Andreas’ Nacht

Nach griechischer Überlieferung · 9 Minuten zu lesen

Jason und der Aufbruch der Argo

In jenen alten Tagen, als die Götter noch über den Olymp wandelten und das Schicksal der Menschen an goldenen Fäden hing, lebte in der Stadt Iolkos ein König namens Pelias. Er saß auf einem Thron, der ihm nicht gehörte. Denn rechtmäßiger Erbe des Königreiches war sein Neffe Jason, Sohn des Aison, und Pelias wusste das, und er fürchtete es. Die Stadt lag am Meer, weiße Mauern im Morgenlicht, und das Wasser des Golfes von Pagasai glitzerte blau und ruhig, als wüsste es noch nichts von dem, was kommen würde.

Jason war als Kind fortgebracht worden, in die Berge des Pelion, wo der weise Kentaur Chiron hauste. Chiron lehrte ihn, was ein Held wissen musste: die Bahnen der Sterne, die Heilkraft der Kräuter, die Geduld des Jägers und die Stärke des Kämpfers. Jahre vergingen so, ruhig und beharrlich, während unten in Iolkos Pelias regierte und sich in seiner Macht einrichtete. Doch das Schicksal ist geduldig. Es wartet, bis der rechte Augenblick gekommen ist, und dann handelt es.

Als Jason herangewachsen war und Chiron ihm sagte, dass die Zeit gekommen sei, machte er sich auf den Weg nach Iolkos. Er trug einen Speer aus Eschenholz und war gekleidet in das Fell eines Leoparden. Auf seinem Weg musste er einen reißenden Fluss überqueren, und dort stand eine alte Frau am Ufer, die ihn bat, sie hinüberzutragen. Ohne Zögern hob Jason sie auf seinen Rücken und watete durch die Strömung. Dabei verlor er eine Sandale im Schlamm des Flussbettes, und die alte Frau, die in Wahrheit die Göttin Hera war, Hüterin der Ehen und Beschützerin der Gerechten, fühlte, dass dieser junge Mann ihres Schutzes würdig war.

In Iolkos angekommen, trat Jason in den Marktplatz, und das Volk betrachtete ihn. Ein Fremder mit einem Leopardenfell und nur einer Sandale — das war kein gewöhnlicher Anblick. Pelias, der aus dem Palast kam und diesen jungen Mann erblickte, erstarrte einen Atemzug lang. Denn einst hatte ihm ein Orakel gewarnt, er solle sich vor dem Mann mit nur einer Sandale hüten. Einäugige Schritte auf altem Pflaster, das Ende naht, so hatte die Pythia gesprochen, und Pelias hatte diese Worte nie vergessen. Nun sah er sie Fleisch werden.

Pelias fragte ihn, wer er sei, und Jason nannte seinen Namen und seinen Anspruch auf den Thron. Ein schlauer König wird nicht sofort zum Schwert greifen, wenn er ein Werkzeug zur Hand hat. Pelias lächelte, wie nur ein gefährlicher Mensch lächeln kann, und sprach von einem goldenen Vlies, dem Fell eines göttlichen Widders, das einst einem Verwandten ihres Hauses gehört hatte und nun in dem fernen Kolchis aufbewahrt wurde, bewacht von einem Drachen, der niemals schlief. Er sagte Jason, dass er den Thron abtreten würde, wenn Jason das Vlies heimbringen könnte. Es war eine Aufgabe, die wie ein Tod verkleidet war.

Doch Jason zögerte nicht. Er nahm die Herausforderung an, und in ganz Hellas sprach sich die Nachricht herum. Aus allen Städten kamen Helden, die mitfahren wollten auf diesem größten aller Abenteuer. Herakles kam, der Stärkste unter den Sterblichen, und Orpheus, der mit seiner Leier selbst die Steine zum Weinen brachte. Kastor und Polydeukes segelten herbei, die göttlichen Zwillinge, und Peleus, der Vater des späteren Achill, und Atalante, die schnellste unter allen Jägern, und viele andere Männer und Frauen, deren Namen die Dichter bewahrt haben. Sie nannten sich die Argonauten, nach dem Schiff, das sie tragen würde.

Das Schiff selbst war ein Wunder seiner Zeit. Ein Schiffsbauer namens Argos hatte es nach dem Willen der Göttin Athene gebaut, und Athene selbst soll einen Balken aus der heiligen Eiche des Orakels von Dodona in den Bug des Schiffes eingefügt haben, damit das Holz sprechen und warnen konnte. Es war das größte Ruderboot, das je in Hellas vom Stapel gelassen worden war, mit fünfzig Ruderbänken für fünfzig Hände, und sein Rumpf war aus Tannenholz gefügt, das noch den Duft der Bergwälder in sich trug. Die Argonauten nannten das Schiff Argo, nach seinem Erbauer, und der Name bedeutete so viel wie die Schnelle.

Am Tag des Aufbruchs versammelten sich alle am Strand von Pagasai. Opferfeuer brannten, und der Rauch stieg in den blauen Himmel, der sich wolkenlos über dem Meer wölbte. Jason trat vor die Versammelten und sprach zu ihnen über die Fahrt, die vor ihnen lag, über die Gefahren, die niemand ganz kannte, und über den Ruhm, der ihnen allen gehören würde, wenn sie heimkehrten. Dann bat er Orpheus, die erste Melodie zu spielen, damit die Ruderschläge von Anfang an im Takt lagen, und die Leier des Orpheus klang über das Wasser, süß und stark zugleich, und die Männer fassten ihre Riemen.

