Andreas’ Nacht

Nach den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht · 11 Minuten zu lesen

Nureddin und Enis el-Jelis

In den Zeiten der Kalifen, als Bagdad noch wie ein Juwel am Tigris lag und die Nacht über den Minaretten weich und dunkel war wie Samt, begab es sich, dass zwei Männer in tiefer Freundschaft miteinander lebten, der eine ein Kaufmann von großem Ansehen, der andere sein Bruder, beide gesegnet mit Reichtum und Güte des Herzens. Die Öllampen in ihren Gemächern brannten bis tief in die Nacht, und der Jasmin, der sich an den Mauern emporrankelte, streute seinen Duft durch die offenen Bogenfenster.

Doch wie es in der Natur der Menschen liegt, so kam auch zwischen diesen Brüdern einst das Wort, das nicht zurückgenommen werden kann, ein Streit, leise begonnen, tief geendet, der die beiden Wege voneinander trennte wie ein Fluss, der sich im Delta verliert. So zog der jüngere Bruder, Nureddin mit Namen, fort aus der Stadt seiner Väter, mit einem Herzen voll Schwermut und einem Beutel, der noch einige Goldstücke barg.

Er wanderte viele Tage durch die Wüste, vorbei an schlafenden Karawanen und rauschenden Palmen, bis er schließlich die Stadt Basra erreichte, die sich am Wasser spiegelte wie ein Traum. Dort begegnete er einem wohlwollenden Wesir, der in Nureddin sogleich etwas erkannte, jene seltene Verbindung aus Schönheit, Verstand und unverbrauchter Seele, und der ihn mit Freude in sein Haus aufnahm. Die Nacht über Basra war warm und roch nach Salz und Gewürzen vom nahen Markt, und Nureddin schlief zum ersten Mal seit Wochen wieder tief und ohne Angst.

Der Wesir von Basra besaß einen Palast, dessen Innenhöfe mit Mosaiken aus Lapislazuli und Gold gepflastert waren, und in diesem Palast lebte ein Wesen von so außerordentlicher Schönheit, dass selbst die Dichter der Stadt die Worte verließen, wenn sie von ihr sprechen sollten. Ihr Name war Enis el-Jelis, die Gefährtin der Seelen, eine junge Frau, die der Wesir einst auf dem Basar erworben hatte, nicht als Ware, sondern als Schülerin seiner Weisheit, und die er wie eine Tochter hütete.

Sie konnte die Laute spielen, dass die Sterne lauschten, und Verse rezitieren, die selbst gelehrte Männer zum Schweigen brachten. Ihre Stimme war wie Wasser, das über Steine fließt, klar, stetig, und von einer Ruhe, die das Herz beruhigt. Als Nureddin sie zum ersten Mal sah, geschah es in einem der offenen Gärten des Wesirs, wo Granatapfelbäume ihre roten Früchte trugen und ein kleiner Brunnen plätscherte.

Enis el-Jelis saß im Schatten eines Feigenbaums und spielte leise auf ihrer Laute, die Augen halb geschlossen, als sänge sie nur für sich selbst. Nureddin blieb stehen — er konnte nicht anders, und in jenem Augenblick webte das Schicksal still und unaufhaltsam seine Fäden. Die beiden sahen einander an, und was zwischen ihnen entstand, war nicht das Feuer der Torheit, sondern etwas Ruhigeres und Dauerhafteres: das Erkennen, dass man die Hälfte einer Geschichte gefunden hat, die noch nicht erzählt worden ist. Der alte Wesir sah dies mit den Augen eines Mannes, der viel erlebt und noch mehr vergessen hat, und er lächelte in seinen weißen Bart.

Er rief Nureddin zu sich und sprach: O junger Mann, ich sehe, was in dir vorgeht, und ich sage dir: was das Herz wahrhaftig begehrt, das soll es empfangen, wenn es rein ist in seiner Absicht. Und so geschah es, dass der Wesir die beiden miteinander verband, nicht mit Prunk und Trommeln, sondern in einer stillen Zeremonie unter dem Mondlicht, während die Palmen rauschten und die Nacht ihre tiefste Stunde hielt. Nureddin schenkte dem alten Mann alle Dankbarkeit, die er besaß, und Enis el-Jelis legte ihre Hand in die seine mit dem ruhigen Wissen, dass dies der richtige Weg war.

Die Zeit, die darauf folgte, war von jener Kostbarkeit, die das Leben nur selten und nur kurz gewährt. Nureddin und Enis el-Jelis lebten in dem Palast des Wesirs wie in einer anderen Welt, einer Welt aus Musik und Gesprächen, aus langen Abenden auf den Dachterrassen, von denen aus man den Fluss sehen konnte, und aus Nächten, so sanft wie Seide. Enis el-Jelis lehrte Nureddin die Verse der alten Dichter, und Nureddin erzählte ihr von den Wüsten, die er durchquert hatte, von den Sternen über den Dünen und dem Schweigen der Karawanen in der Mitternacht. Der alte Wesir saß manchmal bei ihnen und hörte zu, und in seinen Augen lag das stille Leuchten eines Menschen, der das Richtige getan hat.

