saß und seine Finger über die Saiten gleiten ließ, ohne wirklich zu spielen. Das Wasser trug seine leisen Töne fort, hinaus in die Dämmerung.
Orpheus, sprach der Götterbote, und seine Stimme war hell wie das Klingen zweier Münzen aneinander, meine Mutter Kalliope lässt dir sagen: Spiel weiter. Wer so klingt wie du, findet am Ende seines Weges mehr, als er hofft. Orpheus blickte auf. Er sah Hermes, und er nickte, ohne zu sprechen. Aber etwas in seinen Augen veränderte sich, kaum sichtbar, wie wenn ein Vorhang sich um eine Handbreite öffnet und ein Streifen Licht hereinfällt. Er legte die Finger wieder auf die Saiten, und diesmal klang es wirklich, voll und klar, hinaus über das dunkler werdende Wasser.
Die Mänaden, rasende Verehrerinnen des Dionysos, kamen auf einem ihrer wilden Züge durch Thrakien. Sie fanden Orpheus, der ihrer Verehrung nicht folgte, der seinen Blick abgewandt hielt von ihren Festen und ihrem Tanz. In ihrer Raserei kamen sie zu ihm, und ihr Lärm war lauter als seine Musik. Was in dieser Nacht geschah, berichteten die Nymphen des Waldes mit leisen Stimmen noch lange danach. Die Leier des Orpheus fiel in den Fluss Hebros, und die Wellen trugen sie fort.
Doch das ist nicht das Ende dieser Geschichte. Es ist ihr Übergang. Hermes, der die Seelen der Gestorbenen geleitet, stand wieder am Ufer des Hebros, diesmal mit dem kleinen goldenen Stab in der Hand, den er für solche Gänge trug. Er sprach sanft, so wie er immer spricht, wenn er jemanden aus dem einen Leben in das nächste führt, und er führte Orpheus denselben Weg hinab, den Orpheus einmal selbst gegangen war, aber diesmal als Geführter, nicht als Suchender.
Die Unterwelt ist ein stilles Reich. Das dunkle Wasser des Styx liegt still wie Obsidian, und Charon, der Fährmann, ruderte an jenem Abend bedächtig und sprach kein Wort. Das Jenseits öffnet sich dem Ankommenden wie eine weite Landschaft, die man lange nicht gesehen hat und die man dennoch kennt, und Orpheus, der diesen Weg schon einmal gegangen war, erkannte die Schatten um ihn herum, die ehemaligen Menschen, die nun ihre ewigen Wege zogen.
Hades und Persephone saßen auf ihren Thronen aus dunklem Basalt, und Hades blickte auf, als Orpheus ankam. Es war dasselbe Gesicht, das einst geweint hatte, und die Erinnerung daran lag in seinen Zügen wie etwas, das er nicht vergessen hatte. Er wies mit einer Geste in Richtung des Elysiums, ohne ein Wort, und das genügte. Das Elysium liegt am äußersten Rand des Totenreiches, dort wo die Wege heller werden.
Es ist ein Ort, den die Menschen sich vorstellen wie einen Garten im ewigen Abendlicht, mit Olivenhainen, deren Blätter silbrig schimmern, mit Quellen, die leise singen, mit weitem Grasland, über dem der Wind in langen Wellen hinläuft. Die Seligen, die dort weilen, tragen ihre Gesichter so, wie sie sie am glücklichsten trugen zu Lebzeiten. Und dort, in diesem ewigen Abendlicht, unter einem Olivenbaum, dessen Schatten lang und ruhig über das Gras fiel, saß Eurydike.
Sie hatte gewartet. Nicht ungeduldig, nicht klagend, denn die Zeit vergeht im Elysium anders als unter der Sonne der Lebenden. Aber sie hatte gewartet, so wie man auf etwas wartet, von dem man weiß, dass es kommt: mit einer stillen Gewissheit, die kein Zweifel anficht. Sie kannte seine Schritte, noch bevor sie ihn sah, denn sie kannte seine Art zu gehen, diese leicht zögernde Bewegung, als ob er immer horchte, was hinter ihm lag.
Orpheus blieb stehen. Zwischen ihnen lagen nur noch wenige Schritte, und diesmal gab es keine Bedingung, die ihn hielt, keinen Orakelspruch, der ihm verbot umzusehen. Er sah ihr ins Gesicht, und sie sah in seines, und was zwischen ihnen war, das brauchte keine Worte, so wie die Musik, die er gespielt hatte, keine Worte gebraucht hatte und doch alles gesagt hatte.
Er setzte sich neben sie ins Gras, unter den Olivenbaum, und nach einem langen Moment griff er nach ihrer Hand. Dann, ganz langsam, begann er zu summen, eine Melodie, die er einmal für sie geschrieben hatte, in den Tagen als Thrakien noch seine Heimat gewesen war und die Welt sich noch jung angefühlt hatte. Die Melodie stieg auf in das Abendlicht des Elysiums, und die anderen Seligen hörten inne und lauschten. Irgendwo auf der Welt der Lebenden trieb die Leier des Orpheus noch auf den Wellen des Hebros fort, und manche sagen, die Saiten hätten noch gezittert, als sie das Meer erreichten. Doch die Musik selbst war längst an ihrem Ziel angelangt.
Im Elysium wird keine Nacht so dunkel, dass sie den Morgen aufhält, und kein Abschied ist dort so endgültig wie unter der Sonne. Orpheus und Eurydike saßen beieinander, und der warme Wind des Jenseits strich über das Gras, und die Zeit, die dort anders läuft, legte sich sanft um sie beide. Was als tiefste Trauer begonnen hatte, als ein Abstieg in die Finsternis und ein Verlust, der kaum zu tragen war, hatte nun seinen Ort gefunden, ruhig, still, vollständig. Die Musik hatte ihren Weg gemacht, durch das Dunkel und wieder heraus, und sie hatte zuletzt doch beide getragen, dorthin, wo die Wege zusammenlaufen.
In den goldenen Hallen des Olymp lehnte Kalliope sich zurück und ließ die Hände in den Schoß sinken. Hermes, der neben ihr stand, lächelte sein schmales Lächeln und sagte nichts, denn manchmal genügt es, dabei gewesen zu sein. Und wer von dieser Geschichte weiß, der versteht: Die Liebe, die stark genug ist, um in die Dunkelheit hinabzusteigen, findet am Ende auch den Weg zurück ans Licht. Eros und Psyche.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.