Andreas’ Nacht

Nach den Erzählungen der Bibel · 6 Minuten zu lesen

Lasset die Kinder zu mir kommen

Vor langer, langer Zeit, in einem Land voller Sonne und Staub, zog ein Mann durch die Dörfer und Städte Galiläas und redete mit den Menschen. Er sprach zu ihnen an Brunnen und auf Hügeln, am Ufer des Sees und unter dem Schatten der Olivenbäume, und wer ihn hörte, der fühlte etwas in sich aufgehen wie das erste Licht eines neuen Morgens. Die Menschen kamen zu ihm von überall her, manche aus Neugier, manche aus Not, und manche einfach deshalb, weil es sie zu ihm hinzog wie die Zugvögel zum Süden, ohne dass sie hätten sagen können warum.

An einem jener Tage saß er an einem stillen Ort, und die Sonne stand hoch und warm über dem Land. Um ihn herum hatten sich Menschen versammelt, wie es immer geschah, wo er verweilte. Es waren Männer und Frauen, alte und junge, und ein leises Gemurmel lag in der Luft wie das Rauschen eines nahen Baches. Und dann, ganz allmählich, begannen einige der Mütter näher zu treten. Sie hielten ihre Kinder an der Hand, die Kleinsten auf dem Arm, und sie wollten nur eines: dass dieser Mann, von dem alle sprachen, die Hände auf die Köpfe ihrer Kinder lege und sie segne.

Es war ein einfacher Wunsch, wie er in jedem Menschenherzen wohnt. Ein Wunsch, der sagt: Was mir am liebsten ist auf dieser Welt, das möge behütet sein. Was ich in meinen Armen trage, das möge von etwas Gutem berührt werden. Die Mütter traten näher, die Kinder an ihren Seiten, manche schüchtern, manche neugierig, manche noch halb schlafend im Arm ihrer Mutter, die kleinen Köpfe angelehnt an eine warme Schulter.

Doch da traten die Jünger vor, jene Männer, die dem Meister überallhin folgten und glaubten, seine Zeit zu kennen und zu schützen. Sie sahen die Frauen mit den Kindern, und sie runzelten die Stirn. Ein Mann, der die Welt in Staunen versetzt, der mit den Ältesten spricht und die Herzen der Menschen bewegt, für solch einen war keine Zeit für die Kleinen, so dachten sie. Und so erhoben sie die Hände und sprachen den Müttern entgegen, mit ernsten Gesichtern und bestimmten Worten: Nicht jetzt. Geht beiseite. Ihr stört.

Und die Frauen blieben stehen. Die Kinder blickten auf mit ihren großen, stillen Augen, die noch nicht verstehen, warum die Welt manchmal Türen schließt, die doch offen stehen sollten. Manche der Kleinen drückten sich fester an ihre Mütter, und die Mütter legten schützend den Arm um die kleinen Schultern und zögerten, ob sie umkehren sollten. Aber dann, und dieser Moment ist einer, der sich in das Herz einschreibt und nicht mehr herausgeht, wandte der Meister sich um. Er sah die Jünger, er sah die Frauen, er sah die Kinder, und in seinen Augen lag kein Tadel für die Kleinen und keine Ungeduld für die Mütter.

Was in seinen Augen lag, war etwas, wofür es kaum Worte gibt: eine Wärme, tief und still, wie das Feuer in der Mitte der Nacht, das wärmt ohne zu blenden. Und er sprach zu seinen Jüngern, ruhig und bestimmt, mit einer Stimme, die keiner Schärfe bedurfte, um gehört zu werden: Lasset die Kinder zu mir kommen, und wehret ihnen nicht. Denn solchen wie diesen gehört das Reich Gottes. Die Männer um ihn her wurden still. Es war die Stille, die entsteht, wenn ein Wort tiefer trifft als erwartet, wenn eine einfache Aussage den Boden unter den Füßen auf einmal weicher werden lässt.

Und dann streckte er die Arme aus. Es war eine schlichte Geste, wie sie jeder Mensch kennt, der je ein Kind empfangen hat, offen, einladend, ohne Vorbehalt. Und die Kinder kamen. Zögernd zuerst, wie Kinder es tun, wenn sie die Stimmung eines Ortes noch ertasten, dann aber mit dem Vertrauen, das Kinder aufbringen, wenn sie spüren, dass jemand sie wirklich meint. Sie traten auf ihn zu, die größeren mit kleinen festen Schritten, die ganz Kleinen taumelnd und glücklich, und er nahm sie an, eines nach dem anderen.

Er legte seine Hände auf ihre Köpfe, sanft und gewiss, und es war still. Die Mütter standen ein wenig abseits und sahen zu, und auf ihren Gesichtern lag das ruhige Leuchten derer, die bekommen haben, was sie erhofft haben, und die jetzt einfach dastehen und es in sich aufnehmen, langsam, wie man Wasser trinkt nach langem Durst. Der Wind strich über die Hügel, irgendwo blökte ein Schaf in der Ferne, und die Sonne warf lange, goldene Schatten über die Erde.

Er sprach an jenem Tag noch von mehr als den Kindern. Er sprach davon, dass jene, die ankommen wollen in jenes Reich, das er beschrieb, es empfangen müssen wie ein Kind es empfängt: offen, ohne Schwere, ohne die Last der Berechnungen, die Erwachsene mit sich tragen. Und wer je einem Kind zugeschaut hat, wie es einen schönen Tag empfängt, ganz und vorbehaltlos, mit beiden Händen gleichsam, der versteht, was gemeint war, auch ohne viele Erklärungen.

Die Kinder, die an jenem Tag zu ihm kamen, wuchsen auf wie alle Kinder: sie wurden größer, die Welt wurde für sie schwerer und bunter zugleich, und mit der Zeit vergaßen sie vielleicht den genauen Anblick seines Gesichtes. Aber jene Mütter, die diesen Moment gesehen hatten, trugen ihn in sich weiter, erzählten ihn in ruhigen Abendstunden, wenn die Kinder schliefen und das Feuer niederbrannte und die Sterne über dem Land standen wie alte, treue Wächter.

Und so wurde dieser Tag einer jener Tage, von denen die Menschen lange erzählen. Nicht weil etwas Gewaltiges geschehen war, nicht weil die Erde gebebt oder der Himmel sich geöffnet hatte. Sondern weil ein Mensch sich umgewandt hatte zu denen, die man übergehen wollte, weil er die Arme ausgestreckt hatte für die Kleinsten, und weil seine Stimme ruhig und klar gesagt hatte: Lasset sie kommen. Wehret ihnen nicht. In jener Gegend, in jenem Land voller Sonne und alter Steine, unter dem weiten Himmel, der Tag für Tag über den Hügeln aufgeht und sich wieder neigt, dort blieb dieser Moment, wie alle wahren Momente bleiben: still, leuchtend und unvergänglich, wie ein Stern in einer langen, ruhigen Nacht.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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