Andreas’ Nacht

Nach griechischer Überlieferung · 8 Minuten zu lesen

Kirke, die Zauberin

In jenen alten Tagen, als die Götter noch über das Meer wachten und die Welt voller Wunder war, trieb das Schiff des listenreichen Odysseus auf dunklen Wassern. Die Männer hatten Aiolos’ Geschenk verspielt, die gefangenen Winde entflogen, die Heimat wieder fern. Nun führte der Kurs sie in unbekannte Meere, vorbei an Küsten, die auf keiner Karte verzeichnet standen, bis eine bewaldete Insel aus dem Morgennebel stieg. Ihr Name war Aiaia, und wer sie betrat, betrat eine Welt, die nach anderen Gesetzen lebte.

Die Insel empfing sie schweigend. Die Männer zogen die Ruder ein, und das Schiff glitt in eine stille Bucht, wo das Wasser so klar war, dass man den Grund sehen konnte. Odysseus bestieg allein eine Anhöhe, um das Land zu erkunden. Von dort blickte er über dichte Wälder aus Eiche und Zypresse, und in ihrer Mitte, kaum sichtbar durch das Grün, stieg ein dünner Rauch auf, ein Zeichen, dass irgendwo dort ein Feuer brannte und ein Wesen lebte. Er kehrte zu den Männern zurück und teilte sie in zwei Gruppen: eine Hälfte würde zum Rauch gehen und erkunden, die andere beim Schiff bleiben.

Das Los fiel auf Eurylóchos, einen erfahrenen Mann, dem Odysseus vertraute. Mit zweiundzwanzig Gefährten an seiner Seite machte er sich auf den Weg durch den Wald. Die Bäume schlossen sich über ihnen, und das Licht wurde grün und gedämpft, wie unter Wasser. Dann, auf einer Lichtung, sahen sie es: ein Palast aus geglättetem Stein, von wilden Tieren umgeben. Löwen und Wölfe lagen um das Gebäude herum, doch sie knurrten nicht und griffen nicht an. Sie hoben die Köpfe, als die Männer näherkamen, und wedelten langsam mit den Schwänzen, wie Hunde, die einen Bekannten begrüßen. Es war ein Anblick, der mehr Schauder erzeugte als jedes Zähnefletschen.

Aus dem Innern des Palastes drang ein Gesang, eine hohe, klare Stimme, die ein Lied sang, das nirgendwo gelernt worden war und nirgendwo hinführte. Die Männer blieben stehen und lauschten, und die Schönheit des Gesanges zog sie näher, Schritt für Schritt, bis einer von ihnen an die Tür klopfte. Sie öffnete sich, und in der Schwelle stand Kirke, Tochter des Sonnengottes Helios und der Okeanide Perse, Schwester des furchtbaren Königs Aietes von Kolchis. Ihr Haar war rot wie Kupfer im Abendlicht, ihr Gewand weiß wie das Innere einer Muschelschale, und in ihrer Hand hielt sie einen langen Stab aus geglättetem Holz.

Sie lud die Männer ein, und sie traten ein, alle bis auf Eurylochos, den ein dunkles Ahnen zurückhielt. Er blieb im Schatten der Bäume und beobachtete. Drinnen empfing Kirke die Gefährten mit Speise und Trank: Käse und Mehl und goldener Honig, alles eingerührt in Wein, der nach Kräutern duftete, die kein Mensch benennen konnte. Die Männer aßen und tranken, denn sie waren erschöpft und vertrauend. Und dann rührte Kirke ihren Stab, einmal, ruhig und ohne Hast, und tippte damit einen nach dem anderen an.

Was geschah, geschah in einem Atemzug. Wo Männer gestanden hatten, standen nun Schweine, mit Borsten und Rüsseln und dem Gedächtnis von Menschen hinter den Augen. Kirke trieb sie in Ställe und warf ihnen Eicheln und Bucheckern vor. Eurylochos, der alles durch einen Spalt beobachtet hatte, lief zurück zum Schiff. Er konnte kaum sprechen, so sehr zitterte er. Als die Worte endlich kamen, berichtete er von dem Palast, von der Frau mit dem Stab, von den Gefährten, die nicht zurückgekehrt waren. Odysseus hörte zu, legte den Bogen um die Schulter und das Schwert an die Seite und machte sich allein auf den Weg.

Der Wald nahm ihn auf wie ein schweigendes Meer. Odysseus ging den Pfad entlang, den er sich gemerkt hatte, und dachte nach, über das, was er nicht wusste, über das, was er tun würde, wenn er es wüsste. Da, auf der Mitte des Weges, trat ihm eine Gestalt entgegen: jung, mit goldenen Sandalen, einem goldenen Stab in der Hand und dem Lächeln von jemandem, der gerade einen Gedanken zu Ende gedacht hat. Es war Hermes, der Botengott, der Behände, der Listige, der Sohn des Zeus. Er hielt Odysseus an und sprach.

