Andreas’ Nacht

Nach den Erzählungen der Bibel · 8 Minuten zu lesen

Josef und seine Brüder

Vor langer, langer Zeit, in einem Land voller Sonne und Staub, geschah es, dass eine große Hungersnot über die Erde kam. Die sieben fetten Jahre, von denen die Träume des Pharao gesprochen hatten, waren vergangen, und nun begannen die sieben mageren. Der Regen blieb aus, die Felder verdorrten, und der Hunger wanderte von Land zu Land wie ein stummer Gast, den niemand eingeladen hatte. Nur in Ägypten gab es Brot. Denn dort hatte ein Mann in den Jahren der Fülle Korn gesammelt, Speicher um Speicher, weise und geduldig, Josef, der einst als Knabe aus dem Land Kanaan verkauft worden war und der nun, an der Seite des Pharao, über das Korn des ganzen Landes wachte.

Und die Kunde davon zog durch die hungernden Länder wie ein Lichtschein in einer langen Nacht: In Ägypten gibt es Getreide. Auch in den Hügeln Kanaans, in den Zelten des alten Jakob, hörte man davon. Jakob rief seine Söhne zu sich, die Männer, die einst ihren Bruder verkauft hatten und die dieses Geheimnis seit so vielen Jahren in sich trugen wie einen Stein, und er sprach zu ihnen: Zieht hinab nach Ägypten und kauft uns Korn, damit wir leben und nicht sterben. Und so machten sich zehn Brüder auf den langen Weg nach Süden, denselben Weg, den einst eine Karawane gezogen war mit einem Knaben ohne Mantel.

Sie kamen nach Ägypten, in das große, fremde Land, und sie wurden vor den Mann geführt, der über das Korn gebot. Er saß vor ihnen in den Gewändern Ägyptens, mit der goldenen Kette des Pharao um den Hals, und sie verneigten sich tief vor ihm, das Gesicht zur Erde, so wie sich einst, in einem fernen Traum, die Garben vor einer Garbe geneigt hatten. Sie erkannten ihn nicht. Wie hätten sie auch. Der Knabe von damals war ein Mann geworden, ein Herr Ägyptens, und zwischen ihnen lagen zwanzig Jahre und eine ganze Welt.

Josef aber erkannte sie. Er erkannte sie im ersten Augenblick, die Gesichter, die älter geworden waren, die Stimmen, die er in so vielen Nächten gehört hatte, in der Erinnerung und im Traum. Etwas in seiner Brust zog sich zusammen und weitete sich zugleich, und er musste sich abwenden, einen Atemzug lang, damit niemand sah, was in seinen Augen stand. Dann sprach er mit ihnen durch einen Dolmetscher, ruhig und fremd, und fragte sie aus: woher sie kämen, wer ihr Vater sei, ob sie noch einen Bruder hätten. Und sie erzählten ihm von dem alten Vater daheim in Kanaan und von dem jüngsten Bruder, Benjamin, der bei ihm geblieben war, und von einem Bruder, der nicht mehr sei.

Der nicht mehr sei. Josef hörte diese Worte aus dem Mund seiner Brüder, und er schwieg. Er gab ihnen Korn, so viel ihre Esel tragen konnten, und er ließ sie ziehen, aber er trug ihnen auf, beim nächsten Mal den jüngsten Bruder mitzubringen, damit er sähe, dass ihre Worte wahr seien. Denn sein Herz verlangte danach, Benjamin zu sehen, den Sohn seiner eigenen Mutter, den er als kleines Kind zurückgelassen hatte.

Die Zeit verging, und der Hunger blieb, und so kamen die Brüder ein zweites Mal nach Ägypten, und diesmal war Benjamin bei ihnen, denn der alte Jakob hatte ihn ziehen lassen müssen, so schwer es ihm fiel. Als Josef seinen jüngsten Bruder sah, leibhaftig, erwachsen, mit den Augen ihrer Mutter, da wurde es ihm eng in der Brust, und er ging hinaus in eine Kammer und weinte dort, still und allein. Dann wusch er sein Gesicht, kehrte zurück und ließ ein Mahl auftragen für die Männer aus Kanaan, und sie aßen und tranken in seinem Haus und wussten nicht, an wessen Tisch sie saßen.

Josef aber prüfte ihre Herzen noch einmal, behutsam und still, denn er wollte wissen, ob die Jahre sie verändert hatten. Und er sah es: Sie waren nicht mehr die Männer von damals. Als es schien, der Jüngste könnte in Gefahr geraten und in Ägypten bleiben müssen, da trat Juda vor, jener Juda, der einst gesagt hatte, man solle den Bruder verkaufen, und er bot sich selbst an, an Benjamins Stelle zu bleiben, als Knecht, für alle Zeit. Denn der alte Vater, sagte er, würde sterben vor Kummer, wenn der Jüngste nicht heimkehrte. Er sprach von Jakobs grauem Haar und von der Liebe des Vaters, und seine Stimme brach, während er sprach.

