Nach den Erzählungen der Bibel · 7 Minuten zu lesen
Josef in Ägypten
Vor langer, langer Zeit, in einem Land voller Sonne und Staub, lebte ein junger Mann, der weit fort von allem gebracht worden war, was er kannte. Sein Name war Josef, und er trug in seiner Brust das schwere Gewicht des Verlustes, den Verlust seiner Heimat, seiner Familie, des sanften Lichts, das abends über die Hügel seines Vaters fiel. Doch das Land, in das er nun gelangt war, war kein einfaches Land. Es war Ägypten, groß und fremd, mit breiten Strömen und Tempeln, die bis in den Himmel zu reichen schienen, und einer Sonne, die anders brannte als jene, unter der er aufgewachsen war.
So wurde Josef in die Dienste eines Mannes gegeben, der zu den Vornehmen des Landes zählte. Sein Name war Potifar, und er stand in hohem Ansehen beim Herrn über ganz Ägypten. Das Haus des Potifar war weit und kühl, mit Säulengängen aus hellem Stein und Gärten, in denen Palmen ihre Wedel in den Abendwind streckten. Josef trat in dieses Haus ein als ein Fremder, jung und ohne Besitz, doch er trug etwas in sich, das man nicht kaufen und nicht verkaufen konnte: eine stille Kraft, die aus dem Vertrauen auf etwas Größeres erwuchs als das Glück eines einzelnen Tages. Und so arbeitete er, sorgfältig und treu, vom frühen Morgen bis in die späte Nacht.
Und es geschah, dass Potifar sah, was sein Haus unter Josefs Händen wurde. Wo Unordnung gewesen war, kehrte Ordnung ein. Was verloren schien, wurde wiedergefunden. Die Vorräte mehrten sich, die Geschäfte gediehen, und über allem lag eine ruhige, unsichtbare Güte, als hielte eine sanfte Hand schützend die Hände über das ganze Anwesen. Potifar gab Josef mehr und mehr Vertrauen, bis er ihm schließlich alles anvertraute, was er besaß. Er fragte nicht mehr nach jedem kleinen Ding, denn er wusste: Josefs Wort war verlässlich wie der Lauf des Nil.
So vergingen Monate, und die Monate wurden zu Jahren. Josef lernte die Sprache dieses Landes, seine Sitten und seine Wege. Er lernte, wie die Ägypter ihre Götter ehrten und wie die Händler auf dem großen Markt feilschten und lachten. Doch er vergaß dabei nie, wer er war und woher er kam. Manchmal, wenn der Abend sich über den Nil legte und das Wasser golden schimmerte, stand Josef am Rand des Gartens und blickte nach Norden, dorthin, wo hinter vielen Wüsten und Hügeln das Land seiner Kindheit lag. Dann war sein Herz leise und still, und er trug seinen Schmerz so, wie man einen kostbaren Stein trägt, still und ohne Klage.
Doch das Schicksal, das manchmal seltsame Wege geht, wendete sich gegen ihn. Durch falsche Worte und ein Unrecht, das man ihm antat, geriet Josef in Bedrängnis, unschuldig und doch ohne Schutz. Und so geschah, was keiner hätte vorhersagen können: Der Mann, dem er treu gedient hatte, ließ ihn fortbringen. Josef wurde in ein Gefängnis geführt, tief unter der Erde, ein Ort aus Stein und Schatten, wo das Licht nur als schmaler Streifen durch kleine Öffnungen hoch oben fiel. Es war ein schwerer Tag, und die Nacht, die darauf folgte, war noch schwerer.
Und doch, und dies ist das Staunenswerte an dieser Geschichte, auch in diesem dunklen Ort war Josef nicht verloren. Er richtete sich auf, wie ein Baum, der gebogen wird und sich wieder aufrichtet. Er sah die anderen Gefangenen um sich herum, ihre müden Gesichter, ihre niedergeschlagenen Augen, und er begann ihnen zu helfen, soweit er konnte. Er hörte zu, wenn jemand redete. Er brachte Wasser, wenn jemand durstig war. Und bald merkte auch der Aufseher des Gefängnisses, was er in seiner Mitte hatte: einen Mann, dem man vertrauen konnte.
