Nach den Erzählungen der Bibel · 7 Minuten zu lesen
Königin Esther
Vor langer, langer Zeit, in einem Land voller Pracht und Stille, lebte ein Volk, das weit verstreut war über die Erde. Es waren Menschen wie alle anderen, sie webten Stoffe, buken Brot, zogen Kinder groß und beteten unter dem Sternenhimmel. Doch sie lebten fern von jenem Land, das ihre Vorväter einst ihr Zuhause genannt hatten, und sie trugen diese Ferne wie ein leises Gewicht in der Brust.
In der großen Stadt Susa, wo Mauern aus poliertem Stein das Licht zurückwarfen und Palmenwälder im Wind rauschten, wohnte unter vielen anderen auch ein Mann namens Mordechai. Er war ein ruhiger, beständiger Mann, einer, der die Wahrheit kannte und ihr treu blieb, und er lebte dort mit einer jungen Verwandten, der Tochter seines Oheims, die er aufgezogen hatte wie seine eigene Tochter.
Ihr Name war Esther, und sie war von stiller Schönheit, wie ein Wasserspiegel, der den Himmel spiegelt, ohne ihn zu beanspruchen. Mordechai hatte sie großgezogen, seit sie ein kleines Mädchen gewesen war, und er hatte ihr nicht nur Fürsorge gegeben, sondern auch Mut und Besonnenheit. Sie sprach wenig, aber was sie sagte, wog schwer. Sie lachte selten, aber wenn sie lachte, wärmte es den Raum. Und so wuchs sie auf in den Gassen von Susa, bescheiden und klug, ohne zu ahnen, welcher Weg vor ihr lag.
In jenen Tagen herrschte über das große Perserreich ein König namens Ahasveros, dessen Macht sich von Indien bis nach Äthiopien erstreckte, über Länder und Völker, über Wüsten und Meere. Sein Palast war ein Ort voller Marmor und Seide, voller Duft von Öl und Gewürzen, voller Diener, die lautlos durch hohe Bogengänge glitten. Der König suchte eine neue Königin, und in alle Winkel seines Reiches sandte er Boten aus, die die schönsten und klügsten Frauen des Landes zu ihm bringen sollten. So kam auch Esther zu dem großen Palast, und Mordechai flüsterte ihr ins Ohr, sie möge vorerst verschweigen, welchem Volk sie angehörte.
Esther trat ein in die Welt des Palastes, und sie fand sich zurecht mit derselben stillen Besonnenheit, mit der sie alles tat. Wer ihr begegnete, mochte sie. Wer mit ihr sprach, vertraute ihr. Sie verlangte nicht nach Prunk und Schmuck mehr als nötig, und vielleicht war es gerade das, was die Herzen gewann. Als der König sie schließlich ansah, da sah er nicht nur Schönheit — er sah Würde. Und er setzte ihr die Krone auf das Haupt. Esther wurde Königin, und die Stadt Susa feierte, und Mordechai saß jeden Tag nahe dem Palasttor, wie er es immer getan hatte.
Doch nicht alle am Hofe des Königs waren guten Willens. Es gab dort einen Mann namens Haman, der den zweiten Platz hinter dem König einnahm und der wollte, dass alle sich vor ihm verneigten, wenn er durch die Gassen schritt. Die meisten taten es, aus Gewohnheit oder aus Furcht. Aber Mordechai verbeugte sich nicht. Er stand aufrecht, wie ein Baum, dessen Wurzeln tief genug sind, um nicht zu wanken. Das nagte an Haman, Tag für Tag, und aus jenem Nagen wurde mit der Zeit ein dunkler Zorn, der nach mehr verlangte als nur der Verbeugung eines einzelnen Mannes. Er wollte das ganze Volk treffen, dem Mordechai angehörte.
Mit geschickten Worten brachte Haman den König dazu, einen Erlass zu unterzeichnen, einen Erlass, der Unheil bringen sollte über Menschen, die nichts getan hatten, außer anders zu sein. Die Nachricht verbreitete sich wie ein kalter Wind durch die Stadt, durch die Gassen, durch die stillen Häuser. Mordechai zerriss seine Kleider und saß in Asche, wie Menschen es taten in alten Zeiten, wenn der Schmerz zu groß war für Worte. Und als Esther hörte, was geschehen war, schickte sie ihren Diener zu Mordechai, um zu erfahren, was ihn so tief bewegt hatte.
