Andreas’ Nacht

Nach den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht · 14 Minuten zu lesen

Jullanar vom Meer

In den Zeiten der Kalifen, als das Meer noch Geheimnisse barg, die kein Mensch je ergründet hatte, und als die Nacht über den Küsten des Orients so tief und samten war wie der Mantel eines Königs, da begab es sich, dass ein reicher Kaufmann auf dem Basar von Persien eine Sklavin erwarb, deren Schönheit alle Anwesenden verstummen ließ. Sie hatte Haare wie das schwarze Wasser der Tiefe, Augen wie zwei dunkle Perlen, und ihre Haut war so kühl und glatt wie die Innenseite einer Muschel. Niemand wusste, woher sie kam, und kein Händler konnte sagen, wer sie ihm verkauft hatte — sie war eines Morgens einfach da gewesen, still wie eine Welle, die sich im Sand verliert.

Der Kaufmann hieß Schahriman, und er war ein Mann von großem Reichtum und noch größerer Einsamkeit. Sein Palast stand am Rand der Stadt, dort wo die Gassen enger wurden und das Rauschen des Meeres in der Nacht zu hören war, ein fernes, gleichmäßiges Atmen, das ihm seit Jahren Gesellschaft leistete. Als er die Frau in seinen Haushalt aufnahm, gab er ihr den Namen Jullanar, was Granatapfelblüte bedeutet, denn etwas an ihr erinnerte ihn an die zarten roten Blüten, die jedes Frühjahr die Mauern seines Gartens bedeckten, schön, aber mit verborgenen Dornen.

Doch Jullanar sprach nicht. Einen Monat verging, dann zwei, dann drei, und kein einziges Wort kam über ihre Lippen. Sie führte ihre Aufgaben mit einer stillen Anmut aus, die alle anderen Bediensteten zum Innehalten brachte; sie bewegte sich durch die marmorgepflasterten Hallen wie ein Schatten, der das Licht liebt, und wenn sie am Brunnen im Innenhof stand und das Wasser in die Krüge füllte, schien sie manchmal, ganz kurz nur, auf etwas in der Ferne zu lauschen, das kein anderer hören konnte. Schahriman behandelte sie mit Sanftheit, denn er spürte, dass sie kein gewöhnliches Wesen war. Er ließ ihr die schönsten Gemächer geben, ließ ihr Seide und Brokat bringen, ließ ihr Speisen auftragen, die für eine Prinzessin gedacht gewesen wären.

Und mit der Zeit wuchs in ihm etwas, das er sich lange nicht eingestehen wollte, eine tiefe, stille Zuneigung, sanft wie das Mondlicht auf dem Wasser, beständig wie die Gezeiten. Er redete mit ihr, auch wenn sie nicht antwortete, erzählte ihr von seiner Jugend, von seinen Reisen, von den Schiffen, die er einst besessen hatte. Und Jullanar hörte zu, das wusste er — er sah es an ihren Augen, die sich manchmal verdunkelten, wenn er von Einsamkeit sprach.

Als das vierte Monat begann, geschah es, dass Jullanar eines Abends nicht mehr schwieg. Schahriman saß in seinem Innenhof, der Mond stand voll und rund über den Minaretten der Stadt, und das Rauschen des Meeres war diese Nacht besonders nah, so nah, als wolle es die Mauern des Palastes berühren. Da trat Jullanar zu ihm, setzte sich auf den Rand des Brunnens, und zum ersten Mal öffnete sie den Mund. Ihre Stimme war wie das Geräusch von Wasser über Kieselsteine, glatt, kühl, und von einer Schönheit, die Schahriman das Herz zusammenzog. Wisse, o mein Herr, sprach sie, ich habe geschwiegen, weil die Worte der Tiefe Zeit brauchen, um an die Oberfläche zu steigen.

Und dann erzählte sie ihm, wer sie war. Sie war keine gewöhnliche Frau, kein Kind des Landes, kein Wesen des Staubes und der Sonne. Sie stammte aus dem Reich unter dem Meer, aus jenen Hallen aus blassem Korall und schimmerndem Perlmutt, die tief unter den Wellen lagen, dort wo kein Licht der Sonne je hinreichte, nur das sanfte Leuchten der Tiefe selbst.

