Nach griechischer Überlieferung · 10 Minuten zu lesen
Nausikaa und das Volk der Phäaken
In jenen alten Tagen, als die Götter noch über den Olymp wandelten und das Meer ihren Willen kannte, trieb ein Mann allein auf dem weiten Wasser. Kein Schiff trug ihn, kein Ruder lenkte seinen Weg, nur ein Floß aus gefällten Stämmen, das die Wellen nach Belieben schaukelten. Es war Odysseus, der listenreiche, der nach langen Jahren endlich die Insel der Kalypso hinter sich gelassen hatte und nun dem fernen Ithaka entgegenstrebte. Doch Poseidon, der Erderschütterer, hatte diesen Mann nicht vergessen.
Der Gott des Meeres sah das kleine Floß von fern, und sein Zorn erwachte wie ein Sturm am Horizont. Er stieß seinen Dreizack in die See, und die Wogen türmten sich auf, schwarz und gewaltig, ein fernes Gewitter, das mit einem Mal zur Wirklichkeit wurde. Das Floß zersplitterte unter der Gewalt des Wassers, und Odysseus wurde in die Tiefe gerissen, hinein in die brausende Dunkelheit des Meeres. Nur durch die Gnade einer Meeresnymphe, die ihm einen schützenden Schleier lieh, erreichte er am Ende das Ufer, erschöpft, allein, das Salz des Ozeans noch in den Haaren.
Er schleppte sich über spitze Steine und schließlich in das Dickicht eines Ufergehölzes, wo Ölbäume und Wildgebüsch ein stilles Dach über ihm bildeten. Dort sank er nieder und schlief, tief und bewusstlos, wie jemand schläft, der alles gegeben hat und nichts mehr zurückzuhalten vermag. Um ihn lag die Nacht, und die Insel Scheria lag still und unbekannt in ihrem Schlummer. Es war das Land der Phäaken, eines Volkes, das den Göttern nah war und das Meer so gut kannte wie seinen eigenen Namen.
Hoch oben auf dem Olymp blickte die eulenäugige Athene auf den schlafenden Mann hinab. Sie hatte diesen Helden stets mit Wohlwollen begleitet, und nun sann sie nach, wie sie ihm helfen könnte, ohne Poseidons Groll noch weiter auf sich zu ziehen. In dieser Nacht schlich sie sich in einen Traumpalast, in dem ein junges Mädchen schlief: Nausikaa, die Tochter des Phäakenkönigs Alkinoos, schön und heiter wie der frühe Morgen. In Gestalt einer Freundin trat die Göttin in ihren Traum und sprach zu ihr. Nausikaa, sagte die Traumgestalt mit sanfter Stimme, der Morgen naht, und deine Gewänder liegen noch ungewaschen. Bitte deinen Vater um den Wagen und fahre zum Fluss, denn bald stehen dir Tage bevor, an denen saubere Kleider wichtig sein werden.
Als die rosenfingrige Morgenröte den Himmel färbte, erwachte Nausikaa und hielt den Traum noch einen Moment fest in ihrem Herzen. Dann stand sie auf und ging zu ihrem Vater, dem gütigen König Alkinoos, der seiner Tochter kaum etwas abzuschlagen vermochte. Sie bat ihn um den Wagen mit den Maultieren, und er gewährte es ihr, wie er es immer tat. Ihre Dienerinnen packten Körbe mit Gewändern, Proviant und duftende Öle für die Rückkehr, und bald rollte das Gespann durch die stillen Straßen der phäakischen Stadt zum Fluss hinab.
Am Ufer wuschen sie die Kleider, schlugen sie auf den Steinen und breiteten sie dann auf den Kieseln aus, damit die Sonne sie trocknete. Als die Arbeit getan war und die Gewänder im Licht blinzelten, spielten Nausikaa und ihre Mädchen, warfen einen Ball hin und her und lachten, und ihre Stimmen klangen hell durch das Schilf. Der Ball glitt einmal zu weit, fiel ins Wasser und das Geschrei der Mädchen hallte durch das Gebüsch, genau bis zu der Stelle, wo Odysseus schlief.
