Andreas’ Nacht

Nach einem russischen Volksmärchen · 10 Minuten zu lesen · Vorabdruck

Marja Morewna

In einem Reich am Rand der Steppe starben der alte Zar und die alte Zarin in demselben Winter, und zurück blieben Iwan Zarewitsch und seine drei Schwestern. Sie waren nun allein in einem großen Haus. In den Sälen standen die Öfen kalt, weil niemand mehr befahl, sie zu heizen, und nur in der einen Kammer, in der die vier saßen, brannte ein Feuer. Draußen fiel der Schnee auf die Steinlöwen am Tor und machte ihnen weiche Mützen. Sie warteten auf das Frühjahr, weil es nichts anderes zu tun gab.

Als der Schnee fort war, gingen sie eines Tages im Garten spazieren. Da wurde der Himmel schwarz, ein Wind fuhr in die Bäume, und sie liefen ins Haus zurück. Kaum waren sie in der Stube, da stieß ein Falke gegen das Fenster, kam herein und stand als junger Mann vor ihnen. Gib mir deine älteste Schwester zur Frau, sagte er. Sie nahm ihn, und er trug sie fort. Im Jahr darauf kam auf dieselbe Weise ein Adler und nahm die mittlere, und im dritten Jahr ein Rabe und nahm die jüngste. Da war Iwan allein.

Ein Jahr saß er still, dann hielt er es nicht mehr aus und ritt fort, um seine Schwestern zu suchen. Er ritt lange und kam auf ein Feld, auf dem ein ganzes Heer gefallen lag, so weit man sehen konnte, Mann bei Mann und Pferd bei Pferd. Er rief, ob noch einer lebe und ihm sagen könne, wer das getan habe. Aus dem Haufen richtete sich ein Mann auf und sagte, dieses Heer hat die schöne Marja Morewna geschlagen, und sie liegt mit ihren Zelten dort hinter dem Hügel.

Iwan ritt hinüber, und die Zelte standen weiß in der Abendsonne. Marja Morewna kam heraus, sah ihn an und lud ihn zu sich. Drinnen war es warm von den Teppichen und den Kohlebecken, und sie aßen zusammen und redeten bis in die Nacht. Am dritten Tag nahm sie ihn zum Mann und führte ihn in ihr Schloss. Eine Weile lebten sie so, bis eines Morgens ein Bote kam und sie sich rüsten musste, denn irgendwo war wieder ein Krieg, der ohne sie nicht auskam.

Sie gab ihm die Schlüssel und sagte, geh, wohin du willst, und sieh dir alles an. Nur in die Kammer hinter der letzten Tür geh nicht. Dann ritt sie davon. Iwan hielt es drei Tage aus. Am vierten schloss er die letzte Tür auf, und darin hing ein alter Mann an zwölf Ketten, mager wie ein Ast. Er bat um Wasser. Iwan brachte ihm einen Eimer, und der Alte trank ihn leer und bat um mehr, und Iwan brachte den zweiten und den dritten.

Da riss Koschtschei der Unsterbliche die zwölf Ketten wie Zwirn und war fort, und mit ihm die Zugluft und der Staub aus der Kammer. Ich danke dir, Iwan Zarewitsch, rief er im Hinausfahren, aber deine Marja Morewna wirst du nie mehr sehen. Am selben Abend holte er sie unterwegs ein und nahm sie mit sich. Iwan stand allein in dem stillen Schloss, packte ein Bündel und ging aus dem Tor, und die Tür schlug hinter ihm ins Schloss, ohne dass jemand sie zugezogen hätte.

Sein Weg führte ihn zuerst zu seinen Schwestern. Im Schloss des Falken saß die älteste am Fenster, und sie weinte und lachte zugleich, als sie ihn sah. Er ließ ihr einen silbernen Löffel zurück. Beim Adler ließ er eine silberne Gabel, beim Raben eine silberne Dose. Wenn das Silber schwarz anläuft, sagte er zu jedem, dann steht es schlecht um mich. Sie versprachen es und ließen ihn ungern ziehen, und die drei Schwäger sahen ihm nach, bis er klein war.

