Nach den Erzählungen der Bibel · 6 Minuten zu lesen
Jesus stillt den Sturm
Vor langer, langer Zeit, in einem Land voller Sonne und Staub, lag ein See, so weit und blau, dass er fast wie ein kleines Meer wirkte. Die Menschen nannten ihn den See Gennesaret, und seine Ufer waren gesäumt von Schilfrohr und niedrigen Steinen, auf denen die Fischer ihre Netze zum Trocknen ausbreiteten. Das Wasser war manchmal spiegelglatt und ruhig wie ein schlafendes Kind, und manchmal, wenn die Winde vom Norden herabstiegen und sich in den Hügeln fingen, verwandelte es sich rasch in etwas ganz anderes. Die Fischer wussten das. Sie kannten diesen See wie ihr eigenes Gesicht, und sie fürchteten ihn, wenn er erwachte.
Es war an einem Abend, als die Sonne sich langsam dem Horizont zuneigte und das Licht golden und schwer über dem Wasser lag, dass Jesus zu denen, die ihm folgten, sprach: Lasset uns ans andere Ufer fahren. So einfach war es gesagt, so ruhig und bestimmt, wie jemand spricht, der weiß, wohin sein Weg ihn führt. Die Fischer unter seinen Begleitern, Männer, die ihr Leben lang auf diesem See gearbeitet hatten, brachten ein Boot herbei, und alle stiegen ein. Andere kleine Boote folgten ihnen ein Stück weit, denn es war ein milder Abend, und der See lag still.
Das Boot glitt hinaus auf das Wasser, und der Abend war schön. Der Himmel färbte sich von Gold zu Kupfer, von Kupfer zu einem tiefen, sternendurchsetzten Blau. Jesus legte sich nieder im hinteren Teil des Bootes, dort wo ein Kissen lag, und er schloss die Augen. Die Bewegung des Wassers war sanft, ein leises Schaukeln, und er schlief ein, ein tiefer, ruhiger Schlaf, der Schlaf eines Menschen, der in einem langen Tag viel gegeben hatte und nun Ruhe fand. Die anderen saßen still und ruderten, und eine Weile war alles friedlich.
Doch dann änderte sich der Wind. Er kam zuerst als leises Raunen, als ein Kühlerwerden der Luft, und die Fischer hoben die Köpfe und schauten zum Himmel. Wolken zogen auf, dunkler als die Nacht, schwerer als Stein, und ehe jemand recht begreifen konnte, was geschah, traf der Sturm das Boot mit aller Kraft. Die Wellen wuchsen und wuchsen, schwarz und schäumend, und das Wasser schlug über die Bordwand und füllte das Boot langsam von unten. Die Männer arbeiteten mit aller Kraft, sie ruderten und schöpften und hielten sich fest, aber der Sturm ließ nicht nach. Er heulte über den See wie ein Tier, das keine Grenzen kennt, und die kleinen Boote ringsum verschwanden im Dunkel.
Und doch, Jesus schlief. Mitten in diesem Toben, inmitten des Windes und des Wassers und der Angst, schlief er tief und fest, als läge er nicht auf einem schwankenden Boot, sondern auf weichem Gras unter einem stillen Sternenhimmel. Die anderen sahen ihn an, und ihre Augen waren weit vor Schrecken. Sie knieten sich zu ihm nieder, schüttelten ihn, riefen laut durch das Heulen des Sturmes: Meister! Wir gehen unter! Kümmert es dich nicht? Es war kein Vorwurf, oder vielleicht doch ein kleiner, sondern vor allem der Aufschrei von Menschen, die nicht mehr wissen, wohin mit ihrer Angst, und die sich an den einzigen wenden, dem sie noch trauen.
Jesus erwachte. Er richtete sich auf, langsam, ohne Hast, und sah sie an, die erschöpften Gesichter, die nassen Kleider, die zitternden Hände. Dann wandte er sich dem Sturm zu. Er sprach zu dem Wind und zu dem aufgewühlten Wasser, ruhig und bestimmt, mit einer Stimme, die keine Angst kannte. Und der Wind hörte auf. Und das Wasser glättete sich. Es war nicht langsam, nicht nach und nach, wie Stürme sich legen, wenn die Natur ihren Lauf nimmt — es war augenblicklich. Wo eben noch Wellen über die Bordwand gepeitscht hatten, lag nun eine Stille, so vollkommen und tief, dass sie fast zu hören war. Die Männer sahen sich an. Keiner sprach.
Das Wasser um sie herum war glatt wie Glas, und der Himmel über ihnen begann sich langsam zu öffnen, hier und da ein Stern, der durch die ziehenden Wolken schimmerte. Jesus sah seine Begleiter an, einen nach dem anderen, mit einem Blick, der nicht tadelte, sondern fragte. Warum hattet ihr solche Angst? sprach er leise, und seine Stimme war jetzt weich, fast zärtlich. Es war eine Frage, die nicht auf eine Antwort wartete, sondern die in den Herzen der Männer nachklang wie ein Ton, den man noch hört, lange nachdem die Glocke verstummt ist. Und er fügte hinzu: Habt ihr noch keinen Glauben?
Nicht als Strafe gemeint, nicht als Beschämung, sondern wie ein Vater spricht, der sein Kind sanft bei der Hand nimmt. Da saßen sie, diese Männer, die den See seit ihrer Kindheit kannten, die wussten, wie man kämpft und rudert und überlebt, und sie fragten einander flüsternd, was keiner recht in Worte fassen konnte. Wer war dieser Mensch, dass der Wind ihn hörte? Dass das Wasser sich beugte vor seiner Stimme wie ein gehorsames Kind? Sie hatten viele Dinge gesehen in seiner Nähe, Dinge, die sich dem Verstand entzogen, aber dieses hier, dieser Moment auf dem stillen See unter den langsam wiederkehrenden Sternen, dieses hier traf sie tief, in einem Ort, der tiefer lag als Worte.
Das Boot glitt nun ruhig weiter. Die Männer ruderten gleichmäßig, und das Wasser trug sie sanft dem anderen Ufer entgegen. Jesus saß still am Heck, die Augen offen, und schaute auf den dunklen See, der nun so friedlich lag, als hätte es den Sturm niemals gegeben. Das Mondlicht fiel in langen, silbernen Streifen auf das Wasser, und die Nacht war kühl und klar und voller Sterne.
So kamen sie ans andere Ufer, als die Nacht noch tief und die Welt noch still war, und sie stiegen aus dem Boot auf den feuchten Kies, und die Stille des Sees blieb bei ihnen, lange noch, wie etwas, das man nicht ablegen kann. Und der See Gennesaret lag in jener Nacht so ruhig und so schön wie ein schlafendes Kind unter dem großen, unendlichen Himmel.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.