Andreas’ Nacht

Nach den Erzählungen der Bibel · 8 Minuten zu lesen

Josef deutet die Träume des Pharao

Und es geschah in jenen fernen Tagen, als der mächtige Nil durch das Land Ägypten zog und die Felder tränkte und die Welt ringsum in goldenes Licht tauchte, dass ein junger Mann aus dem fernen Land Kanaan in den Tiefen eines Kerkers saß und wartete. Josef war sein Name, und er hatte in jenem dunklen Ort bereits viele Monde verbracht, doch er hatte nicht vergessen, woher er kam, und er hatte nicht aufgehört zu träumen.

Und das Warten hatte ihn nicht gebrochen. Es hatte ihn stiller gemacht, tiefer, so wie das Wasser eines Brunnens tiefer und klarer wird, je weiter man hinabschaut. Er war ein Mann geworden, dem die Träume vertraut waren wie alte Freunde, denn auch im Kerker hatte er den Träumen seiner Mitgefangenen gelauscht und ihre verborgene Bedeutung erkannt. Was danach geschah, als er schließlich das Dunkel verließ und ins Licht trat, hatte andere Geschichten zu erzählen. Nun aber ruhte alles Gewicht dieser Stunden auf einer einzigen Nacht.

Denn der Pharao, der Herrscher über ganz Ägypten, der größte König unter dem Sonnenhimmel, hatte geträumt. Er hatte nicht einmal geträumt, sondern zweimal, und beide Träume hatten ihn aufgeweckt mit einem Herzen voller Unruhe. Er lag in seinem Palast, umgeben von kühlen Steinmauern und dem Duft von Lotos und Myrrhe, und konnte nicht mehr schlafen. Die Sterne standen noch am Himmel, als er sich aufrichtete und die Stirn in die Hand legte, denn das Gesehene ließ ihn nicht los.

Im ersten Traum hatte der Pharao am Ufer des großen Stromes gestanden. Das Wasser war träge und grün geflossen, und das Schilf am Ufer hatte sich leise im Abendwind bewegt. Dann stiegen sieben Kühe aus dem Fluss, schön und schwer und wohlgenährt, und grasten auf der Wiese, die feucht war vom Nil. Und danach kamen sieben weitere Kühe aus dem Wasser, aber diese waren mager und ausgehungert, mit eingefallenen Flanken und trübem Blick, und sie fraßen die sieben fetten Kühe auf, und doch blieben sie mager, als hätte sie nichts berührt.

Im zweiten Traum sah der Pharao einen Halm, der aus der Erde wuchs. An ihm reiften sieben volle, schwere Ähren, goldfarben und gebogen vor Frucht. Dann schoss ein zweiter Halm empor, und an ihm wuchsen sieben dürre Ähren, vom Ostwind verbrannt und hohl, und sie verschluckten die sieben vollen Ähren, als wären sie nie gewesen. Der Pharao erwachte ein zweites Mal. Und die Nacht lag noch schwer über dem Land.

Als der Morgen kam und das Licht des frühen Tages die Pfeiler des Palastes in warmes Rosa tauchte, rief der Pharao alle seine Weisen und Deuter zu sich. Sie kamen in langen Gewändern, mit gesalbten Häupten und ernstem Blick, und der Pharao erzählte ihnen seine Träume. Aber die Weisen schwiegen. Sie sahen einander an, sie schüttelten die Köpfe, sie flüsterten miteinander, und keiner von ihnen vermochte zu sagen, was die Träume bedeuteten. Der Pharao wartete. Und die Stille im Saal wurde schwer wie Stein.

Da trat der oberste Mundschenk vor, ein Mann, der lange in der Gunst des Pharaos gestanden hatte. Er senkte den Blick und sprach zögernd, denn er musste an etwas denken, das er fast vergessen hatte. Er erinnerte sich an einen jungen Hebräer im Kerker, einen, dem er und der oberste Bäcker einst ihre Träume erzählt hatten, und dieser junge Mann hatte sie gedeutet, ruhig und ohne Zögern, und alles hatte sich genau so erfüllt, wie er es gesagt hatte. Der Mundschenk atmete tief. Ich habe gesündigt in meiner Unaufmerksamkeit, sagte er leise, und ich hätte früher von ihm gesprochen.

Und der Pharao sandte sofort aus. Die Boten eilten durch die Gänge des Palastes hinab in die Tiefe, und Josef wurde aus dem Kerker geholt. Man ließ ihn sich waschen und frische Gewänder anlegen, und dann brachten sie ihn vor den Pharao. Josef stand nun in dem großen Saal, in dem das Licht durch hohe Schlitze fiel und goldene Staubteilchen durch die Luft trieben, und der Pharao sah ihn an, diesen jungen Mann aus einem fernen Land, der nach langen Jahren des Dunkels nun im Licht stand, ruhig und aufrecht.

