Andreas’ Nacht

Nach den Erzählungen der Bibel · 5 Minuten zu lesen

Nikodemus und das Gespräch in der Nacht

Vor langer, langer Zeit, in einem Land voller Sonne und Staub, stand die große Stadt Jerusalem auf ihrem Hügel, ummauert von alten Steinen, erfüllt vom Klang der Tempel und vom Murmeln der Menschen, die jeden Tag durch ihre Gassen strömten. Es war eine Stadt, die viel gesehen hatte, viele Jahrhunderte, viele Geschichten. Und in ihr lebten Männer, die das Gesetz kannten wie die Linien ihrer eigenen Hände, die die Schriften lasen, seit sie Kinder gewesen waren, und die über die tiefen Dinge des Lebens nachsannen, wenn der Abend sich über die Dächer legte.

Einer dieser Männer hieß Nikodemus. Er war kein junger Mann mehr, sein Haar trug schon das Silber der Jahre, und sein Gewand das Gewicht der Würde, die man ihm entgegengebracht hatte. Er gehörte zu jenen, die Ansehen genossen, deren Urteil gefragt war, deren Stimme gehört wurde, wenn die Männer in den Säulenhallen zusammensaßen und über das Gesetz und über Gott sprachen. Und doch trug Nikodemus in sich eine Unruhe, so still wie ein tiefer Brunnen, der wartet, dass man einen Stein hineinwirft, eine Frage, die keine seiner vielen Schriften ganz beantworten konnte.

Denn in jenen Tagen war ein Mann durch das Land gezogen, der lehrte auf eine Weise, wie Nikodemus es noch nicht gehört hatte. Die Menschen sprachen von ihm in den Gassen und an den Brunnen und auf den Plätzen, von seinen Worten, die einfach und doch tief waren wie das Wasser unter der Erde, und von Dingen, die er getan hatte, die niemand erklären konnte. Nikodemus hatte zugehört, hatte nachgedacht, hatte abgewogen. Und je mehr er nachdachte, desto stärker wurde in ihm das Verlangen, mit diesem Mann zu sprechen, nicht vor den anderen, nicht in aller Öffentlichkeit, sondern allein, in aller Stille.

Und so wartete er auf die Nacht. Als die Sterne über Jerusalem aufgingen und die Stadt ruhiger wurde, als die Lampen hinter den Fensterläden erloschen und die Gassen sich leerten, da stand Nikodemus auf und hüllte sich in seinen Mantel. Er kannte den Weg. Die Nacht war mild, der Himmel weit und klar, und die kleinen Lichter der Sterne lagen über den Dächern wie ein sanftes Tuch. Nikodemus ging durch die stillen Straßen, vorbei an schlafenden Türen, hinaus zu dem Ort, wo der Mann aus Galiläa sich für diese Nacht aufhielt.

Und er fand ihn, ruhig und wach, als hätte er gewusst, dass jemand kommen würde. Nikodemus trat vor ihn hin, und in seiner Stimme lag Respekt und zugleich die ernste Neugier eines Mannes, der lange nachgedacht hat. Lehrer, sagte er, wir wissen, dass du von Gott gekommen bist. Denn niemand könnte tun, was du tust, wenn Gott nicht mit ihm wäre.

Der Mann, den sie Jesus nannten, sah ihn an, ruhig, ohne Eile, so als wäre die ganze Nacht dafür da, wirklich zu sprechen. Und er antwortete ihm auf eine Weise, die Nikodemus zunächst verwunderte, fast verwirrte. Er sprach von einem neuen Anfang, davon, dass ein Mensch noch einmal geboren werden müsse, nicht aus dem Fleisch, wie ein Kind aus dem Leib seiner Mutter kommt, sondern auf eine andere, tiefere Weise. Er sprach vom Geist, der weht, wohin er will, unsichtbar wie der Wind, dessen Rauschen man hört, ohne sagen zu können, woher er kommt und wohin er geht.

Nikodemus lauschte. Er war ein gelehrter Mann, aber diese Worte öffneten etwas in ihm, das er so noch nicht gekannt hatte. Er war gewohnt, die Schriften zu erklären, Regeln abzuwägen, Bedeutungen zu schichten, doch hier sprach jemand von etwas, das man nicht erklären, nicht berechnen, nicht in Worte fassen konnte wie ein Gesetz in Stein. Er fragte, und er fragte noch einmal, und Jesus antwortete ihm geduldig, wie jemand antwortet, der einen anderen Menschen wirklich versteht und ihm nichts verbergen will.

Er sprach vom Himmel und von der Erde, von oben und unten, von dem, was sichtbar ist und von dem, was sich allem Sehen entzieht. Er sprach davon, dass das Licht in diese Welt gekommen sei, und dass das Licht nicht kam, um die Menschen zu richten, sondern um ihnen zu leuchten. Wie ein Leuchter in einem dunklen Haus, der nicht fragt, wer das Dunkel gebracht hat, sondern einfach brennt. Nikodemus hörte diese Worte, und es war, als würden sie sich langsam in ihm absetzen, wie Staub sich auf einem stillen See absenkt und den Grund berührt.

Die Nacht hielt sie beide umhüllt, die Sterne über den Dächern Jerusalems, der leise Atem des Windes, der durch die Oliven strich. Es war kein lautes Gespräch, kein Streit, keine Prüfung. Es war das Gespräch zweier Menschen, von denen einer noch sucht und der andere bereit ist, ohne Eile zu antworten. Nikodemus fühlte, wie die Unruhe in ihm, diese alte, stille Unruhe, sich nicht auflöste, aber sanfter wurde, wie ein Knoten, der sich zu lockern beginnt, Faden für Faden. Als er schließlich seinen Weg zurück durch die schlafende Stadt antrat, trug er die Worte dieser Nacht mit sich fort wie eine Lampe, die man nicht einfach wieder verlöscht.

Er hatte keine Antworten auf alle seine Fragen, aber er hatte etwas anderes: das Gefühl, dass es richtig gewesen war zu kommen, dass die Nacht gut gewesen war für dieses Gespräch, und dass manche Wahrheiten Zeit brauchen, um in einem Menschen anzukommen, so wie das erste Licht des Morgens, das langsam und ohne Hast den Himmel hellt, bevor die Sonne aufgeht. Und über Jerusalem lagen die Sterne still und klar, wie sie seit jeher gestanden hatten, und der Wind trug den Duft von Oliven und altem Stein durch die Gassen der schlafenden Stadt, als die Nacht ihrem Ende entgegenging.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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