Mordechai ließ ihr ausrichten, was geplant war, und er bat sie, mehr als bat, er beschwor sie, vor den König zu treten und für ihr Volk zu sprechen. Aber Esther ließ zurückschicken, was alle wussten: Wer ungerufen vor den König trat, riskierte sein Leben. Das war das Gesetz. Selbst die Königin war davor nicht gefeit. Und Mordechai antwortete ihr mit Worten, die sie nie vergessen sollte: Wer weiß, ob du nicht gerade für diesen Augenblick hierher gelangt bist?
Esther las diese Worte, und eine lange Stille breitete sich in ihr aus. Es war die Stille, in der Entscheidungen reifen, in der das Herz aufhört zu zögern und sich sammelt wie Wasser vor dem Sprung. Sie bat Mordechai, drei Tage zu fasten und für sie zu beten, wie auch sie selbst fasten würde mit all ihren Dienerinnen. Dann würde sie gehen. Und wenn es ihr Ende sein sollte, es würde ihr Ende sein. Aber sie würde gehen.
Drei Tage vergingen, ruhig und schwer wie Steine, die man im Herzen trägt. Am dritten Tag legte Esther ihre Königinnengewänder an, nicht aus Eitelkeit, sondern wie eine Rüstung. Sie trat durch die Bogengänge des Palastes, Schritt für Schritt, und der Marmor unter ihren Füßen war kühl und glatt. Sie trat in die Halle, wo der König auf seinem Thron saß, umgeben von Dienern und Stille und goldenem Licht. Und der König sah sie.
Er hob seinen goldenen Stab, das Zeichen, dass sie willkommen war, dass sie leben würde. Und Esther atmete. Er fragte sie, was sie begehrte, und sie lud ihn zu einem Festmahl ein, und Haman auch. Und so begann eine Folge von Stunden, in denen Esther klug und geduldig ihren Weg vorbereitete, wie eine Weberin, die einen Faden nach dem anderen einzieht, bis das Muster sichtbar wird.
Beim zweiten Festmahl, als Wein kreiste und das Licht der Lampen warm über den Tisch fiel, fragte der König sie erneut, was sie sich wünsche. Da sprach Esther. Ruhig und klar, ohne Zittern, ohne Ausweichen. Sie nannte, wer sie war, welchem Volk sie angehörte, und was diesem Volk drohte. Und sie nannte den Namen dessen, der es geplant hatte. Der König hörte zu, und sein Gesicht verdunkelte sich nicht vor Zorn über sie, sondern über die Wahrheit, die er hörte.
Was in jenen Tagen folgte, wendete das Schicksal. Der Erlass, der Unheil gebracht hätte, wurde durch einen neuen ersetzt, der Schutz verhieß. Die Menschen, die gezittert hatten, atmeten wieder auf. Und Mordechai, der aufrecht gestanden hatte, als es schwer war aufrecht zu stehen, erhielt Ehrung und Amt. In den Häusern und Gassen wurde gefeiert, und die Nacht war warm und voller Stimmen.
Esther aber saß in dem langen Nachglanz jenes Abends und dachte vielleicht daran, wie alles angefangen hatte, ein kleines Mädchen, ein fürsorglicher Ziehvater, eine Stadt aus Stein und Palmen, ein Leben, das sie sich so nicht ausgemalt hatte. Sie hatte nicht nach Größe gesucht. Sie hatte nicht nach Macht verlangt. Aber als der Augenblick gekommen war, in dem Größe gebraucht wurde, hatte sie nicht weggeschaut. Sie hatte ihren Mantel angelegt und war gegangen.
Und das Volk feierte jenes Geschehene noch viele Jahre später, von Generation zu Generation, damit die Erinnerung lebendig blieb, nicht die Erinnerung an Furcht, sondern die Erinnerung an ein junges Herz, das sich entschieden hatte, mutig zu sein. Und über Susa lag in jener Nacht ein tiefer, stiller Frieden, wie er über Städten liegt, in denen das Richtige geschehen ist, und die Sterne standen ruhig am Himmel über den Dächern, über den Palmenwäldern, über allem.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.