Nach den Erzählungen der Bibel · 6 Minuten zu lesen
Jakobs Versöhnung mit Esau
Vor langer, langer Zeit, in einem Land voller Sonne und Staub, lebte ein Mann namens Jakob. Er hatte viele Jahre in der Fremde verbracht, weit weg von dem Ort, wo er aufgewachsen war, weit weg von dem Bruder, dem er einst Unrecht getan hatte. Und nun, nach all diesen Jahren, zog er wieder heim. Seine Herde war groß geworden, seine Kinder zahlreich, und sein Herz trug das Gewicht einer alten Schuld mit sich, schwerer als jedes Bündel auf dem Rücken seiner Kamele.
Denn Jakob hatte einen Bruder namens Esau. Und zwischen den beiden Brüdern lag eine Geschichte, die nicht vergessen worden war, nicht von Jakob, und, wie er fürchtete, auch nicht von Esau. In ihrer Jugend hatte Jakob seinem Bruder etwas Kostbares genommen, etwas, das Esau hätte gehören sollen. Und Esau hatte damals geweint, einen Schmerz, der tief saß und lange nachhallte. Jakob hatte fliehen müssen. Und nun, auf dem langen Rückweg durch Wüste und Hügelland, näherte er sich dem Augenblick, dem er nicht ausweichen konnte.
Er schickte Boten voraus, ins Land Edom, dorthin, wo Esau lebte. Die Boten kehrten zurück mit Nachrichten, die Jakobs Herz schwer werden ließen. Esau, so berichteten sie, ziehe ihm entgegen, und vierhundert Männer seien mit ihm. Jakob stand still in dem warmen Staub der Straße und blickte in die Ferne, und er wusste nicht, was dieser Zug bedeuten mochte. Freude? Zorn? Versöhnung oder Vergeltung? Die Sonne stand hoch, und ihre Strahlen warfen scharfe Schatten auf den Boden. Er setzte sich nieder und dachte nach, lange und schweigend.
Da begann Jakob, das Seinige zu ordnen. Er teilte seine Herde in mehrere Gruppen auf und schickte sie vor sich her, eine Gruppe nach der anderen, und zwischen den Gruppen ließ er Abstand und ließ sie wandern in der Reihenfolge, wie er es sich überlegt hatte. Ziegen und Böcke zuerst, dann Schafe und Widder, dann Kamele und Kühe und Esel. Und jedem Hirten, der an der Spitze einer Gruppe lief, gab er dieselben Worte mit: Wenn Esau dir begegnet und fragt, wem du gehörst und wohin du gehst und wessen diese Tiere vor dir seien, dann sollst du sagen: Diese sind ein Geschenk deines Knechtes Jakob für seinen Herrn Esau, und auch er selbst komme hinter uns nach.
So dachte Jakob: Ich will sein Herz erweichen, langsam, Gabe für Gabe, bevor ich ihm ins Angesicht trete. In jener Nacht, als die Sterne sich über der Wüste ausbreiteten und die Luft kühl wurde und das Knistern der Herdfeuer durch das Dunkel klang, blieb Jakob zurück, allein. Er hatte seine Frauen und seine Kinder und all sein Gesinde über die Furt des kleinen Flusses geschickt, und er selbst blieb diesseits des Wassers, in der Stille der Nacht.
Was in ihm vorging in jenen Stunden, kann kein Erzähler ganz beschreiben. Es war mehr als Angst, und es war mehr als Gebet. Es war das Ringen eines Mannes mit dem Dunkelsten und dem Hellsten in sich zugleich. Von jenem Ringen am Fluss, das bis zum Morgengrauen währte, hat die Überlieferung bereits berichtet, und Jakob trug seither einen neuen Namen in sich und ein leises Hinken davon.
Als die Nacht wich und das erste fahle Licht des Morgens den Horizont berührte, erhob sich Jakob. Er hinkte ein wenig, vom langen Wachen und von allem, was die Nacht ihm gebracht hatte, und doch — er blickte aus, und sein Gesicht war ruhiger als zuvor. Der Tag begann. Und in der Ferne, in dem goldenen Dunst des frühen Morgens, war Esau zu sehen. Vierhundert Männer hinter ihm, so wie die Boten gesagt hatten. Jakob blickte auf sie hin, und dann tat er etwas, das von Herzen kam: Er verbeugte sich. Sieben Mal neigte er sich tief zur Erde, noch während er auf seinen Bruder zuging, einen Schritt nach dem anderen, demütig und langsam.
Und Esau lief ihm entgegen. Er lief, und er fiel Jakob um den Hals, und er hielt ihn fest, und die beiden Brüder weinten. Kein Wort wurde zuerst gesprochen, nur dieses Umarmtsein, dieses lange Schweigen zweier Männer, die sich viele Jahre nicht gesehen hatten, zwischen denen so vieles gestanden hatte. Die Felder um sie her lagen still, und die Morgensonne warf ihr erstes warmes Licht auf die beiden Gestalten, die so dasaßen wie zwei Menschen, die sich gefunden haben.
Dann sprachen sie miteinander. Esau blickte auf, und er sah die Frauen und die Kinder, und er fragte, wer all diese seien. Und Jakob erklärte es ihm mit einfachen Worten: Dies sind die Kinder, die mir gegeben wurden auf meinem langen Weg. Die Frauen traten vor, eine nach der anderen, und die Kinder mit ihnen, und alle neigten sich in Ehrerbietung.
Dann fragte Esau nach den Herden, die ihm begegnet waren auf dem Weg, was es damit auf sich habe. Und Jakob antwortete ruhig: Ich wollte deiner Gunst sicher sein, Bruder. Esau aber schüttelte den Kopf und sagte: Ich habe genug. Behalte, was dir gehört. Da bat Jakob ihn mit warmen Worten, das Geschenk anzunehmen, nicht als Schuld, nicht als Preis, sondern als Zeichen. Und Esau ließ sich erweichen.
Sie zogen gemeinsam durch das offene Land, und die Sonne stand nun höher, und das Gras leuchtete grün zwischen den Steinen. Esau bot an, Jakob zu begleiten, Männer seiner Schar als Geleit zu geben. Aber Jakob lehnte sanft ab, denn die Kinder waren noch klein und die Herde frisch lammend, und er wollte sachte ziehen, so wie es dem Atem der Tiere entsprach. So trennten sie sich mit gutem Abschied, und Esau wandte sich zurück nach Edom, und Jakob zog weiter, langsam und behutsam, durch das weite, helle Land.
Es ist ein altes Wissen, das diese Geschichte in sich trägt, dass die Zeit, die zwischen Menschen liegt, nicht immer zu Stein wird. Dass ein Herz, das man verschlossen wähnt, sich öffnen kann. Dass zwei Männer, die einander verloren haben, einander wiederfinden können in einer Umarmung mitten auf einem Feldweg, umgeben von Staub und Morgenlicht und dem leisen Blöken der Schafe. Und so zog Jakob weiter durch das Land seiner Väter, und der lange Schatten, der ihn so viele Jahre begleitet hatte, war ein wenig leichter geworden. Die Nacht würde kommen, die Sterne würden aufziehen über den Hügeln, und er würde sich niederlegen und schlafen, so wie ein Mensch schläft, der heimgekehrt ist.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.