Nach den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht · 10 Minuten zu lesen
Kamar al-Zaman und die Prinzessin Budur
In den Zeiten der Kalifen, als die Nacht noch tiefer war und die Sterne noch heller über den Minaretten funkelten, lebte in einem fernen Königreich ein Prinz von solcher Schönheit, dass die Dichter verstummten, wenn sie ihn sahen. Sein Name war Kamar al-Zaman, Mond der Zeiten, und er war der einzige Sohn des Königs Schahzaman, der über die Insel Chalidan herrschte, umgeben von sanften Meereswogen und dem Duft blühender Orangenbäume. Der König wünschte sich nichts sehnlicher als eine Heirat seines Sohnes, doch Kamar al-Zaman wandte sich von jedem Gedanken daran ab, so wie die Nachtblume sich vor der Mittagssonne verschließt.
Er lebte für die Bücher der Weisen, für die Schriften der Sterndeuter und für die stille Betrachtung des Mondes, der seinen Namen trug. Dreimal kam der König mit seinem Wesir zu seinem Sohn, und dreimal sprach Kamar al-Zaman dieselben Worte: O mein Vater, wisse, dass ich in diesem Leben keine Frau begehre, denn die Liebe bringt Schmerz, und der Schmerz trübt den Geist.
Der König, dessen Herz zwischen Zorn und Zärtlichkeit schwankte wie eine Lampe im Nachtwind, ließ schließlich seinen Zorn überwiegen. Er befahl, den Prinzen in den alten Turm des Palastes zu sperren, einen Turm aus dunklem Stein, der einst zur Beobachtung der Sterne gebaut worden war und nun als stiller Kerker dienen sollte. Kamar al-Zaman saß auf seinem Lager aus Seide, betrachtete die Sterne durch das schmale Fenster und empfand keine Reue.
Doch in jener Nacht, als die Stadt schlief und selbst der Wächter am Turmtor die Augen geschlossen hatte, geschah etwas, das weder in den Büchern der Weisen stand noch von den Sterndeutern vorausgesagt worden war. Aus einem Riss im Gemäuer, alt und von Efeu überwachsen, trat eine Gestalt hervor, kaum größer als eine Flamme und doch von einem Licht erfüllt, das keine Kerze je hatte geben können. Es war eine Dschinniya, eine Geistin von erhabener Herkunft, die in den verborgenen Schichten der Welt lebte, dort, wo Stein und Traum einander berühren. Sie trug den Namen Maymuna, Tochter des Fürsten Damriyat, und sie betrachtete den schlafenden Prinzen mit einem Ausdruck, der weder Begehren noch Mitleid war, sondern etwas Drittes, Staunen.
Maymuna schwebte in die Nacht hinaus, hoch über die Türme und Kuppeln, über die schlafenden Basare und die stillen Brunnen, über Karawansereien, in denen die Kamele im Stehen träumten, über Wüsten, die im Mondlicht wie flüssiges Silber glänzten. Sie flog weit, sehr weit, bis sie zu den Gärten eines anderen Königreiches kam, dem Reich des Königs Ghayur, der über die Inseln der Inneren See herrschte. Dort, in einem Gemach, dessen Wände mit Mosaiken aus Lapislazuli und Gold bedeckt waren, schlief eine Prinzessin. Ihr Name war Budur, vollständig Mutter des Lichtes, und ihre Schönheit war von der Art, die man nicht beschreiben kann, ohne sich zu vergehen, denn keine Beschreibung täte ihr Recht.
Maymuna blieb reglos über dem schlafenden Gesicht der Prinzessin und verstand, was sie zu tun hatte. Noch in derselben Nacht kehrte sie zurück zu dem Turm auf der Insel Chalidan, und mit ihr kam ein anderer Dschinn, Dahnash, ein unruhiger Geist, der über die fernen Meere geflogen war und nun keuchend neben ihr schwebte. Die beiden Geister stritten sich, wie Dschinns es tun, mit Stimmen, die nur die schlafende Luft hören konnte: Wer war schöner, der Prinz oder die Prinzessin? Maymuna bestand auf Kamar al-Zaman, Dahnash auf Budur, und keiner wollte nachgeben. So beschlossen sie, die einzige Schiedsrichterin zu befragen, die in solchen Dingen weise war, die Nacht selbst, die alles sieht und nichts vergisst.