So wurde Josef auch hier, in diesem engen Ort aus Stein, ein Mensch, auf den sich andere stützten. Der Aufseher gab ihm Aufgaben und Verantwortung, und das Gefängnis, so düster es war, wurde durch Josefs stille Gegenwart ein wenig heller. Die Tage zogen sich lang dahin, einer nach dem anderen, und Josef wartete, nicht mit verbissener Ungeduld, sondern mit einer Geduld, die tiefer war als Erschöpfung und tiefer auch als Resignation. Es war die Geduld eines Menschen, der glaubt, dass kein Augenblick umsonst gelebt wird, auch wenn man seinen Sinn noch nicht erkennt.
Eines Tages wurden zwei neue Männer in das Gefängnis gebracht. Sie kamen aus dem Palast des Herrschers von Ägypten, aus den hohen, hellen Hallen der Macht. Der eine war der oberste Mundschenk des Pharao, der andere sein oberster Bäcker, Männer, die in gewöhnlichen Zeiten über prächtige Tische und edle Krüge gewacht hatten und nun in dem kühlen Stein des Gefängnisses saßen, ungewohnt und verloren. Josef sah, wie sie ankamen, und er sah die Unsicherheit in ihren Augen. Er sprach sie freundlich an und wurde ihrer Betreuung anvertraut.
Und es geschah nach einigen Nächten, dass beide Männer in einer einzigen Nacht träumten, jeder seinen eigenen Traum, rätselhaft und eindringlich, so dass sie am Morgen mit trüben Augen dasaßen und nicht wussten, was sie mit dem zu tun hatten, was ihnen in der Nacht erschienen war. Als Josef sie so sah, fragte er sie behutsam, was sie betrübe. Und sie sprachen von ihren Träumen, und ihre Stimmen trugen die Schwere von Bildern, die sich dem Verstand nicht fügen wollten.
Josef hörte zu, still und aufmerksam, wie er immer zuhörte. Dann sprach er zu ihnen ruhig und klar, ohne zu zögern. Erzählt mir eure Träume, sagte er, denn das Deuten von Träumen liegt in Händen, die größer sind als unsere. Und sie erzählten, der eine nach dem anderen. Der Mundschenk hatte geträumt von einem Weinstock mit drei Reben, die aufblühten und reife Trauben trugen, und er hatte den Saft in den Becher des Pharao gepresst und ihm gereicht. Josef hörte zu und sprach dann langsam: Binnen dreier Tage wird der Pharao dich wieder zu Gnaden annehmen. Du wirst deinen Dienst wieder tun.
Der Mundschenk blickte auf, und in seinen Augen war ein Leuchten, das Josef wärmte. Dann sprach Josef still, fast nur für sich, und bat den Mann: Wenn er wieder in seine alten Ehren eingesetzt würde, möge er ein Wort für ihn einlegen beim Pharao, denn er sei unschuldig in dieses Gefängnis geraten und habe nichts getan, was ihn hierher gebracht hätte. Seine Worte waren nicht klagend, sondern schlicht und ruhig wie ein Fluss, der seinen Lauf kennt.
Und es geschah genau so, wie Josef gesagt hatte. Am dritten Tage hob der Pharao seinen Mundschenk wieder in sein Amt und ließ ihn aus dem Gefängnis holen. Josef sah ihn gehen, und sein Herz wartete, still und hoffend, darauf, dass des Mannes Gedächtnis ihn nicht vergessen möge. Doch die Tage vergingen, und die Monate vergingen, und der Mundschenk dachte nicht mehr an Josef, der allein im Dunkel des Gefängnisses wartete.
Zwei Jahre zogen ins Land. Die Sonne stand hoch über Ägypten, die Felder leuchteten grün entlang des Nils, und der Pharao saß auf seinem goldenen Thron und träumte. Und diese Träume des Pharao sollten alles verändern, doch das ist eine andere Geschichte, die auf den nächsten Abend wartet. Josef schlief in jener Nacht in seinem Lager im Stein und träumte vielleicht selbst. Die Sterne standen über Ägypten und über den Hügeln seiner Heimat, dieselben Sterne, und das Licht, das sie ausstrahlten, fiel auf alle Länder gleichzeitig, ohne Unterschied, ohne Grenze, still, wie eine Verheißung, die noch nicht gesprochen ist, aber schon da ist.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.