Andreas’ Nacht

Nach den Erzählungen der Bibel · 7 Minuten zu lesen

Josef und der bunte Mantel

Vor langer, langer Zeit, in einem Land voller Sonne und Staub, lebte ein Mann namens Jakob mit seinen Söhnen in den weiten Hügeln Kanaans. Jakob war ein Mann, der viel erlebt und viel getragen hatte in seinem Leben, Freude und Schmerz, Verlust und Heimkehr. Nun lebte er in dem Land, das seine Väter ihm hinterlassen hatten, und seine Herde weidete auf den sanften Hängen, wo der Wind das trockene Gras bewegte wie ein leiser Atem. Unter all seinen Söhnen aber ruhte sein Herz am meisten bei dem jüngsten der Älteren, bei Josef, einem Kind, das mit offenen Augen in die Welt blickte und das Jakob an all das erinnerte, was er einst geliebt und verloren hatte.

Die anderen Söhne Jakobs waren kräftige Männer, gewohnt an die harte Arbeit unter der Sonne. Sie kannten den Geruch von Erde und Tier, den Staub langer Tageswege und die Stille der Nächte unter freiem Himmel. Josef aber blieb oft beim Vater, und Jakob verbrachte Zeit damit, ihm zuzuhören und ihn zu beobachten, wie er wuchs und dachte und sprach. Und eines Tages ließ Jakob einen Mantel für ihn anfertigen, ein Gewand, wie es die anderen nicht trugen, gewebt aus Fäden in den Farben des Morgens: Gelb und Rot, Blau und das tiefe Grün der Olivenbäume. Es war ein Geschenk aus dem Herzen eines Vaters, der lieben wollte, wie er liebte, vollständig und ohne Maß.

Als Josef den Mantel trug, leuchtete er zwischen seinen Brüdern wie ein Vogel zwischen Steinen. Die Brüder sahen es, und in ihren Herzen begann etwas zu wachsen, das schwer und dunkel war, nicht von einem Tag auf den anderen, sondern langsam, wie Schatten, die sich ausdehnen, wenn die Sonne wandert. Sie liebten ihren jüngsten Bruder, wie man einen liebt, dem man nah ist, aber sie liebten den Blick des Vaters nicht, der so deutlich und so ausschließlich auf Josef ruhte. Und diese Schwere blieb in ihnen, auch wenn sie schwiegen, auch wenn sie aßen und schliefen und ihre Herden durch die Täler trieben.

Josef selbst ahnte von alldem wenig. Er war jung, und die Welt erschien ihm groß und voller Möglichkeiten. In jenen Nächten, wenn er sich unter dem Sternenhimmel niederlegte und die Augen schloss, kamen ihm Träume, lebendige, bilderreiche Träume, die sich anfühlten wie mehr als bloße Träume. In einem jener Träume sah er sich und seine Brüder auf dem Feld, wie sie Garben banden, und seine Garbe richtete sich auf und stand aufrecht, während die Garben der anderen sich um sie herum neigten wie Gräser im Wind. Er erwachte verwundert, und weil er nicht wusste, wie man solche Dinge für sich behält, erzählte er seinen Brüdern davon.

Die Brüder hörten zu, und ihre Gesichter blieben still. Aber was sie dachten, war nicht still. Sie fragten ihn, ob er wirklich glaube, dass er eines Tages über sie herrschen werde, und in ihrer Stimme lag etwas, das schärfer war als die Frage selbst. Josef erzählte auch einen zweiten Traum: Er sah die Sonne und den Mond und elf Sterne, die sich vor ihm neigten. Auch Jakob hörte das und runzelte die Stirn, denn selbst einem liebenden Vater schien das zu kühn. Doch obwohl er Josef leise zurechtwies, behielt er die Worte in seinem Herzen und dachte nach über das, was sie bedeuten könnten.

Die Tage vergingen, und die Brüder zogen mit den Herden weit fort nach Sichem, um Weideland zu suchen. Jakob rief Josef zu sich und bat ihn, nach seinen Brüdern zu sehen und zurückzukommen mit Nachricht, wie es ihnen und den Tieren ergehe. Josef machte sich auf den Weg. Er trug seinen bunten Mantel, und der Morgenwind blies ihn über die Hügel davon. Er war allein auf dem Weg, und die Landschaft war weit und lautlos um ihn her, nichts als Himmel und Stein und das leise Summen der Wärme in der Luft.