Die Argo glitt hinaus auf das Meer. Unter den Ruderschlägen der stärksten Männer Griechenlands nahm das Schiff Fahrt auf, und das Wasser schäumte weiß an den Flanken. Der Küste von Magnesia folgten sie zunächst, dann bogen sie nach Norden, vorbei an bewaldeten Inseln, auf denen die Zikaden sangen. Jason stand am Steuer und blickte voraus, dorthin, wo das Meer in den Horizont verschwand, und hinter ihm saß Orpheus auf seiner Bank und ließ die Finger über die Saiten wandern. Die Töne verloren sich im Wind, aber das Herz eines jeden an Bord wurde davon berührt.

Sie landeten zuerst auf der Insel Lemnos, wo seltsame Dinge geschehen waren, von denen die alten Geschichten zu erzählen wissen, und verweilten dort länger als geplant. Dann fuhren sie weiter durch den Hellespont, jene schmale Wasserstraße, die Europa von Asien trennt wie ein Strich, den ein Gott mit dem Finger gezogen hat. Die Strömung war stark dort, und die Männer ruderten mit allem, was in ihnen war. Herakles am Bug schlug den Takt mit einem Fels aus seiner gewaltigen Brust, und keiner an Bord hielt mit ihm Schritt.

In Mysien gingen sie an Land, um frisches Wasser zu holen. Herakles, dem ein Ruder unter seinen Händen zerbrochen war, ging in den Wald, um eine neue Stange zu hauen. Sein junger Gefährte Hylas wurde zum Brunnen geschickt, und kehrte nicht wieder. Die Quellnymphen hatten ihn in die Tiefe gezogen, betört von seiner Schönheit. Herakles suchte die ganze Nacht und rief den Namen seines Gefährten durch die dunklen Wälder, doch Hylas antwortete nicht mehr. Als die Argonauten am Morgen absegeln wollten, weigerte sich Herakles zunächst, das Schiff zu besteigen. Und da, so erzählen manche, erschien ihm ein Zeichen der Götter, das ihm sagte, seine Wege und die des Jason trennten sich hier.

Mit schwerem Herzen blieb Herakles zurück, und die Argo fuhr ohne ihren stärksten Mann weiter. Das Schiff lief die Küste von Bithynien an, und dort herrschte ein König namens Amykos, der bekannt dafür war, jeden Fremden zu einem Faustkampf herauszufordern, aus dem die Fremden selten gut herausgingen. Der Argonaut Polydeukes, der Faustkämpfer unter den Zwillingen, nahm die Herausforderung an. Die beiden Männer traten gegeneinander an, und Polydeukes, flinker als sein Gegner, überwältigte Amykos schließlich. Der König lag besiegt am Boden, und Polydeukes ließ ihn am Leben unter dem Versprechen, dass er künftige Reisende in Frieden ließe. Die Argonauten füllten ihre Wasserschläuche und segelten weiter.

In Thrakien suchten sie den blinden Seher Phineus auf. Phineus war von den Göttern mit Weitsicht beschenkt worden, und dafür mit Blindheit und einem Fluch bestraft: Jedes Mal, wenn ihm Speisen gebracht wurden, kamen geflügelte Wesen namens Harpyien und rissen ihm die Mahlzeit fort oder verunreinigten sie, sodass Phineus am Rande des Verhungerns lebte. Die Söhne des Nordwindes, Zetes und Kalais, die ebenfalls an Bord der Argo gereist waren und selbst Flügel trugen, jagten die Harpyien fort bis an den Rand der Welt.

Da öffnete Phineus seinen blinden Mund und sprach: Ihr rettet mich, und ich will euch retten. Was vor euch liegt, sind die Symplegaden, die schlagenden Felsen. Schickt eine Taube voraus. Was ihr dann seht, das lerne. Jason und seine Männer hörten dem alten Seher zu und bewahrten jedes Wort in sich. Das Mahl, das man Phineus brachte, aß er ruhig und in Frieden, das erste seit langer, langer Zeit, und sein Gesicht war das eines Mannes, dem eine große Last von den Schultern gefallen ist.

Die Argonauten rüsteten das Schiff für die nächste Etappe ihrer Reise. Der Abend kam, und das Meer lag still vor ihnen, die Küste Thrakiens im letzten Licht. Das Schiff ruhte im Hafen, und die Männer lagen auf ihren Bänken oder saßen in kleinen Gruppen beisammen und sprachen leise miteinander. Orpheus stimmte seine Leier, und ein Lied stieg auf, leise und weit, von Helden und Meeren und von Häusern, die fern lagen.

Über dem Horizont zogen Sterne herauf, einer nach dem anderen, die alten Zeichen, nach denen die Seefahrer seit jeher ihre Wege maßen. Das Sternbild des Großen Bären stand hoch am Himmel, und das Schiff schaukelte sachte auf dem dunklen Wasser, als wiegte es seine Mannschaft in den Schlaf. Jason saß noch lange allein am Bug und blickte hinaus auf das schwarze Meer. Hinter ihm lagen Iolkos, der Thron des Pelias, die weißen Mauern seiner Heimatstadt.

Vor ihm lagen die schlagenden Felsen und dahinter das Schwarze Meer, und irgendwo jenseits davon das goldene Vlies, das er versprochen hatte heimzubringen. Doch in dieser Nacht dachte er an all das nicht. Er hörte nur das Wasser, das sanft an den Rumpf der Argo schlug, und das ferne Lied des Orpheus, das sich mit dem Wind vermischte und über das Wasser trug, hinaus in die Stille des alten Meeres. Und so ruhte die Argo unter den Sternen, und ihre Mannschaft schlief, und die Wellen wiegten Schiff und Helden gleichmäßig durch die Nacht.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Griechische Mythologie · Götter, Helden und die Odyssee.

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