Sie trugen die schlafende Budur durch die Luft, über Meere und Sternschnuppen, bis sie sie sanft neben Kamar al-Zaman auf sein seidenes Lager legten. Für einen Herzschlag lag die Welt still. Die beiden Schläfer lagen nebeneinander, und selbst die Dschinns schwiegen. Dann erwachte Kamar al-Zaman aus einem leichten Schlummer, schlug die Augen auf und sah neben sich ein Gesicht, das er nie zuvor gesehen hatte und das er doch kannte, so wie man einen Traum kennt, den man immer geträumt hat, ohne ihn beim Erwachen greifen zu können. Er streckte die Hand aus und berührte sanft die Schulter der Schlafenden, doch Budur regte sich nicht. Er sprach leise, doch sie hörte ihn nicht.
Und in seinem Herzen, das so lange verschlossen gewesen war wie ein versiegelter Brunnen, öffnete sich etwas, leise, unwiderruflich. Kamar al-Zaman betrachtete die schlafende Prinzessin lange Zeit. Er sah, wie ihr Atem gleichmäßig ging, wie ein kleines Lächeln auf ihren Lippen lag, als träume sie von etwas Süßem. Er zog den Ring von ihrem Finger, einen goldenen Ring mit einem roten Stein, warm wie ein Glutkern, und steckte ihn an seinen eigenen. Dann legte er sich zurück und schloss die Augen, denn er ahnte, obwohl er es nicht erklären konnte, dass dieser Moment heilig war und dass man Heiliges nicht erzwingen darf. Er schlief ein, und sein Schlaf war der tiefste seit Jahren.
Nun tauschten die Dschinns die Schläfer wieder aus, trugen Budur zurück in ihr Gemach mit den Lapislazuli-Mosaiken, und der Morgen brach an, ohne dass irgendeine sichtbare Spur des Nachts geblieben wäre, außer dem Ring. Als Budur erwachte und nach ihrem Ring griff und ihn nicht fand, und als Kamar al-Zaman erwachte und denselben Ring an seiner Hand sah, da begann in beiden Herzen dieselbe Unruhe, dieselbe sehnsüchtige Verwirrung, als hätte man ihnen ein Lied ins Ohr gesungen und dann wieder aufgehört, bevor die letzte Note verklungen war.
Budur rief nach ihren Dienerinnen und fragte, wer in der Nacht ihr Gemach betreten habe. Niemand wusste es. Ihr Vater, König Ghayur, ließ alle Wachen befragen, alle Türen prüfen, keine Antwort. Die Prinzessin, die bis dahin selbst jeden Heiratsantrag abgewiesen hatte, so wie ein ruhiger See das Bild des Sturms zurückwirft, wurde nun von einer Unruhe ergriffen, die sie nicht benennen konnte. Sie aß wenig und schlief wenig und sprach wenig, und in ihren Augen lebte das Bild eines Gesichtes, das sie nie gesehen hatte und doch kannte.
Kamar al-Zaman erging es nicht anders. Er stand am Fenster seines Turmes, betrachtete den Ring am Finger und suchte in der Weite des Meeres nach einer Antwort. Dem Wesir, den sein Vater schickte, um nach dem Befinden des Prinzen zu fragen, sprach er: O Wesir, wisse, dass ich bereit bin zu heiraten, wenn man mir jene Frau bringt, deren Ring ich trage. Der Wesir kehrte zum König zurück und berichtete von dem Ring, und der König, der nicht wusste, was er davon halten sollte, ließ alle Gelehrten und Sterndeuter des Reiches befragen. Doch niemand kannte die Antwort, denn diese Geschichte war nicht in den Büchern geschrieben.
Die Zeit verging, wie Zeit in Geschichten vergeht, nicht gleichmäßig wie das Wasser im Brunnen, sondern in Schüben, mal rasch wie ein Nachtwind, mal langsam wie das Erkalten von Glut. Kamar al-Zaman verließ schließlich den Turm, und sein Vater ließ ihn ziehen, denn er verstand, dass der Prinz nun von etwas gerufen wurde, das mächtiger war als königliche Befehle. Er nahm einen treuen Begleiter, einen alten Diener namens Marzuban, und sie zogen fort, ohne Richtung zunächst, nur geleitet von dem Ring und von einer Ahnung, die keine Worte hatte.
