Andreas’ Nacht

Nach griechischer Überlieferung · 6 Minuten zu lesen

Nyx, die Nacht – die Mutter aller Sterne

Bevor der erste Stern seinen Platz am Himmel gefunden hatte, bevor die Sonne ihren Weg über das Firmament kannte und bevor das Meer einen Namen trug, war Nyx schon da. Sie war nicht entstanden wie die späteren Götter, nicht geboren aus einem Vater und einer Mutter, nicht geformt wie Ton am Ufer eines Flusses. Nyx war einfach, so wie die Tiefe einfach ist und die Stille einfach ist, aus dem grenzenlosen Chaos hervorgetreten, eine der ersten Gestalten, die je einen Umriss annahm.

Ihr Gewand war das Dunkel selbst, und wo sie schritt, legte sich die Nacht über Hügel und Ebenen, über das weinrote Meer und die schlafenden Inseln. Die alten Sänger kannten ihren Namen und sprachen ihn leise aus, denn selbst Zeus, der wolkenversammelnde, der Herrscher des Olymp, trat einen Schritt zurück, wenn Nyx die Hallen des Himmels durchmaß. Es gab Dinge in der Welt, die älter waren als die Götter des Olymp, und Nyx war eine davon.

Am Anfang der Zeit wohnte sie am Rand der Welt, dort wo Erde und Himmel ineinander verschwimmen und kein Licht mehr hinreicht. Man nannte diesen Ort den Tartaros, jenen unermeßlichen Abgrund, der tiefer lag als alles, was ein Sterblicher sich vorzustellen vermochte. Nyx teilte diese Schwelle mit ihrem Bruder Erebos, der Dunkelheit der Tiefe, und aus ihrer Verbindung wurden die ersten Kinder der Welt geboren, nicht als jubelnde Neugeborene, sondern als Mächte, die von Anfang an in den Dingen verborgen lagen.

Ihr erstes Kind war Aither, das helle Himmelsleuchten, das sich hoch oben über den Wolken ausbreitet, jene klare und ewige Helligkeit, die kein Sterblicher je berührt. Und mit Aither zusammen gebar Nyx Hemera, den Tag, ihre eigene Gegenkraft, das Licht, das auf die Dunkelheit folgt wie eine Antwort auf eine Frage. So entstand das erste große Wechselspiel der Welt: Nyx und Hemera, Mutter und Tochter, begegneten einander täglich an der Schwelle des Ostens, die eine trat ein, während die andere hinauszog, und niemals ruhten sie gemeinsam unter demselben Dach.

Doch Nyx blieb nicht bei diesen ersten Kindern stehen. Sie gebar allein, aus sich heraus, ohne Gefährten, eine ganze Welt von Mächten und Wesen, die seitdem unsichtbar das Leben der Sterblichen durchdringen. Sie gebar Hypnos, den Schlaf, und Thanatos, den sanften Tod, jene Zwillinge, die so ungleich erscheinen und doch so nah beieinanderliegen, dass die alten Griechen sie stets zusammen nannten. Hypnos, den wir aus dem vergangenen Kapitel kennen, trug das Mohngewächs in seiner Hand und ließ die Augenlider schwer werden; Thanatos trug ihn fort, wen er trug, still und ohne Aufhebens, wie ein Bruder, der einen anderen nach Hause führt.

Nyx gebar auch Moros, das unausweichliche Schicksal, jene Macht, die selbst den Göttern keine Ausnahme gewährt. Und sie gebar die Keren, die dunklen Schicksalsschwestern, die über Sieg und Untergang im Kampf wachten. Aus ihr kamen Nemesis, die ausgleichende Vergeltung, die dafür sorgt, dass Hochmut sich nicht ewig hält, und Eris, die Zwietracht, die einen Apfel auf einen Tisch legen kann und damit ein ganzes Zeitalter in Bewegung bringt. Aus ihr kam Apate, die Täuschung, und Geras, das Alter, das langsam und unaufhaltsam durch die Jahre schreitet.