Er fand Koschtscheis Haus am Ende einer Ebene, auf der nichts stand als Gras und Wind. Marja Morewna saß in der Kammer, und als sie ihn in der Tür sah, stand sie auf und sagte kein Wort, sondern nahm ihr Tuch. Sie gingen hinaus und ritten davon. Koschtschei war auf der Jagd. Als er heimkam, fand er die Tür offen und den Schemel umgestoßen, und er ging zu seinem Pferd, legte ihm die Hand auf den Hals und fragte, ist er weit voraus.

Das Pferd sagte, man kann Weizen säen, warten, bis er wächst, ihn schneiden, dreschen, mahlen, Brot backen und das Brot aufessen, und dann erst aufbrechen, und man holt ihn immer noch ein. Da ließ sich Koschtschei Zeit. Am Abend hörten die beiden ihn lange, ehe sie ihn sahen. Er nahm Marja Morewna zu sich aufs Pferd und sagte, du hast mir Wasser gebracht, darum lasse ich dich diesmal laufen. Dann waren sie fort, und Iwan stand allein im hohen Gras und sah der Staubfahne nach.

Er wartete drei Tage und ging zum zweiten Mal hin. Diesmal ritten sie bei Nacht und weiter als beim ersten Mal, und Marja Morewna sah sich nicht um, sondern hielt die Zügel kurz und trieb das Pferd an. Gegen Morgen war der Boden weiß vom Reif, und die Hufe schlugen hart darauf. Koschtschei fragte sein Pferd, und das Pferd sagte dasselbe wie zuvor. Er holte sie ein, als die Sonne hoch stand. Dreimal hast du mir zu trinken gegeben, sagte er, zweimal lasse ich dich laufen. Beim dritten Mal nicht mehr.

Zum dritten Mal ging Iwan hin. Geh nicht wieder, sagte Marja Morewna, und er ging doch, und sie ritten, so schnell das Pferd konnte, und keiner von beiden sprach unterwegs ein Wort. Am Abend hörten sie den Hufschlag hinter sich, gleichmäßig und ohne Eile, und er wurde nicht schneller und blieb doch nicht zurück. Auf einer Ebene, über die schon der erste Schnee ging, holte Koschtschei sie ein und stieg vom Pferd. Marja Morewna hielt an und sah zu Boden.

Was er tat, geschah rasch und ohne viele Worte, und danach schwamm ein Fass mit eisernen Reifen auf dem blauen Meer. In derselben Stunde lief in drei Schlössern das Silber schwarz an, der Löffel und die Gabel und die Dose. Der Falke, der Adler und der Rabe machten sich auf, fanden das Fass und zogen es an den Strand. Der Falke flog nach dem Wasser des Lebens und der Rabe nach dem Wasser des Todes, und mit dem toten Wasser fügten sie ihn zusammen und mit dem lebendigen weckten sie ihn.

Wie lange ich geschlafen habe, sagte Iwan und rieb sich die Augen. Ohne uns hättest du ewig geschlafen, sagte der Rabe. Sie rieten ihm heimzugehen, aber er ging noch einmal zu Marja Morewna und fragte sie leise, woher Koschtschei sein Pferd habe. Sie lockte es Koschtschei heraus. Hinter dem Feuerfluss, sagte sie, wohnt die Baba Jaga. Sie hat Stuten, die sie über das Meer hütet. Wer ihr drei Tage die Stuten hütet, darf sich ein Fohlen nehmen. Und sie gab ihm Koschtscheis Tuch.

Iwan ging drei Tage und hatte nichts zu essen. Er fand ein Nest mit jungen Vögeln und ließ sie leben. Er fand einen Bienenstock in einem hohlen Baum und ließ den Honig darin. Er fand eine Löwin mit ihrem Jungen und ließ sie leben. Dann stand er vor dem Feuerfluss, der so heiß war, dass der Schnee am anderen Ufer in einem Streifen geschmolzen lag. Er schwenkte das Tuch dreimal nach rechts, und eine hohe Brücke stieg auf, so weiß, dass sie kalt aussah, und er ging hinüber.

