Andreas’ Nacht

Nach den Erzählungen der Bibel · 7 Minuten zu lesen

Jona und der große Fisch

Vor langer, langer Zeit, in einem Land voller Sonne und Staub, lebte ein Mann namens Jona. Er war kein Krieger und kein König, nur ein Mensch wie du und ich, einer, der die Stille liebte und die vertrauten Wege seiner Heimat kannte. Doch eines Tages kam eine Stimme zu ihm, tief und unausweichlich wie das Rollen eines fernen Gewitters, und sie sprach zu ihm von einer Stadt weit im Osten, einer großen Stadt namens Ninive, deren Türme sich wie Felsen in den Himmel streckten. Jona hörte diese Stimme, und er spürte ihr Gewicht. Aber er wandte sich ab.

Er packte das Wenige, was er besaß, und machte sich auf den Weg, nicht nach Osten, sondern nach Westen, fort, so weit das Meer ihn tragen würde. Er kam in die Hafenstadt Jafo, wo die Luft nach Salz und Teer roch und die Möwen ihre kreisenden Bahnen zogen über den Masten der Schiffe. Am Kai lag ein Schiff, das gerade seine Taue löste, um nach Tarschisch zu fahren, in die fernste Ecke der bekannten Welt. Jona bezahlte seinen Preis, trat auf die schwankenden Planken, und das Schiff glitt hinaus auf das offene Meer.

Er stieg hinab in den Bauch des Schiffes, legte sich zwischen Säcke und Taue, und der Schlaf überkam ihn, der schwere, dumpfe Schlaf eines Menschen, der vor sich selbst flieht. Doch das Meer kennt keine Fluchtwege. Weit draußen, wo kein Land mehr zu sehen war, erhob sich ein Sturm. Er kam nicht langsam und nicht mit Warnung — er war einfach plötzlich da, als hätte das Wasser selbst entschieden, dass dieser Tag kein gewöhnlicher Tag sein würde. Die Wellen türmten sich auf wie Berge aus dunklem Glas, und der Wind heulte durch die Takelage wie eine Klage ohne Namen. Die Seeleute riefen ihre Götter an, warfen ihre Waren ins Wasser, taten alles, was sie wussten. Aber der Sturm ließ nicht nach.

Der Kapitän stieg hinab in den Bauch des Schiffes und fand Jona schlafend, mitten in dem ganzen Toben. Er berührte ihn an der Schulter, und Jona erwachte. Die Männer auf Deck warfen das Los, so war es Sitte in jenen Zeiten, wenn man dem Unsichtbaren eine Frage stellen wollte. Und das Los fiel auf Jona. Da sagte er zu ihnen, ruhig und ohne Ausrede: Ich bin der Grund des Sturmes. Ich bin ein Hebräer, und ich bin geflohen vor dem, der das Meer gemacht hat und das trockene Land. Nehmt mich und werft mich hinein, dann wird das Meer zur Ruhe kommen.

Die Männer ruderten, so lange sie konnten. Sie wollten nicht das Leben eines Menschen nehmen. Doch das Meer wurde wilder mit jeder Welle, und schließlich, mit schweren Herzen, taten sie, was Jona ihnen gesagt hatte. Sie hoben ihn auf und ließen ihn ins Wasser gleiten. Und in demselben Atemzug, das berichten die alten Geschichten, legte sich der Sturm. Das Wasser wurde still. Die Wellen sanken zurück in ihre Tiefe, und über dem Meer breitete sich eine Stille aus, so vollkommen wie der erste Morgen der Welt.

Jona aber sank. Er sank in das kalte, dunkle Wasser, tiefer und tiefer, und das Licht der Oberfläche wurde immer kleiner über ihm, ein fernes Glänzen wie ein Stern in großer Höhe. Doch dann, aus der Dunkelheit der Tiefe, kam ein großes Lebewesen. Es war so alt wie das Meer selbst, ruhig und gewaltig. Und es öffnete sich, und Jona wurde hineingetragen, hinein in eine Stille, die anders war als die Stille des Todes. Er war am Leben. Geborgen in der Finsternis, getragen von der Tiefe.

Drei Tage und drei Nächte blieb Jona in dem großen Fisch. In der Bibel heißt es, er habe dort gebetet, und man kann sich vorstellen, wie dieser Mann in der vollkommenen Dunkelheit saß, weit von allem entfernt, was er kannte, und langsam, ganz langsam begann, sich selbst zuzuhören. Manchmal braucht ein Mensch die äußerste Stille, um die eigene innere Stimme zu hören. Manchmal muss alles wegfallen, das Licht, das Land, die Gewohnheiten des Tages, damit das, was wirklich wichtig ist, sich zeigen kann. Jona sprach in dieser Dunkelheit, und die Worte kamen aus einer Tiefe in ihm, die er selbst kaum gekannt hatte.