Er erwachte. Einen Augenblick lang wusste er nicht, wo er war, kein Schiff, kein Himmel, kein vertrautes Gesicht. Dann hörte er die Stimmen und rappelte sich auf, rau von Schlaf und Salz, und trat aus dem Dickicht heraus. Die Mädchen erblickten ihn und flohen erschrocken in alle Richtungen, nur Nausikaa blieb stehen, denn Athene hatte ihr den Mut ins Herz gelegt, ruhig zu bleiben. Odysseus aber blieb in einiger Entfernung, damit sie sich nicht fürchtete, und sprach sie mit gewählten Worten an.
Bin ich bei Menschen oder bei Göttern?, fragte er, und seine Stimme war rau, aber seine Worte waren bedächtig gewählt. Denn wer du auch bist, du hast etwas von der Grazie der Artemis. Ich bin ein Schiffbrüchiger, ich habe nichts und ich kenne niemanden in diesem Land. Wenn du mir sagen könntest, wo ich mich befinde und wie ich die Stadt erreiche, wäre ich dir dankbar für alle Zeit.
Nausikaa hörte ihm zu, und ein leises Staunen lag in ihrem Blick. Sie rief ihre Mädchen zurück, ließ Öl und Gewänder für ihn bringen und zeigte ihm, wo er sich waschen konnte. Als Odysseus zurückkam, gesäubert und gekleidet, da hatte Athene ihm Würde und Größe in die Gestalt gelegt, sodass er aussah wie ein Held aus alten Tagen. Nausikaa sprach leise mit einer ihrer Gefährtinnen, und es lag etwas in ihrem Blick, das mehr war als bloße Gastfreundschaft.
Sie gab ihm Anweisung für den Weg in die Stadt. Er solle ihr folgen, aber erst in einigem Abstand, damit das Volk nicht redete. Die Phäaken, erklärte sie, waren ein stolzes Volk und schnell mit ihren Meinungen. Er solle den Wagen in Sichtweite der Stadt warten lassen und dann selbst den Weg zum Palast ihres Vaters suchen. Dort, am Herd der Königin Arete, solle er die Hände um ihre Knie legen und um Hilfe bitten, denn Arete war eine Frau, deren Urteil ihr Mann achtete.
Odysseus folgte dem Weg, den Nausikaa ihm beschrieben hatte, und er sah die Stadt der Phäaken vor sich liegen: weiße Mauern, hohe Türme, Häfen mit Schiffen, die lagen wie schlafende Vögel auf dem Wasser. Das Volk der Phäaken war gesegnet mit allem, was das Meer zu geben hat, ihre Schiffe gehorchten ohne Ruder, kannten jeden Weg, fuhren schnell wie Gedanken durch die Nacht. Und über allem lag der Glanz einer Welt, die dem Olymp noch ein kleines Stück näher war als die anderen Inseln des Meeres.
Athene selbst begleitete Odysseus durch die Straßen, unsichtbar neben ihm, gehüllt in eine Wolke, damit ihn die Phäaken nicht sähen, bevor er die Königin erreicht hatte. Sie führte ihn durch das Tor, vorbei an Gärten mit Obstbäumen, die das ganze Jahr trugen, vorbei an Weinreben und silbernen Bewässerungsrinnen, bis er vor dem großen Palast des Alkinoos stand. Odysseus trat durch die Tür und sah den König und seine Gäste, und ließ die Wolke um sich fallen.
Er trat vor und kniete nieder bei Arete, der Königin, und legte seine Hände um ihre Knie, wie man es tat, wenn man um Gastrecht bat. Einen Augenblick lang war es still im Saal. Dann erhob sich Alkinoos, reichte dem Fremden die Hand und führte ihn selbst zu einem Platz an seiner Seite, dort, wo eben noch der Lieblingssohn gesessen hatte. Er ließ Wein einschenken und Speisen bringen, und niemand fragte zuerst nach dem Namen des Gastes — das war das Gesetz der Gastfreundschaft, und die Phäaken kannten dieses Gesetz gut.
Erst als Odysseus gegessen hatte, stellte Arete ihre Frage. Sie hatte die Gewänder bemerkt, die er trug — es waren die der Phäaken, und sie wollte wissen, wer ihm diese gegeben hatte und woher er kam. Odysseus erzählte ihr von seiner Irrfahrt, von der Insel der Kalypso, vom Sturm, von den Klippen und von der jungen Frau am Fluss, die ihn freundlich empfangen hatte. Er sprach lobend von Nausikaa, und es lag keine Schmeichelei in seinen Worten, nur Dankbarkeit.