Ihr Vater war König dieser Reiche, ihr Bruder ein Prinz von großer Macht, und sie selbst hatte einst über Gärten aus Seegras und Bernstein geherrscht. Eines Tages, aus einem Grund, den sie noch nicht preisgab, hatte sie die Tiefe verlassen und war an die Oberfläche gestiegen, hatte sich in die Luft gewagt, die ihr fremd und schwer vorkam wie flüssiges Licht.

Schahriman lauschte ihr, und je länger sie sprach, desto deutlicher erkannte er, dass er schon immer gewusst hatte, dass sie anders war. Das Kühle ihrer Hände, das seltsame Schimmern ihrer Haut im Mondlicht, die Art, wie sie manchmal reglos stand und das Meer anzuhören schien, all das hatte einen Sinn ergeben, den er sich nicht hatte erklären wollen. Und doch war er nicht erschrocken. Vielleicht war es die Nacht, die alles möglicher erscheinen ließ; vielleicht war es das Vertrauen, das sich zwischen ihnen in all diesen stillen Monaten gebildet hatte wie ein Faden aus Seide, dünn, aber unzerreißbar.

In den Wochen, die folgten, öffnete Jullanar sich weiter, Satz für Satz, Abend für Abend, immer dann, wenn der Mond über dem Meer stand und das Wasser im Brunnen die Sterne spiegelte. Sie erzählte ihm von der Welt unter den Wellen, von Karawanen aus Fischen, die lautlos durch das blaue Dunkel zogen; von Städten aus gewundenem Horn und Alabaster, deren Türme höher waren als jede Moschee des Landes; von Dschinnen des Wassers, die weder gut noch böse waren, sondern alt wie der erste Regen, und weise wie das Schweigen des tiefen Ozeans. Sie erzählte, und er hörte zu, und das Rauschen des Meeres hinter den Mauern schien ihr manchmal zuzustimmen.

Doch eines Abends, als die Luft nach Jasmin und fernem Salz roch, gestand sie ihm auch den Grund ihrer Flucht. Ihr Bruder Salih, ein Prinz von stolzem Herz, hatte sie mit einem Fürsten der Tiefe verheiraten wollen, einem mächtigen Mann, den sie nicht liebte und vor dem sie sich nicht fürchtete, aber den sie auch nicht wählen wollte, denn Jullanar war ein Wesen mit einem eigenen Willen, so klar und stetig wie eine Meeresströmung. Sie hatte sich geweigert. Und Salih, in seinem Zorn, hatte sie vor die Wahl gestellt, Gehorsam oder Verbannung. Da hatte sie das Meer verlassen. Sie hatte sich in die Welt der Menschen gewagt, allein, ohne Schutz, und war schließlich auf jenem Basar gelandet, wo Schahriman sie gefunden hatte.

Schahriman schwieg lange, nachdem sie geendet hatte. Dann sprach er, und seine Stimme war weich wie das Licht einer Öllampe im Wind: Wisse, o Jullanar, dass du in diesem Haus keine Sklavin bist, das warst du nie. Du bist eine Gästin, und wenn du gehen willst, stehen dir die Tore offen. Jullanar betrachtete ihn mit ihren dunklen Augen, und zum ersten Mal seit ihrer Ankunft lächelte sie, ein Lächeln wie das Aufbrechen einer Muschel, ungewohnt und kostbar. Ich weiß, o mein Herr, sagte sie. Und eben deshalb bin ich noch hier.

Die Monate vergingen wie Wellen, eine nach der anderen, jede ähnlich der letzten und doch anders. Jullanar blieb, und mit ihr blieb auch eine neue Art von Stille im Palast, eine Stille, die nicht leer war, sondern voll von kleinen, unausgesprochenen Dingen. Sie begannen gemeinsam die Abende zu verbringen, saßen am Brunnen, während die Stadt um sie herum zur Ruhe kam, und die Sterne über ihnen so nah schienen, als könnte man die Hand ausstrecken und sie berühren.