In Sichem fand er seine Brüder nicht, aber ein Mann begegnete ihm auf dem Weg und wies ihn weiter nach Dotan, wo die Herden jetzt weideten. Josef folgte dem Weg, und als seine Brüder ihn von weitem kommen sahen, den Mantel leuchtend in der Mittagssonne, sprachen sie miteinander, und das Dunkle, das so lange in ihren Herzen gewachsen war, stieg an die Oberfläche wie Grundwasser, das keinen anderen Weg mehr findet.

Was in jenen Stunden geschah, war nicht das Werk böser Männer, sondern das Werk von Männern, die Schmerz und Eifersucht so lange getragen hatten, bis diese Gefühle schwerer wogen als alles andere. Einer unter ihnen, Ruben, der Älteste, wollte Josef nicht in Gefahr bringen. Er sprach leise mit den Brüdern und sagte, sie sollten Josef in eine Zisterne legen, eine leere Grube in der Erde, aber ihm kein Leid antun. Und die Brüder hörten auf ihn. Als Josef bei ihnen ankam, nahmen sie ihm den bunten Mantel ab, dieses Gewand, das so viel bedeutet hatte, das so viel getragen hatte, und ließen ihn in die Grube hinab, trocken und dunkel und still.

Josef saß in der Grube und verstand nicht, was geschah. Er war so eben noch auf dem Weg gewesen, im Auftrag seines Vaters, und nun war über ihm der Himmel ein schmales helles Rechteck, und die Stimmen seiner Brüder kamen zu ihm herunter wie aus einer anderen Welt. Die Brüder setzten sich und aßen ihr Brot, und während sie aßen, zog in der Ferne eine Karawane von Händlern vorbei, die auf dem langen Weg nach Ägypten waren, beladen mit Waren und Gewürzen, deren Duft durch die warme Luft zog.

Da sprach Juda, einer der Brüder, zu den anderen: Was nützt es uns, wenn wir Josef hier lassen? Er ist unser Bruder, unser Fleisch und Blut. Die Brüder hörten zu, und etwas in ihnen ließ nach, nicht alles, aber genug. Sie zogen Josef aus der Grube herauf, und die Händler nahmen ihn mit sich auf den Weg nach Süden, gegen Bezahlung in Silber. Ruben, der Älteste, kam zurück und fand die Grube leer und zerriss sein Gewand vor Kummer, denn er wusste nicht, was nun aus Josef werden würde.

Die Brüder nahmen den bunten Mantel Josefs und tauchten ihn in das Blut eines Ziegenbocks. Dann brachten sie ihn zu ihrem Vater Jakob und fragten ihn, ob er dieses Gewand erkenne. Jakob sah den Mantel, und sein Herz zerbrach. Er glaubte, sein Sohn sei von einem wilden Tier getötet worden, und sein Schmerz war so tief, dass er sich nicht trösten ließ. Er trauerte um Josef, wie nur ein Vater um ein Kind trauern kann, leise und unaufhörlich, Tag für Tag, in der Stille seines Herzens.

Aber Josef lebte. Die Karawane zog durch die Wüste, durch das weite stille Land zwischen dem Ende Kanaans und dem Anfang Ägyptens, durch Täler, die so alt waren, dass die Steine keine Namen mehr hatten. Josef sah den Himmel über sich, nachts die Sterne in ungeheurer Fülle, tagsüber die weiße Sonne. Er wusste nicht, was vor ihm lag. Er trug keinen Mantel mehr. Aber er trug in sich die Träume, jene seltsamen, leuchtenden Bilder, die er nicht erklärt und nicht vergessen konnte.

Was aus Josef wurde in dem fremden, großen Land Ägypten — das ist eine andere Geschichte, die noch viele Wendungen kennt und noch viele Nächte. Für jetzt aber mögen wir innehalten und an Josef denken, wie er unter den Sternen der Wüste reist, jung und allein und doch irgendwie getragen von etwas, das größer ist als der Schmerz dieser einen Nacht. Und der Himmel über der Wüste war weit und still, und die Sterne standen in ihrer alten Ordnung, und die Nacht hüllte alles in Frieden.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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