Hüte mir drei Tage die Stuten, sagte die Baba Jaga, und geht mir eine einzige verloren, so weißt du ja, was dann kommt. Am Morgen trieb sie ihm die Herde aus dem Hof, und kaum waren die Tiere durch das Tor, hoben sie die Schweife und stoben über die Wiesen davon, nach allen Seiten auseinander. Iwan lief hinterher, bis ihm die Luft ausging, und setzte sich dann ins nasse Gras. Gegen Abend kamen die Vögel und trieben sie ihm von überall her wieder zusammen.

Am Abend schalt die Alte die Stuten, warum sie heimgekommen seien, und sie antworteten, die Vögel seien über ihnen gewesen. Am zweiten Tag liefen sie in die dichten Wälder, wo Iwan ihnen nicht nach konnte. Er stand zwischen den Stämmen und hörte sie immer weiter weg werden, bis er gar nichts mehr hörte. Da kam die Löwin und holte sie aus dem Unterholz heraus, eine nach der anderen. Am dritten Tag gingen sie ins Meer hinein und standen bis an den Hals darin, und weiter draußen war nur noch grauer Dunst.

Iwan saß am Ufer, und die Sonne ging unter, und er wusste, dass dies der letzte Tag war. Da kamen die Bienen über das Wasser, ein feiner Ton, der lauter wurde, und trieben die Stuten ans Land zurück. Die Bienenkönigin aber setzte sich ihm aufs Ohr und sagte, nimm das räudige Fohlen, das hinten im Stroh liegt, und reite noch in dieser Nacht fort, wenn alles schläft. In der Nacht ging er in den Stall. Es roch nach Pferden und nassem Stroh, und ganz hinten in der Ecke lag das kleine Tier.

Er hob es auf die Beine und führte es aus dem Hof, und es ging zuerst schwer und stolperte über die eigenen Hufe. Um Mitternacht saß er darauf, und im Haus hinter ihm schlief alles. Den Fluss hörte er, ehe er ihn sah, ein Rauschen, in dem kein Wasser war, und über der Stelle lag ein roter Schein an den Wolken. Er zog das Tuch heraus und schwenkte es dreimal nach rechts, und die Brücke stieg auf, und das Fohlen ging hinauf, ohne stehen zu bleiben.

Drüben schwenkte er das Tuch zweimal nach links, und die Brücke sank in sich zusammen, bis nur noch ein dünner Steg über der Glut stand. Die Baba Jaga kam heran, hielt am Ufer, stieg aus dem Mörser und setzte den Fuß darauf. Der Steg trug sie nicht. Von da an war es still hinter ihm, und er ritt weiter, ohne sich noch einmal umzusehen. Als er sich nach seinem Tier umsah, war da kein räudiges Fohlen mehr, sondern ein Pferd, wie er noch keines gesehen hatte, und der Schweiß dampfte ihm vom Hals.

Er holte Marja Morewna, und sie ritten zusammen fort. Koschtschei kam hinterher, aber er ritt kein Pferd mehr, das schneller war als dieses. Am Rand einer Wiese, auf der schon Reif lag, endete es zwischen den beiden, und was von ihm blieb, wurde am selben Abend verbrannt, und der Wind trug die Asche über das Feld davon. Iwan sah ihr nach, bis nichts mehr zu sehen war, und dann wendete er das Pferd und sagte kein Wort mehr darüber. Es war sehr kalt geworden.

Sie ritten zu den Schwestern, erst zum Raben, dann zum Adler, dann zum Falken, und überall wurde geheizt und aufgetragen, und die drei Schwäger klopften ihm auf die Schulter, bis ihm die Schulter wehtat, und Marja Morewna lachte darüber. Zuletzt kamen sie in Marja Morewnas Schloss zurück. Die letzte Tür stand offen, die Ketten lagen auf dem Boden, und jemand hatte das Fenster aufgemacht, so dass es in der leeren Kammer nach Schnee roch und nach nichts sonst.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Zu hören ab dem 6. Dezember 2026

Dieser Text steht hier vorab. Erzählt wird er in Die schönsten Wintermärchen zum Einschlafen, das am 6. Dezember 2026 erscheint. Bis dahin gibt es ihn nur zu lesen.

Was schon zu hören ist, steht unter alle Nächte.

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