Doch das Schicksal — es hat seine eigenen Wege, und keiner der Menschen kennt sie im Voraus. Als der Wesir eines Morgens nicht mehr erwachte, da schliefen die Vögel in den Gärten noch, und die Brunnen plätscherten weiter, als hätten sie nichts bemerkt. Er war friedlich gegangen, mit einem kleinen Lächeln auf dem Gesicht, wie jemand, der einen langen Abend schön beendet. Nureddin und Enis el-Jelis trauerten tief und aufrichtig, denn dieser Mann war Nuruddins Vater in der Fremde und Enis el-Jelis’ Hüter und Lehrer gewesen. Sie begruben ihn mit Würde und Gebeten, und der Duft von Weihrauch zog noch lange durch die Bogengänge des Palastes.

Nach dem Tod des Wesirs veränderte sich die Welt um Nureddin herum auf eine Weise, die er zunächst nicht verstand. Die Männer am Hof des Statthalters sahen ihn nun mit anderen Augen, mit Augen, in denen Neid und Berechnung wohnten, und langsam begann sich das Netz der Verleumdungen um ihn zu schließen. Gerüchte wurden gestreut wie Samen in fruchtbare Erde: dass Nureddin nicht der sei, der er vorgab zu sein; dass er das Vertrauen des toten Wesirs missbraucht habe; dass Enis el-Jelis ihm nicht rechtmäßig gehöre.

Der Statthalter, ein Mann von wechselhaftem Charakter und empfänglichem Ohr, ließ sich von diesen Worten beeinflussen, und eines Tages kam der Befehl: Nureddin solle sich vor dem Statthalter verantworten, und Enis el-Jelis solle von ihm getrennt werden. Nureddin stand vor dieser Nachricht wie vor einer Wand aus schwarzem Stein, und in seiner Brust kämpften Verzweiflung und Entschlossenheit miteinander. Enis el-Jelis legte ihre Hand auf seine und sprach mit einer Ruhe, die ihm Kraft gab: O mein Herr, was das Schicksal trennt, das kann das Schicksal auch wieder zusammenführen. Vertraue dem Weg, auch wenn er dunkel ist. Doch die Umstände drängten, und Nureddin wusste, dass er Hilfe benötigte, Hilfe, die er in Basra nicht mehr finden würde.

So schrieb er einen Brief, versiegelte ihn mit seinem Ring, und gab ihn einem vertrauenswürdigen Boten, der diesen nach Bagdad tragen sollte, an den Hof des Kalifen selbst. Denn in jenen Tagen war der Kalif von Bagdad ein Mann der Weisheit und der Gerechtigkeit, Harun ar-Raschid, der Rechtgeleitete, und seine Bereitschaft, das Unrecht der Welt zu hören, war bekannt von den Küsten des Meeres bis in die Tiefen der Wüste.

Nureddin floh mit Enis el-Jelis in der Dunkelheit der Nacht aus Basra, auf einem kleinen Boot den Fluss hinauf, während die Sterne sie führten und das Schilf am Ufer flüsterte. Die Nacht war still, und das Wasser trug sie sanft, als hätte auch der Fluss verstanden, dass hier zwei Menschen in Not waren, und hätte beschlossen, ihnen zu helfen. Als sie nach Bagdad gelangten, war die Stadt noch in den letzten Schatten der Nacht gehüllt.

Die goldenen Kuppeln leuchteten im ersten Morgenlicht, und die Minarette erhoben sich schlank und still in den zartblauen Himmel. Nureddin fand einen Garten am Rande der Stadt, verborgen hinter hohen Mauern, mit einem alten Granatapfelbaum in der Mitte und einem kleinen Pavillon aus weißem Stein. Sie rasteten dort, erschöpft und erleichtert zugleich, und Enis el-Jelis schlief ein wenig, den Kopf auf Nuruddins Schulter, während er die Augen offenhielt und die Vögel beobachtete, die langsam in den Bäumen erwachten. Es fügte sich, dass jener Garten dem Kalifen selbst gehörte, einer seiner geheimen Ruheplätze, den er manchmal in der Nacht aufsuchte, verkleidet als einfacher Händler, um die Welt ohne den Schleier des Hofes zu sehen.

Als Harun ar-Raschid an jenem Morgen, begleitet von seinem treuen Wesir Dschafar und dem Kämmerer Masrur, durch das verborgene Tor des Gartens trat, fand er dort zwei junge Menschen, einen Mann mit dunklen, müden Augen und eine Frau von außergewöhnlicher Schönheit, die in einem leichten Schlaf lag. Der Kalif blieb stehen und betrachtete sie mit dem Blick eines Mannes, der Menschen kennt, und in ihm regte sich die Neugier, die ihn stets angetrieben hatte.