Wohin so allein, du Unglücklicher? sagte Hermes, und seine Stimme klang leise wie Münzen auf Stein. Weißt du, wer dort in jenem Palast wohnt? Sie wird auch dich verwandeln wollen. Doch ich sage dir, was dich schützt: Hol diese Wurzel, die die Götter Moly nennen, ihre Blüte ist weiß wie Milch, ihre Wurzel schwarz wie Erde. Nimm sie und trage sie, wenn du zu ihr gehst. Dann wird ihr Zaubertrank dich nicht berühren. Und wenn sie den Stab hebt, zücke dein Schwert, dann wird sie Frieden anbieten, und du nimmst ihn an.

Hermes reichte ihm die Wurzel und verschwand wieder zwischen den Bäumen, so leise, wie er gekommen war. Odysseus hielt die kleine Pflanze in der Faust und ging weiter, bis er die Lichtung sah und den Palast und die Löwen und Wölfe, die ihn ebenso friedlich begrüßten wie zuvor. Er trat ein. Kirke bot ihm denselben Trank wie den anderen Männern, mit Lächeln und mit ruhiger Hand. Odysseus trank, und nichts geschah. Der Zaubertrank lief wirkungslos an ihm ab, als flösse Wasser über Fels.

Kirke starrte ihn an. Dann hob sie den Stab. Odysseus aber zog das Schwert, und die Bewegung war so schnell und so entschlossen, dass Kirke zurückwich und ihr Stab sank. Eine Göttin konnte sterben, aber sie konnte auch erschrecken. Sie tat beides auf einmal, und dann sank sie auf die Knie und sagte, mit einer Stimme, aus der die Schärfe gewichen war: Du bist der Mann, von dem Hermes mir einst sagte, er würde kommen. Der listenreiche Odysseus von Ithaka, den kein Zauber bindet.

Odysseus ließ das Schwert sinken, aber er verlangte zuerst ein Versprechen, einen Schwur beim Fluss Styx, den selbst Götter nicht brechen konnten, dass Kirke kein weiteres Unheil gegen ihn und seine Männer sinnen würde. Sie schwor. Und dann, auf sein Verlangen, ging sie in die Ställe und berührte die Schweine mit einem anderen Zaubermittel. Die Verwandlung lief rückwärts, und wo Tiere gestanden hatten, standen wieder Männer, jünger, sagten manche später, als zuvor, als hätte der Zauber, indem er sich löste, noch etwas mitgenommen, das alt und schwer gewesen war. Odysseus kehrte zum Schiff zurück und rief alle Männer zu sich. Eurylochos wollte bleiben, er misstraute der Insel und misstraute der Frau und misstraute allem, was er nicht erklären konnte.

Aber die anderen folgten, und der Zug der Männer durch den abendlichen Wald war still und dankbar. Kirke empfing sie alle, setzte ihnen Mahl vor und Wein, und an diesem Abend war nichts darin verborgen als Essen und Wärme. Sie blieben auf Aiaia, länger als geplant. Das Meer wartete, aber die Insel hielt sie fest, nicht durch Zauber diesmal, sondern durch Erschöpfung und Stille und die seltsame Freundlichkeit einer Frau, die zum Feind geworden und dann zum Gastgeber geworden war.

Kirke kannte viele Dinge, die Menschen nicht wissen: den Lauf der Sterne, den Namen der Winde, die Wege unter der Welt. Sie teilte ihr Wissen in dieser Zeit, behutsam und ohne Aufdringlichkeit, wie man Licht durch einen Vorhang lässt. Als die Zeit gekommen war und Odysseus ankündigte, dass er aufbrechen wollte, da nannte Kirke ihm das Wichtigste. Sie sagte, wohin er als Nächstes reisen müsse, bevor sein Weg nach Hause führen konnte:

Du musst hinabsteigen in das Reich des Hades, du Vielgewanderter, und den Seher Teiresias befragen. Kein Lebender hat diesen Weg gegangen und ihn vergessen, du wirst ihn im Gedächtnis tragen, so lange du lebst. Odysseus schwieg einen Moment lang. Die Männer schwiegen ebenfalls. Das Meer draußen rauschte leise gegen die Küste, und die Sterne standen still über Aiaia wie festgenagelt. Am nächsten Morgen, in der frühen Stille, bevor die Sonne das Wasser berührte, brach das Schiff auf. Kirke stand am Ufer und schaute ihnen nach, wie eine Säule aus Licht, und der Rauch ihres Feuers stieg noch lange in den Himmel, als die Insel längst aus dem Blickfeld verschwunden war.

So verließ Odysseus die Insel Aiaia, reicher um ein Versprechen und um ein Wissen, das schwerer wog als jede Fracht. Der Weg vor ihm führte in die Tiefe, in das Schattenreich, von dem noch kein Lebender berichtet hatte. Doch das gehört einer anderen Nacht. Das Schiff glitt in die Dunkelheit, und das Meer schloss sich hinter ihm, ruhig und schwarz und voller Sterne. Die Reise zu den Schatten.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Griechische Mythologie · Götter, Helden und die Odyssee.

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