Nach den Brüdern Grimm · 10 Minuten zu lesen · Vorabdruck
Marienkind
Vor einem großen Wald wohnte ein Holzhacker mit seiner Frau, und sie hatten ein einziges Kind, ein Mädchen von drei Jahren. Sie waren so arm, dass sie das tägliche Brot nicht mehr hatten. An einem Morgen ging der Mann voller Sorgen in den Wald hinaus, der Schnee knirschte unter seinen Schuhen, und die Axt lag ihm schwerer in der Hand als sonst. Wie er zu hauen anfing, stand auf einmal eine große, schöne Frau vor ihm, und sie trug eine Krone von leuchtenden Sternen auf dem Haupt.
Sie sprach, ich bin die Jungfrau Maria, die Mutter des Christkindes. Du bist arm und bedürftig, bring mir dein Kind, ich will es mit mir nehmen und für es sorgen. Der Holzhacker gehorchte, holte sein Töchterchen und gab es der Jungfrau Maria, und sie nahm es mit sich hinauf in den Himmel. Der Mann ging heim durch den Schnee, und die Axt blieb den ganzen Tag liegen, wo er sie hatte fallen lassen, und am Abend lag schon eine feine Schicht darauf.
Dem Kind ging es oben wohl. Es hatte Zuckerbrot zu essen und süße Milch zu trinken, seine Kleider waren von Gold, und die Englein spielten mit ihm. Es kannte weder Frost an den Fingern noch Hunger, und die Jahre gingen darüber hin, ohne dass es sie zählte. Als es vierzehn geworden war, rief die Jungfrau Maria es zu sich und sagte, sie wolle eine große Reise tun. Sie gab ihm die Schlüssel zu den dreizehn Türen des Himmelreiches und legte sie ihm in beide Hände.
Zwölf davon darfst du aufschließen, sprach sie, und die Herrlichkeiten darin ansehen. Die dreizehnte aber, zu der dieses kleine Schlüsselchen gehört, ist dir verboten, hüte dich, dass du sie nicht öffnest, sonst wirst du unglücklich. Das Mädchen versprach zu gehorchen. Und als die Jungfrau Maria fort war, fing es an, die Wohnungen zu besehen, und jeden Tag schloss es eine auf, bis die zwölf herum waren. In jeder saß ein Apostel und war von einem großen Glanz umgeben.
Nun blieb allein die verbotene Tür übrig. Das Mädchen ging an ihr vorbei und kam wieder zurück, und die Lust zu wissen, was dahinter läge, ließ ihm keine Ruhe. Es sagte zu den Englein, ich will sie nur ein wenig aufschließen, damit wir durch den Ritz sehen. Nein, sagten die Englein, das wäre Sünde. Da schwieg das Mädchen, aber sein Herz klopfte und klopfte, und sooft es an der Tür vorbeikam, ging ein Hauch von Wärme über seine Hände hin, wie von einer Schwelle, hinter der geheizt wird.
Und einmal, als die Englein hinausgegangen waren, dachte es, nun bin ich allein, und wenn ich hineinsehe, so weiß es ja niemand. Das kleine Schlüsselchen war kalt und lag ihm gut zwischen den Fingern. Es steckte es ins Schloss und drehte, und das Schloss ging leicht und beinahe ohne Laut. Ein schmaler Streifen Licht kam durch den Ritz und legte sich ihm über den Fuß und über das Kleid, und es war ein Licht, das man auf der Haut spürte wie Sonne im Sommer. Dann sprang die Tür ganz auf.
Drinnen saß die Dreieinigkeit im Feuer und im Glanz, und es war so still darin, dass das Mädchen sein eigenes Blut in den Ohren rauschen hörte. Es stand und sah hin, und weil das Sehen allein ihm nicht genug war, streckte es die Hand aus und rührte mit der Fingerspitze an den Glanz. Der Finger tat nicht weh. Er wurde nur golden, von der Kuppe bis unter den Nagel, und er blieb es, als das Mädchen die Hand zurückzog und hinter dem Rücken verbarg.
Sogleich fiel eine gewaltige Angst über es her. Es schlug die Tür zu, dass es durch den ganzen Saal hallte, und lief fort und wusch sich, und das Gold ging nicht von dem Finger ab, es mochte waschen und reiben, so viel es wollte. Das Wasser in der Schüssel wurde davon nicht einmal trüb, und der Finger blieb, wie er war. Da band es ein Pflästerchen darüber, damit man nichts sähe, und hielt die Hand von der Stunde an geschlossen, auch wenn niemand hinsah.
Nicht lange, so kam die Jungfrau Maria zurück und forderte die Schlüssel wieder. Als es den Bund hinreichte, blickte sie ihm in die Augen und fragte, ob es die dreizehnte Tür nicht geöffnet habe. Nein, sagte das Mädchen. Da legte sie ihre Hand auf sein Herz und fühlte, wie es klopfte. Sie fragte zum zweiten Mal, und die Hand blieb liegen, wo sie lag, und wieder sagte es nein. Dann nahm sie das Pflästerchen ab und sah den goldenen Finger und fragte zum dritten Mal, und wieder sagte das Mädchen nein. Da wurde es ganz still im Saal.
Du hast mir nicht gehorcht, sprach die Jungfrau Maria, und obendrein hast du gelogen. Im Himmel darfst du nicht länger bleiben. Das Mädchen versank in einen tiefen Schlaf, und als es aufwachte, lag es unten auf der Erde, mitten in einer Wildnis. Es wollte um Hilfe rufen und brachte keinen Laut hervor. Wohin es sich auch wandte, hielten es dichte Dornhecken auf. In dem Kreis, in den es eingeschlossen war, stand ein alter hohler Baum, und der wurde seine Wohnung.