Alkinoos hörte zu und nickte, und dann sagte er etwas, das Odysseus für einen Herzschlag sprachlos machte. Wenn du bleiben wolltest, sprach der König ruhig, so könnte Nausikaa deine Frau werden, und du würdest Haus und Reichtum erhalten. Doch wenn du heimwärts willst, so werde ich dir ein Schiff geben, das dich trägt, wohin du auch nur denkst, denn unsere Schiffe kennen jeden Weg.
Odysseus dankte dem König mit Worten, die aus dem Herzen kamen, und bat ihn um das Schiff. Er wollte heim. Nach all den Jahren, nach Kalypso und Kirke und den Sirenen, nach dem Land der Toten und dem Zorn der Götter — er wollte nach Ithaka. Alkinoos verstand das, ohne weitere Frage, und versprach ihm die Fahrt. Am nächsten Tag feierte das Volk der Phäaken ein großes Fest. Sänger sangen, Athleten wetteiferten im Sand, und Odysseus selbst wurde aufgefordert, mitzumachen. Er zögerte zuerst, dann griff er nach dem Diskus und warf ihn weiter als alle anderen. Ein kleines Lächeln lag für einen Moment auf seinem Gesicht, das erste seit langer Zeit.
Abends sang der blinde Sänger Demodokos Lieder von Troja und von den Helden des großen Krieges, und Odysseus bedeckte sein Gesicht mit dem Mantel, damit niemand seine Tränen sah. Alkinoos bemerkte es dennoch. Er bat den Sänger zu schweigen und wandte sich an seinen Gast. Es war an der Zeit, fragte er sanft, den eigenen Namen zu nennen und die Geschichte, die ihn hierhergeführt hatte. Und so begann Odysseus zu erzählen, von Troja und dem langen Heimweg, von Zyklopen und Winden, von Zauberinnen und Toten, von allem, was er erlebt hatte, seit die Mauern Trojas gefallen waren.
Er erzählte die ganze Nacht, und die Phäaken hörten zu, still und gebannt. Als seine Erzählung zu Ende war, lag eine tiefe Stille im Saal. Alkinoos ließ reiche Geschenke bringen, Gewänder, Gold, Bronzegefäße, und legte sie in das Schiff, das für Odysseus bereitlag. Die phäakischen Fürsten folgten seinem Beispiel, und bald lag das Schiff so tief im Wasser, beladen mit der Großzügigkeit eines fremden Volkes. Nausikaa stand am Rand des Abschiedsplatzes, und als Odysseus an ihr vorbeikam, blieb er kurz stehen. Nausikaa, sagte er leise, ich werde dich nicht vergessen.
Du hast einem Mann das Leben gerettet, der nichts hatte als einen schützenden Schleier und das Glück, in deinen Weg zu fallen. Wenn ich je wieder unter einem glücklichen Stern stehe, so danke ich es auch dir. Sie nickte nur, aber in ihrem Blick lag etwas, das mehr war als ein Abschied. Odysseus bestieg das Schiff, und die phäakischen Ruderer, die besten der Welt, legten die Ruder ein. Das Schiff glitt lautlos aus dem Hafen, schneller als ein Gedanke, schneller als der Wind, hinaus auf das dunkle Wasser. Odysseus legte sich auf dem Deck nieder, und noch bevor die Lichter Scherias verschwunden waren, schloss sich über ihm der Schlaf, tief, ruhig, ohne Träume.
Das Meer trug ihn wie eine Hand. Die Sterne wanderten über ihm, die phäakischen Ruderer hielten den Takt, und irgendwo in der Ferne lag Ithaka, das er so lange nicht gesehen hatte. Was ihn dort erwartete, war eine andere Geschichte, doch in dieser Nacht war er nur ein schlafender Mann auf einem Schiff, das wusste, wohin es fuhr. Und das Meer um ihn war ruhig, und die Nacht war still, und der Weg lag vor ihm, so klar wie das Licht der Sterne über dem weinroten Wasser. Die Heimkehr nach Ithaka.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.