Nach den Erzählungen der Bibel · 8 Minuten zu lesen
Noah und die große Arche
Vor langer, langer Zeit, in einer Welt, die noch jung war und voller Atem, lebte ein Mann namens Noah in einem Land zwischen Hügeln und Flüssen, wo das Gras im Morgenwind wiegte und die Sterne nachts so nah schienen, dass man meinte, man könnte sie berühren. Noah war ein Mann, der still war in seinem Herzen, der die Erde liebte und die Tiere, die über sie zogen, und der in den langen Abenden dasaß und dem Licht beim Verblassen zusah. Er hatte eine Frau, die seine Gedanken kannte, noch ehe er sie aussprach, und drei Söhne, die mit ihm arbeiteten und lachten und unter demselben Dach schliefen.
Sein Leben war einfach und gut, wie das Leben ist, wenn man sich nicht mehr wünscht, als was man hat. Und es geschah in jenen Tagen, dass Gott zu Noah sprach, nicht laut und nicht mit Donner, sondern so, wie der Wind manchmal spricht, wenn man in der Stille liegt und wirklich lauscht. Seine Stimme schien aus der Tiefe der Dinge zu kommen, aus dem Innern der Erde und des Himmels zugleich, und Noah hörte sie, und er erschrak nicht. Er legte die Arbeit nieder und hielt inne, und das Licht des Abends fiel schräg über das Feld, und alles war sehr still.
Gott sprach zu ihm von einem großen Wasser, das kommen würde. Sie sprach von Regen, der fallen würde, wie Regen noch nie gefallen war, von Strömen, die anschwellen würden, bis das Land darunter verschwände wie ein Stein unter einer ruhigen Oberfläche. Und Gott sagte Noah, was er tun sollte: Er sollte ein Schiff bauen, größer als alles, was er je gesehen hatte, aus dem harten Holz der Zypressen, mit Kammern innen und einem Dach, das den Regen trüge. Noah saß noch lange, nachdem die Stimme verklungen war, und sah in den Himmel, der sich langsam verdunkelte, und er wusste, dass er es tun würde.
Am nächsten Morgen, als die Sonne noch tief stand und die Luft noch kühl war vom Tau der Nacht, begann Noah zu bauen. Seine Söhne kamen zu ihm, und er erklärte ihnen, was er gehört hatte, und sie schwiegen eine Weile, und dann ergriffen sie die Werkzeuge. So wie es manchmal ist zwischen Menschen, die einander vertrauen: Man versteht nicht alles, aber man baut gemeinsam. Das Holz roch nach Harz und nach Wäldern, und die Äxte schlugen gleichmäßig in den kühlen Morgen, und die Arbeit begann.
Viele Tage vergingen, und viele Monde. Die Arche wuchs langsam aus dem Boden wie etwas, das schon immer dort gewesen war und nun nur sichtbar wurde. Sie war so groß, dass man von einem Ende zum anderen rufen musste, wenn man gehört werden wollte. Sie hatte Luken für das Licht und Türen, breiter als ein Ochsengespann, und innen duftete das Holz warm und tief. Noahs Frau brachte Essen zu den Arbeitenden, und manchmal blieb sie stehen und legte die Hand an die Planken und spürte das Holz unter den Fingern, als könnte sie fühlen, was dieses Schiff tragen würde.
Und dann kam der Tag, von dem Noah gewusst hatte, dass er kommen würde. Die Tiere kamen. Sie kamen aus den Wäldern und von den Hügeln, aus den Sümpfen und von den weiten Ebenen, paarweise, wie von einer unsichtbaren Hand geführt. Die Tauben kamen mit ihren sanften Augen, und die Elefanten mit ihrem schweren, ruhigen Schritt, und die kleinen Käfer, die kaum zu sehen waren, und die Löwen, die sich legten wie zahme Hunde. Noah stand an der Tür und sah sie kommen, und in seiner Brust war etwas, das er nicht benennen konnte, eine Ehrfurcht, tiefer als Worte, vor der Fülle und der Schönheit der lebenden Welt.
Sie brachten Vorräte hinein, Korn und Hülsenfrüchte, Datteln und getrocknete Feigen, Öl in Tonkrügen und Wasser in großen Gefäßen. Die Frauen der Söhne halfen, und alle arbeiteten ruhig und beharrlich, und als die Sonne an jenem letzten Abend unterging, leuchtete sie so golden über dem Land, dass Noah einen Moment innehielt und die Augen schloss und das Licht auf seinem Gesicht spürte. Das Land war sehr schön. Es würde immer schön sein, auch in der Erinnerung.