Und dann, nach drei Tagen, geschah etwas. Der große Fisch trug Jona an die Oberfläche, an einen Strand, den Jona nicht kannte. Das Wasser spie ihn aus, vorsichtig, möchte man meinen, als wäre diese Aufgabe etwas Heiliges. Und Jona lag am trockenen Land, auf warmem Sand, und über ihm wölbte sich der Himmel, blau und unermesslich weit. Er atmete die Luft ein, die Luft der Welt, und das Licht der Sonne fiel auf sein Gesicht wie eine Berührung. Er war zurück. Er lebte.

Die Stimme kam wieder zu ihm, dort am Strand, ruhig und ohne Vorwurf, als wäre nichts gewesen. Sie sprach ihm noch einmal von Ninive, von der großen Stadt im Osten, und diesmal stand Jona auf. Er machte sich auf den Weg, durch Wüsten und über Hügel, durch das Flimmern der Hitze und den kühlen Wind der Nächte, bis er die Tore der großen Stadt erreichte. Ninive war gewaltig, so groß, dass man drei Tage brauchte, um sie zu durchqueren. Ihre Mauern und Türme erstreckten sich bis zum Horizont, und Menschen aus allen Ländern drängten sich in ihren Gassen.

Jona ging durch die Straßen und sprach. Er sprach nicht laut und nicht mit Drohung in der Stimme — er sprach einfach, klar und ohne Umschweife, von dem, was er zu sagen hatte. Und die Menschen hörten zu. Das ist das Erstaunenswerte an dieser Geschichte: dass Worte, die aus einem wahrhaftigen Herzen kommen, manchmal weiter tragen als alle Macht der Welt. Die Menschen von Ninive hörten, und etwas bewegte sich in ihnen. Sie legten ihre Geschäfte nieder, sie hüllten sich in schlichte Gewänder, sie hörten auf zu essen und zu trinken, und sie saßen still, und dachten nach über ihr Leben und ihre Wege.

Und so geschah, was kaum jemand erwartet hatte: die Stadt wandelte sich. Es war kein lautes Ereignis, kein sichtbares Wunder aus Feuer und Donner, nur das stille, innere Umkehren von Menschen, die erkannt hatten, dass sie einen anderen Weg gehen konnten. Jona selbst war davon nicht wenig überrascht. Er hatte eine Katastrophe erwartet und fand Stille. Er zog sich zurück vor die Stadt, auf einen Hügel, und wartete.

Er war unruhig, vielleicht weil er nicht verstehen konnte, wie alles so einfach hatte enden können. Über Nacht wuchs eine Pflanze neben ihm auf, eine breitblättrige, schattige Pflanze, die ihn vor der Sonne schützte. Jona ruhte in ihrem Schatten, und ein leises Wohlbehagen überkam ihn, eine kleine, unerwartete Freude. Doch am nächsten Tag verdorrte die Pflanze, und die Sonne brannte heiß auf ihn nieder.

Da kam die Stimme noch einmal zu ihm, sanft und fragend: Du traurest um diese Pflanze, die du nicht gepflanzt und nicht genährt hast, die in einer Nacht gewachsen ist, und ich sollte mich nicht sorgen um eine ganze Stadt voller Menschen? Jona saß auf seinem Hügel und hörte diese Worte, und vielleicht war es in diesem Moment, dass er begann zu verstehen, dass Fürsorge größer ist als jeder Plan, und dass die Welt weiter ist, als ein einziger Mensch sie ermessen kann.

Die alte Geschichte endet hier, offen und still wie ein Abend am Meer. Jona sitzt auf seinem Hügel, die große Stadt liegt hinter ihm in der Abenddämmerung, und über allem wölbt sich der Himmel, in dem die ersten Sterne erscheinen, einer nach dem anderen, ruhig und unveränderlich, wie sie es getan haben seit dem Anfang aller Zeit. Und wer diese Geschichte hört, der darf sich vielleicht daran erinnern, dass auch die längsten Umwege manchmal dorthin führen, wo man hingehören soll, und dass die Tiefe des Meeres nicht das Ende ist, sondern manchmal erst der Anfang. Und über dem Hügel und über der Stadt ist die Nacht still geworden.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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