Da konnte Josef nicht länger an sich halten. Er schickte alle Ägypter hinaus, alle Diener, alle Wachen, bis nur noch er und die Männer aus Kanaan im Saal standen. Und dann geschah das, worauf zwanzig Jahre gewartet hatten. Josef hob das Gesicht, und die fremde Sprache fiel von ihm ab wie ein Mantel, und er sprach zu ihnen in der Sprache ihrer Kindheit, mit einer Stimme, die von Tränen schwer war: Ich bin Josef. Lebt mein Vater noch?

Die Brüder standen wie versteinert. Sie konnten nicht antworten, kein Wort, kein Laut, nur Stille war in dem großen Saal, eine Stille, in der zwanzig Jahre auf einmal gegenwärtig waren: die Zisterne, der Mantel, die Karawane, das Schweigen all der Nächte. Sie fürchteten sich. Aber Josef trat auf sie zu, einen Schritt und noch einen, und seine Stimme war sanft: Tretet her zu mir. Ich bin Josef, euer Bruder, den ihr nach Ägypten verkauft habt. Aber grämt euch nicht und fürchtet euch nicht. Denn was ihr Böses gedacht habt, das hat Gott zum Guten gewendet — er hat mich vor euch hergesandt, damit in diesen Jahren des Hungers viele am Leben bleiben.

Und er fiel seinem Bruder Benjamin um den Hals und weinte, und Benjamin weinte an seiner Schulter. Dann küsste er alle seine Brüder, einen nach dem anderen, und weinte mit ihnen, und erst danach, ganz allmählich, fanden die Brüder ihre Sprache wieder und redeten mit ihm. Es war ein Weinen, das nichts Schweres mehr hatte — es war das Weinen, mit dem ein langer Winter zu Ende geht, wenn das Eis bricht und das Wasser wieder fließt.

Josef sandte sie heim mit Wagen und Vorräten und guten Worten, und er trug ihnen auf: Sagt meinem Vater von aller meiner Herrlichkeit in Ägypten, und eilt, und bringt ihn zu mir herab. Und die Brüder zogen hinauf nach Kanaan, und sie traten vor den alten Jakob und sprachen die Worte, die kein Vater je zu hören erwartet, der so lange getrauert hat: Josef lebt. Er lebt, und er ist Herr über ganz Ägypten.

Jakobs Herz blieb still, denn er konnte es nicht glauben. Aber dann erzählten sie ihm alles, und er sah die Wagen, die Josef gesandt hatte, und da kehrte der Lebensatem in den alten Mann zurück, und er richtete sich auf und sprach: Es ist genug. Josef, mein Sohn, lebt noch. Ich will hinziehen und ihn sehen, ehe ich sterbe. Und so brach der alte Jakob auf, mit allem, was er hatte, mit Kindern und Kindeskindern, mit Herden und Zelten, und zog hinab nach Ägypten, der letzte große Weg eines langen Lebens.

Und als sie in das Land Goschen kamen, da ließ Josef seinen Wagen anspannen und fuhr seinem Vater entgegen. Und als er ihn sah, den alten Mann mit dem Haar wie Mondlicht, da fiel er ihm um den Hals und weinte lange an seinem Hals, und Jakob hielt seinen Sohn in den Armen, den verlorenen, den wiedergefundenen, und sprach leise: Nun will ich gerne sterben, nachdem ich dein Angesicht gesehen habe und weiß, dass du noch lebst.

Aber er starb nicht, noch lange nicht. Jakob lebte viele Jahre in Ägypten, im Land Goschen, wo seine Herden weideten und seine Enkel um die Zelte liefen, und der Abend seines Lebens war heller als sein Mittag gewesen war. Die Familie, die zerbrochen gewesen war, saß wieder an einem Tisch. Was zwanzig Jahre getrennt gewesen war, war wieder vereint, und über allem lag jene stille Wahrheit, die Josef ausgesprochen hatte und die seither weitergetragen wird von Geschlecht zu Geschlecht: dass aus dem Dunkelsten das Hellste werden kann, wenn die Zeit sich rundet.

Und die Abende über dem Land Goschen waren weit und golden, und die Sterne stiegen auf über den Zelten Israels, dieselben Sterne, die einst über einer Zisterne in Kanaan gestanden hatten und über einer Karawane in der Wüste, und die nun über einer Familie standen, die heimgefunden hatte zueinander. So endet die Geschichte von Josef und seinen Brüdern, mit Tränen, die nichts Bitteres mehr haben, mit einer Umarmung nach langen Jahren, und mit einem alten Vater, der seinen Sohn wiederfand. Und die Nacht senkt sich nun still über das alte Land, und alles, was getrennt war, ruht beieinander, und alles ist gut.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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