Der Pharao sprach zu ihm: Ich habe geträumt, und niemand vermag es zu deuten. Man sagt mir, du kannst Träume verstehen. Und Josef antwortete mit ruhiger Stimme: Nicht ich vermag es, aber es gibt eine Weisheit, die größer ist als meine, und durch sie wird dem Pharao Antwort gegeben werden. Dann erzählte der Pharao seine Träume noch einmal, langsam und vollständig, und Josef hörte zu ohne Unterbrechung. Die sieben fetten Kühe. Die sieben mageren. Die sieben vollen Ähren. Die sieben leeren. Die Stille im Saal war vollkommen, als er geendet hatte. Josef stand still, und sein Blick ruhte irgendwo in der Ferne, als schaue er durch die Wände des Palastes hinaus in eine Zeit, die noch nicht gekommen war.

Dann sprach er: Die beiden Träume des Pharao sind einer. Was geschehen wird, das hat sich dem Pharao gezeigt. Er hob die Hand und erklärte es mit einfachen, ruhigen Worten: Die sieben fetten Kühe und die sieben vollen Ähren — das sind sieben Jahre. Sieben Jahre der Fülle, in denen das Land Ägypten mehr hervorbringen wird, als die Menschen fassen können. Und die sieben mageren Kühe, die danach kamen, und die sieben leeren Ähren — das sind sieben Jahre des Mangels, der auf die Fülle folgen wird wie der Schatten dem Licht folgt. In jenen Jahren wird man vergessen haben, was Überfluss bedeutet, und das Land wird in Not sein.

Und weil der Pharao denselben Traum zweimal geträumt hatte, sprach Josef weiter, war dies ein Zeichen, dass die Sache beschlossen war und nicht mehr geändert werden konnte, dass sie kommen würde, und bald. Deshalb, sagte Josef, sei es klug, schon jetzt in den Jahren der Fülle Vorräte anzulegen, Korn zu sammeln und zu bewahren, damit in den Jahren des Mangels das Volk nicht leide. Der Pharao schwieg lange. Er sah Josef an, und um ihn herum standen seine Berater und Weisen, und keiner sprach ein Wort. Dann wandte er sich an die Umstehenden und sagte, halb zu sich selbst: Wo werden wir einen Mann finden wie diesen, in dem eine solche Weisheit wohnt?

Und da geschah etwas, das Josef nicht erwartet hatte. Der Pharao stand auf von seinem Thron, er, der Herrscher über Ägypten, der Mann, dem Millionen die Stirn beugten, und er sah Josef an mit einem Blick voller Ernst und Würde. Er sprach: Da eine solche Weisheit in dir ist, so sollst du über mein Haus gesetzt sein, und alles Volk soll dir gehorchen. Nur durch den Thron will ich größer sein als du.

Er legte seinen Ring vom Finger und steckte ihn an Josefs Hand. Er ließ ihn in feine Leinenkleider kleiden und legte ihm eine goldene Kette um den Hals. Und dann ließ er ihn auf dem zweiten Wagen fahren, und die Rufe der Menschen begleiteten ihn durch die Straßen der Stadt. Josef, der Sohn des Hirten aus Kanaan, der Träumer, der Gefangene, der im Dunkel gewartet hatte, trat nun heraus in das große Licht und stand an der Seite des mächtigsten Mannes der Welt.

Und es geschah alles so, wie es in den Träumen gezeigt worden war. Die sieben Jahre der Fülle kamen, und Josef reiste durch das Land und ließ Korn sammeln, das in großen Speichern verwahrt wurde, so viel, dass man aufhörte zu zählen. Er sah die goldenen Felder und die schweren Ähren, und er wusste, dass auch die Jahre der Stille und des Wartens ihren Sinn gehabt hatten. Kein Weg war umsonst gewesen. Kein Traum war verloren gegangen.

Und das Land Ägypten ruhte in jenen Jahren in Frieden, und die Scheunen füllten sich, und der Nil strömte gemächlich zwischen seinen Ufern, und über den Feldern zogen die Vögel in langen Bögen durch den blauen Himmel. Und Josef stand in der Mitte von alledem und verwaltete das Land mit Bedacht und Stille, wie einer, der gelernt hat, dass Weisheit nicht laut sein muss, um zu wirken. Und in den langen, warmen Abenden, wenn die Sonne hinter den Palmen versank und das Land sich in goldenes Dämmerlicht hüllte, erinnerte sich Josef manchmal an die Sterne über Kanaan, an die Träume seiner Kindheit, und an den langen, dunklen Weg, der ihn hierhergeführt hatte. Und er war stille.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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