Die Reise führte sie durch Länder, die Kamar al-Zaman nur aus Büchern kannte. Sie durchquerten Wüsten, in denen der Sand am Abend rosa leuchtete und am Morgen grau war wie Asche. Sie rasteten in Karawansereien, wo Händler aus fernen Ländern ihre Waren ausbreiteten, Gewürze so scharf, dass die Augen tränten, Stoffe so fein, dass sie durch einen Ring gezogen werden konnten. Sie sahen Städte, deren Mauern aus Lehm gebaut waren und deren Minarette wie Finger in den Abendhimmel ragten, und Oasen, in denen Dattelpalmen im Windstill standen wie schlafende Wächter.
In einem dieser Länder, das sich am Rande des Meeres erstreckte wie ein schlafendes Tier, erfuhr Kamar al-Zaman von einem Kaufmann die Geschichte der Prinzessin Budur, wie sie alle Heiratsanträge abgewiesen hatte, wie sie von einer rätselhaften Unruhe ergriffen worden war, wie ihr Vater sie nun in einem Gemach hielt, das so gut bewacht war wie ein Schatz. Kamar al-Zaman hörte zu, und während er zuhörte, spürte er, wie der Ring an seinem Finger warm wurde, warm wie eine Flamme, warm wie die Erinnerung an ein Gesicht, das er nie vergessen hatte.
Mit Hilfe des Kaufmanns, der ein gutes Herz hatte und die Romantik verstand, gelangte Kamar al-Zaman verkleidet in die Nähe des Palastes. Er war als Arzt gekleidet, denn man hatte ihm gesagt, dass Budur krank sei, krank vor Sehnsucht nach etwas, das sie nicht benennen konnte, und dass ihr Vater jeden willkommen hieß, der ihr helfen konnte. Kamar al-Zaman wurde vorgelassen, und er trat in das Gemach der Prinzessin. Was dann geschah, lässt sich kaum in Worte fassen, die lang genug wären und doch kurz genug, um die Stille in jenem Moment zu bewahren.
Budur öffnete die Augen und sah das Gesicht, das sie in jener Nacht im Traum gesehen hatte, das Gesicht, das sie kannte, ohne es je gesehen zu haben. Und Kamar al-Zaman sah die Augen, die in seinem Herzen gelebt hatten seit der Nacht im Turm. Er streckte die Hand aus, und auf seiner Hand leuchtete der Ring, ihr Ring, mit dem roten Stein warm wie Glut. Sie erkannte ihn sofort und setzte sich aufrecht, und alle Unruhe und alle Verwirrung und alle Schwere der vergangenen Wochen fielen von ihr ab wie ein Schleier, der nicht mehr gebraucht wird.
Kamar al-Zaman sprach: O Herrin, wisse, dass ich jenen Ring trage seit einer Nacht, die ich nicht erklären kann, und dass ich seitdem keine Ruhe gefunden habe, nicht in Büchern, nicht unter Sternen, nicht in der Stille. Budur schwieg einen langen Atemzug lang, und dann sprach sie: Wisse, o Fremder, dass ich denselben Ring vermisst habe seit derselben Nacht, und dass mir auch keine Ruhe beschieden war. Ich glaube, dass die Sterne uns diese Geschichte aufgetragen haben, und ich sehe keinen Grund, gegen die Sterne zu streiten.
Und so war es, dass die beiden, die einander nie gewählt hatten, weil das Leben es ihnen nie erlaubt hatte, nun von sich aus wählten, ruhig und sicher, wie man eine Tür öffnet, von der man weiß, dass dahinter das Zuhause wartet. König Ghayur, der lange genug gewartet hatte, war nicht schwer zu überzeugen. Er ließ nach Kamar al-Zamans Vater schicken, und König Schahzaman kam über das Meer mit Schiffen, die von festlichen Lichtern erleuchtet waren, und die Hochzeit wurde gefeiert auf eine Weise, die noch in den Liedern der Dichter lebt, die diese Geschichte überlebt haben.
In jener letzten Nacht saßen Kamar al-Zaman und Budur auf einer Terrasse aus weißem Stein, hoch über dem Meer, und betrachteten den Mond, der seinen stillen Weg über den Himmel zog, denselben Mond, der in jener fernen Nacht über dem Turm gestanden hatte, über den Gärten mit den Lapislazuli-Mosaiken, über den schlafenden Dschinns und den schwebenden Geheimnissen. Das Meer roch nach Salz und Jasmin. Die Öllampen warfen ein weiches Licht auf die Mosaike der Terrasse. Und in der tiefen, ruhigen Stille dieser Nacht schliefen sie beide ein, Seite an Seite, ohne Unruhe, ohne Suche, ohne die lastende Schwere des Wartens.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.