Nach den Erzählungen der Bibel · 6 Minuten zu lesen
Maria und Marta
Vor langer, langer Zeit, in einem Land voller Sonne und Staub, lag ein kleines Dorf namens Bethanien am Hang eines Hügels. Es war nicht weit von der großen Stadt entfernt, und doch war es still dort, so still wie ein Atemzug am Ende eines langen Tages. Die Häuser lehnten sich aneinander wie müde Wanderer, und die Feigenbäume warfen breite Schatten auf die staubigen Wege. In diesem Dorf lebten zwei Schwestern und ihr Bruder, und das Haus, das sie bewohnten, war ein Haus der offenen Tür.
Die ältere der beiden Schwestern hieß Marta. Sie war eine Frau, deren Hände niemals ruhten, deren Gedanken sich immer schon beim nächsten Tun befanden. Sie liebte es, ihr Haus wohlgeordnet zu wissen, den Tisch gedeckt, das Brot gebacken, das Wasser frisch geschöpft. Es war eine ehrliche und gute Art zu lieben, diese tätige, sorgende Liebe, die sich in Arbeit ausdrückt. Und ihre jüngere Schwester hieß Maria. Maria war anders. Sie liebte die Stille zwischen den Worten, das Lauschen, das lange Nachsinnen über Dinge, die man nicht so leicht in Worte fassen konnte. Beide Schwestern liebten auf ihre Weise, und beide Weisen hatten ihre Würde.
An einem jener Tage, als die Mittagshitze noch schwer über dem Hügelland hing und der Staub der Straßen sich kaum gerührt hatte, kam ein Reisender nach Bethanien. Es war kein gewöhnlicher Gast, der an die Tür dieses Hauses trat. Die Menschen, die ihm folgten, und es folgten ihm immer Menschen, kannten seinen Namen, und sie sprachen ihn aus mit einem gewissen Zögern, als hätte der Name selbst ein Gewicht. Es war Jesus von Nazareth, der Lehrer, von dem alle redeten. Und Marta öffnete die Tür, wie sie immer öffnete: weit, ohne Zögern, mit dem Herzen einer Frau, die weiß, was Gastfreundschaft bedeutet.
Das Haus füllte sich mit dem leisen Murmeln von Stimmen. Jesus ließ sich nieder, und um ihn herum sammelten sich die Menschen, die mit ihm gekommen waren, und auch einige aus dem Dorf selbst, die neugierig und ehrfürchtig durch die Tür lugten. Marta aber war schon in Bewegung. Sie dachte an das Brot, das noch im Ofen lag, an den Krug, der gefüllt werden musste, an die Schüsseln, die abzuwaschen waren, an alles, was ein Haus braucht, wenn unverhofft Gäste kommen. Ihre Füße trugen sie hin und her, ihre Hände griffen und schufen und ordneten, und in ihrem Inneren wuchs, ganz leise zunächst, dann deutlicher, eine gewisse Unruhe.
Maria aber saß zu den Füßen des Lehrers. Sie hatte sich niedergelassen wie jemand, der angekommen ist, der den langen Weg hinter sich weiß und nun ausruhen darf. Ihre Augen hingen an seinem Gesicht, und sie lauschte. Was er sprach, das wissen wir nicht mit allen seinen Worten, aber es muss gewesen sein wie das Öffnen eines Fensters in einem langen geschlossenen Raum: Licht strömte herein, und Luft, und man bemerkte erst in diesem Moment, wie sehr man beides entbehrt hatte. Maria rührte sich nicht. Sie lauschte so, wie das Feld den Regen empfängt: still und ganz.
Marta aber sah es. Von der Schwelle der Küche aus sah sie die sitzende Schwester, und sie sah die eigenen schwielig werdenden Hände, und in ihr stieg etwas auf, das sie selbst vielleicht nicht vollkommen benennen konnte. Es war nicht böse gemeint — es war die Erschöpfung einer Frau, die liebt, indem sie arbeitet, und die sich in jenem Moment allein gelassen fühlte mit ihrer Arbeit. Sie trat vor, und sie wandte sich an den Gast, den sie selbst willkommen geheißen hatte, mit einer Frage, die eigentlich ein Seufzer war. Sie fragte, ob es ihn denn nicht bekümmere, dass ihre Schwester die ganze Last des Hauses ihr allein überlasse. Und sie bat ihn, Maria möge ihr doch helfen.
Es folgte eine Stille. Nicht die Stille der Anklage, nicht die Stille des Tadels, eine andere, tiefere Stille, wie sie entsteht, wenn jemand gleich etwas sagen wird, das man lange nicht vergessen wird. Jesus sah Marta an, und es lag in seinem Blick nichts von Härte, gar nichts. Er rief sie beim Namen, zweimal, und schon allein das war wie eine Hand auf der Schulter: sanft und fest zugleich. Marta, Marta, sagte er, und in der Verdoppelung des Namens lag so viel: Zuneigung und Verständnis und das geduldige Erkennen eines Menschen, der sich sorgt und erschöpft und ein wenig verloren hat.
Er sagte ihr, dass sie sich um vieles sorge und bekümmere, um viele Dinge, und dass das alles seine Zeit und seine Würde habe. Aber dann sprach er von dem, was nur eines sei, von jenem einen Ding, das not tue, das wirklich not tue in diesem Augenblick. Und er sprach von Maria, die sich den besten Teil erwählt habe, jenen Teil, der nicht genommen werden könne. Es war kein Vorwurf an Marta. Es war eine Einladung an sie. Als wollte er sagen: Leg auch du nieder, was du trägst. Auch du darfst jetzt zuhören.
Marta stand noch einen Atemzug lang mit den Händen, die nicht wussten, wohin mit sich. Und dann, so stellt man es sich vor in den leisen Räumen der Überlieferung, setzte auch sie sich nieder. Vielleicht nicht gleich. Vielleicht zögerte sie noch. Aber die Worte hatten sie erreicht, und in ihr begann sich etwas zu entspannen, das lange gespannt gewesen war wie ein Faden, der zu straff gehalten wird.
Das Haus in Bethanien war an jenem Abend ein stilles Haus. Die Lampen brannten mit ihren kleinen, ruhigen Flammen, und der Geruch von Brot und Öl lag in der Luft. Draußen begann die Hitze des Tages nachzulassen, und ein sanfter Wind strich über die Hügel, über die Olivenbäume, über das Dach des kleinen Hauses, in dem zwei Schwestern saßen und ein Gast sprach. Und irgendwo in jener Stunde, die vielleicht gar keine besondere Stunde war, eine ganz gewöhnliche Stunde in einem ganz gewöhnlichen Haus, war etwas geschehen, das kleiner war als ein Wunder und größer als eine Lehre: zwei Frauen waren gesehen worden, jede auf ihre Art, jede in ihrer Wahrheit.
Marta, die Fleißige, die Sorgende, die Liebende — sie war nicht weniger. Und Maria, die Lauschende, die Stille — sie war nicht mehr. Es waren zwei Wege der Zugewandtheit, zwei Arten, das Herz zu öffnen. Und der Gast in ihrem Haus hatte beide gekannt und beide gerufen, jede beim Namen. Die Nacht legte sich über Bethanien wie ein weicher Mantel, und die Sterne traten hervor, einer nach dem anderen, über den Hügeln von Judäa. In dem kleinen Haus mit der offenen Tür war es still geworden, und die Stille war gut.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.