Da kroch es hinein, wenn die Nacht kam, und wenn es stürmte und regnete, fand es dort Schutz. Es nährte sich von Wurzeln und von den Beeren des Waldes, und im Herbst sammelte es die abgefallenen Nüsse und trug trockenes Laub in die Höhle. Wenn Schnee und Eis kamen, kroch es unter die Blätter, damit es nicht fror. Seine Kleider zerrissen und fielen eins nach dem anderen von ihm ab, und sein langes Haar bedeckte es an ihrer Stelle wie ein Mantel.
So gingen die Jahre. Als das Kind zu einer Jungfrau herangewachsen war, jagte der König des Landes einmal in diesem Wald, und ein Reh floh vor ihm in die Hecke, die den Platz umschloss. Er stieg ab, riss die Dornen mit dem Schwert auseinander und machte sich einen Weg hindurch. Auf der anderen Seite sah er unter dem Baum ein wunderschönes Mädchen sitzen, von seinem goldenen Haar bedeckt bis auf die Füße, und es sah ihn an und sagte nichts.
Er fragte, ob sie mit ihm auf sein Schloss kommen wolle, und sie nickte nur mit dem Kopf. Da nahm er den schweren Reitmantel von den Schultern, den mit dem Pelz am Kragen, legte ihn um sie und hob sie vor sich auf das Pferd. Sie roch das nasse Tuch und das Pferd und den Rauch der Fackeln. Im Schloss ließ er ihr Kleider geben und alles im Überfluss, und sie saß am Feuer, bis ihr warm war. Er hatte sie so lieb, dass er sich mit ihr vermählte.
Nach einem Jahr brachte sie einen Sohn zur Welt. In der Nacht darauf erschien ihr die Jungfrau Maria und sprach, willst du gestehen, dass du die verbotene Tür geöffnet hast, so öffne ich dir den Mund. Verharrst du in der Sünde, so nehme ich dein Kind mit mir. Für diese Antwort war ihr die Stimme geliehen, und sie sagte, nein, ich habe sie nicht geöffnet, und als sie es gesagt hatte, war das Kind fort. Am Morgen redeten die Leute, sie habe es umgebracht, und sie konnte nichts dagegen sagen und stand am Fenster und sah in den Hof hinunter, wo der Schnee lag.
Im nächsten Jahr wurde ihr ein zweiter Sohn geboren, und in der Nacht darauf stand die Jungfrau Maria wieder an ihrem Bett und fragte dasselbe. Wieder war ihr die Stimme geliehen, und wieder sagte sie, nein, ich habe die verbotene Tür nicht geöffnet, und am Morgen war die Wiege leer und das Kissen darin noch warm. Nun blieben die Leute nicht mehr bei ihrem Reden. Sie standen unten im Hof zusammen und sahen zu den Fenstern hinauf, und wenn die Königin oben vorüberging, wurde es still, und wenn sie fort war, fing es wieder an.
Im dritten Jahr gebar sie ein Töchterlein. In der Nacht darauf sagte die Jungfrau Maria nur, folge mir, nahm sie bei der Hand und führte sie hinauf in den Himmel. Dort zeigte sie ihr die beiden Söhne. Sie lachten ihre Mutter an und spielten mit der Weltkugel, rollten sie zwischen sich hin und her, und die Königin stand und sah ihnen zu und konnte sich nicht sattsehen. Ist dein Herz noch nicht erweicht, fragte die Jungfrau. Gestehst du, dass du die Tür geöffnet hast, so gebe ich dir deine beiden Söhne zurück. Die Königin sah die Kinder an und wieder war ihr die Stimme geliehen, und sie sagte zum dritten Mal, nein, ich habe die verbotene Tür nicht geöffnet. Da ließ die Jungfrau sie zur Erde hinabsinken und nahm ihr auch das dritte Kind.
Nun konnte der König seine Räte nicht länger zurückhalten. Die Königin wurde vor Gericht gestellt, und weil sie kein Wort zu ihrer Verteidigung sagen konnte, wurde das Urteil über sie gesprochen. Man führte sie hinaus auf den Platz vor der Stadt, und die Leute kamen von allen Seiten. Es war ein klarer, kalter Tag, das Holz lag aufgeschichtet, und der Rauch stand zuerst ganz gerade in der stillen Luft.
Als die erste Wärme sie anrührte, schmolz in ihrem Herzen das harte Eis des Stolzes, und sie dachte, könnte ich doch vor meinem Tod noch bekennen, dass ich die Tür geöffnet habe. Da kam ihr die Stimme wieder, und sie rief laut über den Platz hin, ja, Maria, ich habe es getan. In demselben Augenblick fing es an zu regnen, und der Regen löschte die Flammen. Über ihr brach ein Licht auf, und die Jungfrau Maria stieg herab, die beiden Söhne an der Hand und das neugeborene Töchterlein auf dem Arm. Sie gab ihr die drei Kinder zurück und löste ihr die Zunge. Der König trat vor, nahm ihre Hand und führte sie durch die Gasse, die die Leute ihm öffneten.
Am Abend brannte im Saal ein großes Feuer, und die nassen Mäntel dampften an den Haken neben der Tür. Die beiden Jungen saßen dicht bei der Glut und wärmten sich die Zehen, und die Kleine schlief im Arm ihrer Mutter und hatte im Schlaf die Faust um deren goldenen Finger gelegt. Draußen war der Regen in Schnee übergegangen, und die Flocken fielen groß und langsam in den dunklen Hof hinunter und blieben auf den nassen Steinen liegen, eine Lage über der anderen.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.