Er ließ Nureddin sanft wecken, und Nureddin erschrak zunächst, doch dann, als er die ruhige Würde des Mannes vor ihm erkannte, fiel er auf die Knie und sprach: O mein Herr, wisse, dass ich kein Eindringling bin, sondern ein Mann in großer Not, der den Weg des Rechts sucht. Der Kalif hörte zu, mit jener seltenen, vollständigen Aufmerksamkeit, die mächtige Menschen selten aufbringen, die aber Harun ar-Raschid eigen war, und er ließ Nureddin seine Geschichte erzählen, von Anfang bis Ende, ohne ihn einmal zu unterbrechen. Die Vögel sangen dazu, und der Morgenwind bewegte die Blätter des Granatapfelbaums, und die Welt schien einen Augenblick lang anzuhalten. Als Nureddin geendet hatte, schwieg der Kalif eine Weile.

Dann sprach er zu Dschafar: O Wesir, ist das die Art, wie meine Statthalter in den Städten des Reiches das Recht verwalten? Und Dschafar, der kluge, antwortete mit gesenktem Haupt: O Beherrscher der Gläubigen, es scheint, dass das Recht an manchen Orten schläft, wenn du es nicht selbst wachst. Der Kalif nickte langsam, und in seinen Augen war jenes ferne Leuchten, das die Menschen an ihm fürchteten und liebten zugleich, das Leuchten des Urteils, das kommt wie der Morgen, unausweichlich und klar.

Harun ar-Raschid enthüllte sich Nureddin als Kalif, und Nureddin, der bleich wurde und sich tief verneigte, hörte die Worte, die er nicht zu hoffen gewagt hatte: dass sein Fall untersucht werden solle, dass Gerechtigkeit hergestellt werden würde, und dass er und Enis el-Jelis unter den Schutz des Kalifs gestellt seien. Enis el-Jelis, die inzwischen erwacht war und die Szene mit großen, ruhigen Augen beobachtete, verneigte sich tief und sprach mit klarer Stimme: Wisse, o Beherrscher der Gläubigen, dass die Weisheit deines Urteils die Dunkelheit erhellt, in der wir wanderten. Der Kalif betrachtete sie mit Aufmerksamkeit und sagte dann leise zu Dschafar: Ich verstehe nun, warum dieser junge Mann so weit gereist ist.

Die Untersuchung verlief, wie Untersuchungen verlaufen, die ein gerechter Herrscher selbst in die Hand nimmt. Die Verleumdungen aus Basra zerfielen unter dem Licht der Wahrheit wie Salz im Wasser; die Männer, die Nureddin geschadet hatten, wurden zur Rechenschaft gezogen, nicht mit Strenge, aber mit Klarheit,; und dem Statthalter wurde ein Brief gesandt, der ihn in der Sprache des Hofes daran erinnerte, was Gerechtigkeit bedeutet. Nureddin erhielt das Recht, in Bagdad zu bleiben, und ihm wurde eine Stellung am Hof angeboten, die seiner Herkunft und seinem Verstand entsprach.

So kam es, dass Nureddin und Enis el-Jelis in Bagdad eine neue Heimat fanden, in einem Haus mit einem Innenhof voller Rosen, nicht weit vom Tigris, wo abends der Wind nach Wasser und Jasmin roch. Die Laute der Enis el-Jelis klang wieder durch offene Fenster, und ihre Stimme mischte sich mit dem Abendgebet der Muezzine zu einem Klang, der die Nachbarn innehalten ließ und lächeln. Nureddin diente dem Hof des Kalifen mit Treue und Umsicht, und die Jahre legten sich über ihr Leben wie sanfte, warme Decken, eine nach der anderen, jede ein wenig weicher als die vorige.

Und manchmal, wenn die Nacht besonders still war und der Mond über den Kuppeln Bagdads stand wie eine große, silberne Lampe, dann saßen die beiden auf der Terrasse ihres Hauses und sahen dem Fluss zu, der lautlos in der Dunkelheit zog. Enis el-Jelis spielte dann leise auf ihrer Laute, jene Melodien, die keine Namen haben und keine Worte brauchen, und Nureddin hörte zu mit geschlossenen Augen, und die Welt war nichts als dieser Klang und diese Stille und die warme Luft der Nacht.

Was das Schicksal getrennt hatte, das hatte das Schicksal wieder zusammengeführt, auf verschlungenen Wegen zwar, durch Wüste und Wasser und Verleumdung hindurch, aber zusammengeführt dennoch, und fester als zuvor. So ruht diese Geschichte nun in der Nacht, als wäre sie nie etwas anderes gewesen als ein leises Lied, das jemand singt, bevor er einschläft, eine Geschichte von zwei Menschen, die den langen Weg durch die Dunkelheit gegangen sind und am anderen Ende das Licht gefunden haben, das immer auf sie gewartet hatte.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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