Aber die schönsten Kinder der Nyx leuchteten am Himmel. Die Hesperiden, jene sanften Töchter des Abends, hüteten am westlichsten Rand der Welt einen Garten, in dem goldene Äpfel wuchsen, schwer und duftend, in einem Licht, das immer die Farbe der untergehenden Sonne hatte. Manche sagten, Nyx selbst habe diesen Garten angelegt, als Ruheplatz für jene Stunde, in der das Tageslicht erlischt und die Dunkelheit noch einen Atemzug wartet, bevor sie sich ausbreitet. Die Hesperiden sangen dort ihre Abendlieder, und wer ihr Singen von ferne hörte, den überkam eine Sehnsucht, die er nicht benennen konnte.

Und dann waren da noch die Oneiroi, die Träume. Nyx war ihre Mutter, und aus ihrer Fülle entstieg jede Nacht ein Schwarm von Gestalten, die durch zwei Tore in die schlafende Welt hinabstiegen. Durch das Tor aus Elfenbein, so erzählten es die alten Sänger, kommen die Träume, die täuschen. Durch das Tor aus geglättetem Horn kommen jene, die Wahres bringen. Morpheus, der Formenwandler, war der Vornehmste unter ihnen, der Sohn des Schlafgotts Hypnos, und doch auch ein Enkel der Nyx, denn der Schlaf selbst war ihr Kind.

So spannte Nyx ihr Netz über die ganze Welt, nicht als Herrscherin, die befiehlt, sondern als Grund, aus dem alles Dunkle und alles Stille seine Kraft zieht. Sie wohnte in einer Höhle an der Grenze zwischen Diesseits und Jenseits, und die alten Sänger beschrieben sie auf ihrem Thron, umgeben von Nebel und tiefem Schatten, und sagten, dass selbst die Götter ihr Ratschläge abholten, wenn die Welt sie vor Fragen stellte, die kein Licht erhellen konnte.

Zeus selbst hatte einmal einen Zorn auf Hypnos geworfen, weil der Schlafgott ihn in unrechter Stunde dem Schlummer übergeben hatte. Hypnos floh zu seiner Mutter Nyx, verbarg sich in ihren Gewändern, und Zeus hielt inne. Der wolkenversammelnde Gott, der Berge schütteln konnte und das Meer in Aufruhr versetzte, stand still vor der Mutter der Nacht. Ich will die Nyx nicht erzürnen, soll er gesagt haben, und kehrte um. Denn es gab ein Ehrfurcht in der Welt, die älter war als seine Herrschaft, und Nyx war ihr Name.

In jenen alten Nächten, wenn die Sterblichen aus ihren Häusern traten und den Himmel betrachteten, sahen sie die Sterne über dem Mittelmeer stehen, über den Olivenhainen und den weißen Tempeln, über dem ruhigen Wasser der Buchten, in denen die Schiffe schliefen. Sie wussten, dass diese Sterne Kinder der Nacht waren, von Nyx getragen und bewacht, dass jedes Licht am dunklen Himmel in einer gewissen Weise aus ihr kam, so wie Aither, ihr erster Sohn, das Leuchten selbst geworden war.

Und so umhüllte Nyx Nacht für Nacht die Welt, wie sie es seit den ersten Tagen getan hatte, seit Chaos und Dunkel und Tiefe die einzigen Dinge waren, die existierten. Sie kam ohne Ankündigung, legte sich über die Zikadenstimmen des Abends und das letzte Glühen am Horizont, ließ die Sterne erscheinen wie alte Freunde, die sie mitgebracht hatte, und breitete jene stille Weite aus, in der der Schlaf seine Arbeit tun konnte.

Für diese Nacht ruhte die Welt in den Händen der ältesten Mutter, und ihre Kinder, die Sterne, hielten Wache über allem, was schlief. Die Hesperiden sangen leise am Rand der Welt, Hypnos strich durch die Gassen der Städte, und Morpheus formte aus dem Dunkel jene Bilder, die die Schlafenden mit sich tragen würden bis zum Morgen. Nyx war da, wie sie immer da gewesen war, still und groß und älter als die Zeit, und unter ihrem Gewand schlief die Welt. Asklepios, der sanfte Heiler.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Griechische Mythologie · Götter, Helden und die Odyssee.

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