Frei nach Hans Christian Andersens Taarnvægteren Ole · 3 Minuten zu lesen
Ole der Turmwärter
In der Welt geht es auf und nieder, und nieder und auf, sagt Ole, ich aber kann nicht höher kommen als hierher: auf meinen Turm. So spricht der alte Ole, der Turmwärter, der hoch über der Stadt in seiner Stube unter den Glocken wohnt, und wer die vielen Treppen zu ihm hinaufsteigt, wird mit Aussicht und mit Weisheit bewirtet, und beides gibt es bei Ole umsonst. Ich habe ihn gern besucht, am liebsten um den Jahreswechsel, denn da ist Ole am nachdenklichsten und am besten aufgelegt.
Der Aufstieg zu Ole ist eine kleine Pilgerfahrt: erst die breite Kirchentreppe, dann die schmale Steintreppe, dann die hölzerne Stiege, die bei jedem Tritt ihre Meinung sagt, und zuletzt die Leiter, auf der man den Besucherstolz ablegt und auf allen vieren ankommt. Dafür steht man dann in einer Stube, wie es keine zweite gibt: rund, mit Fenstern nach allen vier Winden, ein Bett, ein Ofen, ein Bord mit Büchern, und an der Wand die große Uhr, nach der die halbe Stadt ihre kleinen Uhren stellt. Oben wohnen, sagt Ole, heißt nicht über den Leuten wohnen. Es heißt für die Leute wohnen. Der Unterschied ist der ganze Mann, und wer die Leiter hinaufgekommen ist, versteht ihn schon auf der ersten Sprosse.
Von hier oben, sagte Ole und wies mit der Pfeife über die Dächer, sieht man die Menschen klein und die Zusammenhänge groß, und unten ist es genau umgekehrt; deshalb wohne ich oben. Da unten laufen sie und jagen dem Neuen nach, jedes Jahr dem neuen Jahr, als wäre das alte ein abgetragener Rock. Ich läute beide, das alte hinaus und das neue herein, und ich sage dir: Es ist mehr Verwandtschaft zwischen den Jahren, als die Leute glauben. Das neue Jahr ist bloß das alte, das ausgeschlafen hat. Und dann lachte er sein Turmlachen, das ein wenig nach Glockenbronze klingt.
Ole hat auch seine Geschichten, und die besten handeln von seinen Glocken. Er kennt jede am Klang wie eine Verwandte: die große ernste, die nur zu hohen Anlässen spricht und vorher, so behauptet Ole, tief Luft holt; die mittlere, die das tägliche Läuten macht und dabei zuverlässig eine Winzigkeit zu früh ist, aus purem Diensteifer; und die kleine helle, die für die Viertelstunden zuständig ist und die er die Schwätzerin nennt, aber zärtlich. Glocken, sagt Ole, sind die geduldigsten Kolleginnen der Welt: Sie sagen seit Jahrhunderten immer dasselbe, und es wird nie falsch und nie langweilig. Von wem kann man das sonst behaupten? Höchstens vom Meer, und das hat keinen Turm.
In der Silvesternacht stand ich bei ihm oben, als unten die Lichter angingen und die Stadt sich auf den Zwölfschlag freute. Ole hatte für uns beide einen kleinen Punsch gemacht, und wir sahen zu, wie der Schnee an den Glocken vorbeitrieb. Weißt du, was ich mir wünsche, sagte Ole, während unten das Jubeln anfing: dass die da unten einander im neuen Jahr so gut zusehen, wie ich ihnen von hier oben zusehe. Von oben nämlich, bei Nacht, sieht die Stadt aus wie lauter warme Fenster, und man kann sich gar nicht vorstellen, dass hinter zwei warmen Fenstern Streit sein soll. Dann läutete er, und das alte Jahr ging, und das neue kam, ausgeschlafen, wie Ole sagt.
Wer einmal nicht schlafen kann, mag an Oles Turmstube denken: an die Stille zwischen den großen Glocken, an den Schnee, der am Fenster vorbeigeht, und an die Stadt tief unten, die aussieht wie lauter warme Fenster. Der alte Ole wacht ja ohnehin — einer wacht immer, das ist das Beruhigende an den Türmen. Und solange oben einer wacht, dürfen unten alle schlafen.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.