Aus Zuneigung wurde mit der Zeit etwas Tieferes, und schließlich, an einem Abend, als der erste Herbstregen die Mauern des Palastes benetzte und der Geruch des nassen Steins und des Meeres sich mischten, bat Schahriman Jullanar, seine Frau zu werden. Sie blieb lange still. Dann sagte sie: Ja. Und so lebten sie miteinander, und ihre Tage waren ruhig und von einer stillen Freude erfüllt, wie sie nur jene kennen, die lange allein gewesen sind. Jullanar lernte die Wärme der Sonne, die ihr anfangs so schwer und ungewohnt vorgekommenen war, als ein Geschenk zu schätzen. Schahriman lernte, das Meer nicht mehr als Einsamkeit zu hören, sondern als die Stimme einer Welt, die er nie ganz kannte, aber respektierte.

Und in einem Jahr des Glücks, als die Granatapfelbäume im Garten gleichzeitig blühten und fruchteten, was selten geschieht und als Zeichen gilt, wurde ihnen ein Kind geboren. Das Kind war ein Junge, und er war von einer Schönheit, die alle Dienerinnen innehalten ließ. Er hatte die dunklen Augen seiner Mutter und das ruhige Wesen seines Vaters, und wenn man ihn ansah, hatte man das Gefühl, gleichzeitig das Meer und den Himmel zu sehen, zwei Welten in einem kleinen Gesicht vereint. Schahriman nannte ihn Badr al-Dîn, Mond der Religion, denn er erschien ihnen wie ein Licht, das in einer dunklen Zeit aufgeht.

Und Jullanar hielt ihr Kind in den Armen, und zum ersten Mal weinte sie, nicht aus Trauer, sondern aus einer Freude, für die sie keine Worte kannte, auch nicht in der Sprache der Tiefe. Doch dann kam ein Abend, an dem Jullanar lange am Fenster stand, das Gesicht dem Meer zugewandt. Schahriman beobachtete sie schweigend, und er erkannte den Ausdruck in ihrem Gesicht, jene ferne, lauschende Stille, die er aus den ersten Monaten kannte, als sie noch nicht gesprochen hatte. Was hörst du? fragte er schließlich.

Sie wandte sich um und sah ihn an, und in ihren Augen lag etwas, das er noch nicht kannte, nicht Trauer und nicht Freude, sondern eine Art von Entscheidung. Es ist Zeit, sagte sie, dass mein Sohn sein Erbe kennt. Beide Hälften davon. Am nächsten Abend, als die Sonne tief stand und das Meer golden färbte, trug Jullanar ihren Sohn ans Ufer. Schahriman folgte ihr, und er sah, wie sie das Kind in ihre Arme nahm und mit ihm ins flache Wasser trat, so ruhig, als gehe sie über einen Hof aus Marmor, nicht über nassen Sand.

Dann sprach sie Worte in einer Sprache, die Schahriman nicht kannte, Worte, die klangen wie das Geräusch von Strömungen und das Knacken von Korallen tief unter dem Wasser, rhythmisch und alt und voller Bedeutung. Ya bahr, ya qalb al-ardh, ya umm wa ab, erkenne diesen, der von dir kommt und zu dir gehört. Das Meer antwortete. Nicht mit Worten, aber die Wellen, die den Strand berührt hatten, zogen sich zurück, sanft, langsam, und für einen Augenblick lag das Wasser spiegelglatt vor ihnen, still wie Glas, und in der Tiefe schimmerte etwas, ein fernes, perlenartiges Licht.

Dann kehrten die Wellen zurück, warm, und Badr al-Dîn lachte, das erste Mal, dass er wirklich lachte, ein Lachen so hell wie das Brechen einer Welle im Morgenlicht. Und aus den Tiefen kam Besuch. Jullanars Bruder Salih stieg an jenem Abend aus dem Meer, ein großer Mann mit dunklem Haar und Augen wie tiefes Wasser, gekleidet in Gewänder, die wie Schuppenpanzer schimmerten und nach Salz und etwas Unbekanntem dufteten. Er trat ans Ufer und betrachtete Jullanar lange, und in seinem Gesicht kämpften alte Worte mit neuen Gefühlen.

Schahriman stand ruhig daneben und trat nicht zurück, obwohl er spürte, dass dieser Mann Macht besaß, die er nicht kannte und nicht messen konnte. Es war Salih, der schließlich sprach. Schwester, sagte er, und seine Stimme hatte keine Schärfe mehr, nur eine alte, erschöpfte Sanftheit, die von langer Zeit und vielen Nächten zeugte. Ich habe Unrecht getan. Ich wollte dir Glück schenken, wie ich es verstand, aber ich verstand dein Glück nicht. Jullanar schwieg einen langen Moment, und das Meer rauschte zwischen ihren Worten.