Dann schloss sich die große Tür. Und der Regen begann. Zuerst leise, wie ein Seufzen des Himmels, dann gleichmäßiger, dann stetig, dann so, als würden alle Wasser der Welt auf einmal fallen wollen. Innen auf der Arche war es warm und dunkel und voller Atem. Die Tiere lagen ruhig. Die Menschen lagen ruhig. Das Wasser stieg draußen, und die Arche hob sich, langsam und sicher, wie ein schlafendes Wesen, das sich in den Schlaf trägt.
Noah lag in der Dunkelheit und hörte das Rauschen des Wassers an den Planken, dieses gleichmäßige, tiefe Rauschen, das von überall kam und nirgends aufhörte. Es war kein bedrohliches Geräusch. Es war das Geräusch der Welt, die sich veränderte. Er legte die Hand auf das Holz neben sich und spürte das leichte Schwingen der Arche, das Wiegen, das sanfte Heben und Senken, und er dachte an das Land, das er gekannt hatte, und an das Land, das kommen würde, und sein Herz war ruhig.
Die Tage auf dem Wasser flossen ineinander wie Wasser selbst. Es gab das Licht durch die Luken, das sich mit der Tageszeit veränderte, morgens golden und weich, mittags weiß und still, abends wieder warm und tief. Es gab das Geräusch der Tiere, das Atmen und Rauschen und das leise Murmeln der Menschen, die miteinander sprachen und schwiegen und wieder sprachen. Noahs Frau saß manchmal nahe der Luke und sah auf das Wasser hinaus, das in alle Richtungen reichte, flach und still und silbern unter dem bedeckten Himmel, und sie sagte nichts, aber Noah wusste, was sie dachte, denn er dachte dasselbe.
Und dann, eines Tages, schickte Noah eine Taube hinaus. Er hielt sie in beiden Händen, spürte das warme, leichte Gewicht des Vogels, den kleinen Herzschlag unter den Federn, und dann öffnete er die Hände, und die Taube flog. Er sah ihr nach, bis sie verschwunden war in dem weiten, grauen Himmel, und er wartete. Am Abend kehrte sie zurück, und in ihrem Schnabel trug sie einen Zweig, frisch und grün, mit kleinen Blättern, die noch feucht glänzten. Noah hielt den Zweig in der Hand und konnte nichts sagen. Er sah nur die Blätter an, diese kleinen, lebendigen, grünen Blätter, und das Wasser stand ihm in den Augen.
Es gab Land irgendwo. Es gab Bäume. Es gab eine Erde, die wartete. Bald danach sank die Arche sachte auf Grund, dort wo ein Berg aus dem zurückweichenden Wasser auftauchte wie eine alte Verheißung, und als Noah die große Tür öffnete, strömte Licht herein, das reinste, hellste Licht, das er je gesehen hatte, das Licht einer gewaschenen Welt, die von vorne anfing.
Die Tiere gingen hinaus, eines nach dem anderen, zurück in die Welt. Die Vögel stiegen auf und wurden zu Punkten am Himmel. Die großen Tiere schritten durch das feuchte Gras, das schon wieder grün war, frischer und heller als je zuvor. Noah stand an der Tür und sah ihnen nach, und seine Frau stand neben ihm, und ihre Söhne, und deren Frauen, und sie standen alle schweigend und sahen, wie das Leben zurückkehrte in die Erde.
Und da, hoch oben im Himmel, wo die letzten Wolken zogen und das Licht hindurchbrach, erschien etwas, das noch kein Mensch so gesehen hatte, ein Bogen aus Farben, weit und leuchtend über dem Land, rot und gold und grün und blau, zart wie ein Versprechen, fest wie der Himmel selbst. Noah sah hinauf, und alle sahen hinauf, und niemand sprach, denn manche Dinge sind schöner als alle Worte.
Es war ein Zeichen, das in den Himmel geschrieben stand wie eine ruhige Antwort auf alles, was gewesen war, ein Zeichen des Neubeginns, des Bundes, den Gott schloss mit der Erde und mit allem, was lebt und atmet und unter den Sternen schläft. Noah bückte sich und legte die Hände in das feuchte Gras, und er spürte die Erde unter den Fingern, und die Erde war warm. So begann die Welt von neuem, still und grün und voller Möglichkeiten, unter einem Himmel, der nun wusste, was er trug, und über einer Erde, die gelernt hatte, dankbar zu sein für jeden Morgen, der kam, für jeden Tau auf dem Gras, für jeden Vogel, der sang, für jeden Atemzug in der Stille der Nacht.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.