Dann öffnete sie die Arme und ließ ihren Bruder eintreten, und sie hielten sich fest, wie zwei Menschen, die sich nach einer langen Reise wiedersehen, erschöpft und erleichtert zugleich. Salih blieb jene Nacht, und er aß mit ihnen und trank und betrachtete seinen Neffen mit einem Staunen, das echte Freude war. Er erzählte von den Reichen der Tiefe, von der Mutter und den Verwandten, die Jullanar vermisst hatten, von den Nachrichten, die durch das Wasser reisten wie Flüstern durch einen leeren Saal.

Und Schahriman hörte zu und verstand, dass seine Frau von einem Ort stammte, der so weit von ihm war wie der Mond, und doch hatte sie diesen Ort verlassen, um hier zu sein, und das war keine Flucht mehr, sondern eine Wahl. Das füllte sein Herz mit einer Stille, die keine Einsamkeit mehr war. Als Salih am Morgen ins Meer zurückkehrte, versprach er, die Familie zu besuchen, und er versprach auch, der Mutter von Jullanar Nachricht zu bringen. Und so öffnete sich in den Jahren, die folgten, eine Brücke zwischen den zwei Welten, zwischen dem Palast am Meer und den Hallen der Tiefe.

An bestimmten Abenden, wenn der Mond voll war und das Meer ruhig, kamen Besucher aus den Tiefen ans Ufer, und brachten Geschenke mit, Perlen so groß wie Dattelkerne, Korallen in Farben, für die die menschliche Sprache keine Namen hatte, und manchmal auch nur ihre Gesellschaft, ihr leises Lachen und ihre Geschichten von einer Welt, die Schahriman nie ganz kennen würde, aber immer respektierte.

Badr al-Dîn wuchs heran als Kind beider Welten. Er lernte die Sprache des Landes und die Sprache des Meeres; er lernte die Sternennavigation seines Vaters und das Atmen unter Wasser, das seine Mutter ihn lehrte in leisen Abendstunden am Strand. Er war kein Wesen, das zwischen zwei Welten stand und sich nirgendwo zu Hause fühlte, nein, er stand auf der Grenze und machte sie zu seinem Zuhause, und das war seine eigentliche Gabe. Die Jahre legten sich über den Palast wie Schichten aus Perlmutt, jede einzelne dünn und zart, und alle zusammen von einer Schönheit, die man erst von weitem sah.

Schahriman wurde älter und ruhiger, und mit dem Alter kam eine Gelassenheit, die nur jene kennen, die gelernt haben, das Unbegreifliche zu umarmen, statt es zu fürchten. Jullanar blieb, wie das Meer bleibt, immer dasselbe und immer anders, beständig in ihrer Zuneigung, geheimnisvoll in ihrer Tiefe, und jedesmal, wenn Schahriman sie ansah, hatte er das Gefühl, sie zum ersten Mal zu sehen. An einem Abend, als Schahriman alt und müde war und das Meer besonders nah rauschte, saß er mit Jullanar in ihrem Innenhof, und die Öllampen flackerten im Abendwind, und der Duft von Jasmin lag so schwer und süß in der Luft, dass man hätte glauben können, die Nacht selbst blühe.

Er legte ihre Hand in seine, und sie saßen schweigend beieinander, wie sie es immer getan hatten, in jener besonderen Stille, die keine Worte mehr braucht, weil alles Wichtige längst gesagt ist. Und das Meer rauschte, und die Sterne standen, und irgendwo im Garten sang eine Nachtigall, jenes alte, unermüdliche Lied von Schönheit und Vergänglichkeit, das in den Nächten des Orients so vertraut klingt wie der eigene Atem. Und so ruhten sie beide in der Nacht, die über ihnen stand wie ein schützender Mantel aus Samt und Sternen, und der Palast am Meer hüllte sie ein in seine Stille, und das Wasser trug sanft alle Sorgen fort, weit hinaus, bis ans Ende der Welt.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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