Nach den Erzählungen der Bibel · 6 Minuten zu lesen
Jakobs Traum von der Himmelsleiter
Vor langer, langer Zeit, in einem Land voller Sonne und Staub, lebte ein junger Mann namens Jakob. Er war aufgewachsen zwischen Zelten und Herden, hatte gelernt, die Sterne zu lesen und das Wetter an der Farbe des Abends zu erkennen. Doch nun trug er ein schweres Herz mit sich. Er hatte sein Elternhaus verlassen, nicht aus freiem Willen, sondern weil das Leben ihn fortgeschickt hatte, und die Weite des Landes vor ihm war fremd und unbekannt. So zog er seinen Weg in Richtung der fernen Verwandten seines Vaters, den Staub der Straße unter den Füßen und den weiten Himmel über sich.
Die Sonne neigte sich tief, als Jakob in eine Ebene kam, die er nicht kannte. Die Hügel rings um ihn lagen still, bedeckt mit trockenem Gras und Gestrüpp, und kein Haus, kein Zelt, kein Brunnen war zu sehen. Es war jene Stunde, da das Licht golden und müde wird, da die Schatten lang werden und alles einen Augenblick lang wie in Bernstein gegossen scheint. Jakob blieb stehen und sah sich um. Er wählte einen Platz am Rand eines Hügels, wo ein flacher Stein aus der Erde ragte, glatt genug, um den Kopf darauf zu legen. Er breitete seinen Mantel auf dem Boden aus, legte sich nieder, und über ihm öffnete sich der Himmel in seiner ganzen, stillen Weite.
Die Nacht kam rasch herein, wie sie es in jenen Ländern tut, erst ein tiefes Blau, dann ein reines, dunkles Schwarz, und darin die Sterne, Tausende und aber Tausende, jeder einzelne ein kleines, fernes Licht. Jakob lag und sah hinauf. Sein Atem wurde langsamer. Die Gedanken, die ihn den ganzen Tag gedrängt hatten, die Ungewissheit, die Sehnsucht, die Frage, wohin sein Weg ihn führen würde, sie lösten sich auf wie Nebel über dem Morgenland. Und so, unter dem unermesslichen Sternenzelt, in der Stille des fremden Landes, schlief Jakob ein.
Und in jener Nacht träumte er einen Traum. Er träumte, dass er noch immer auf dem Hügel lag, doch die Welt um ihn war nicht mehr dieselbe. Aus der Erde, aus dem Stein selbst, erhob sich etwas, eine Leiter, eine Leiter von solcher Höhe, dass ihr oberes Ende im Dunkel der Wolken verschwand und jenseits davon die Sterne berührte. Sie war weit und fest, aus einem Holz, das schimmerte wie Mondlicht auf ruhigem Wasser, und ihre Stufen verloren sich in einem Leuchten, das wärmer war als die Sonne.
Und auf dieser Leiter stiegen sie auf und nieder: Lichtgestalten, still und ohne Hast, jede von einem sanften Glanz umgeben, als trügen sie das Licht in sich selbst. Sie stiegen hinauf und kamen herab, auf und nieder, auf und nieder, in einem ewigen, ruhigen Rhythmus, wie der Atem eines Schlafenden, wie die Wellen eines fernen Meeres. Jakob sah ihnen zu und empfand kein Erschrecken, nur eine tiefe, stille Ehrfurcht, die sich in seiner Brust ausbreitete wie Wärme.
Und dann, so war es in dem Traum, war da noch mehr. Eine Gegenwart, die größer war als alles, was Jakob je gespürt hatte, eine Stille, die voller Stimme war, ein Licht, das er nicht sah und doch kannte. Und aus dieser Gegenwart heraus sprach Gott zu ihm, ruhig und unfehlbar wie der Gang der Sterne: Ich bin bei dir. Wohin du auch gehst, ich gehe mit dir. Ich werde dich nicht verlassen, bis alles vollendet ist, was ich begonnen habe.
Diese Worte legten sich über Jakob wie ein weiches Gewand, wie ein Mantel in der Kälte der Nacht. Und er schlief weiter, tiefer als zuvor, tiefer als er je geschlafen hatte, in einem Frieden, den er sich nicht verdient hatte und nicht erklären konnte. Die Sterne zogen ihre Bahn. Die Leiter leuchtete still. Die Lichtgestalten stiegen auf und nieder, auf und nieder, unermüdlich und gelassen.
Als der Morgen kam, da kam er langsam. Erst ein schmaler Streifen Rosa am Horizont, dann ein zartes Gold, das sich über die Hügel legte wie eine Decke aus Licht. Die Vögel begannen zu rufen, einer nach dem anderen, in ihrem alten, unveränderlichen Morgengesang. Und Jakob erwachte. Er lag noch immer auf demselben Stein, auf demselben Mantel, in der Mulde desselben Hügels. Die Leiter war fort. Die Lichtgestalten waren fort. Nur der Himmel war noch da, bleich und frisch und unendlich.
Aber Jakob fühlte, dass dieser Ort nicht mehr derselbe war wie gestern Nacht. Er setzte sich auf und sah sich um, und in seinen Augen lag ein Staunen, das er nicht in Worte fassen konnte. Er hatte geschlafen an einem Ort, der ihm fremd gewesen war, und war aufgewacht an einem Ort, der ihm heilig erschien. Der Stein unter seinem Kopf, der harte, stille Stein — er erschien ihm nun wie ein Schwellenstein zwischen dem Hiesigen und dem Fernen, zwischen dem, was man sieht, und dem, was man ahnt.
Jakob stand auf, und seine Bewegungen waren langsam und ehrfürchtig. Er nahm den Stein, der ihm als Kissen gedient hatte, und stellte ihn aufrecht in die Erde, ein Zeichen, ein stiller Dank, ein Mal für das, was hier geschehen war. Er goss das wenige Öl, das er bei sich trug, darüber, langsam und bewusst, und sah zu, wie es in das trockene Gestein einsank. Und er nannte jenen Ort: das Haus Gottes. Das Tor des Himmels.
Dann nahm er seine wenigen Dinge und setzte seinen Weg fort. Die Morgenluft war kühl und klar, der Tau auf dem Gras glitzerte wie feine Perlen, und vor ihm lag der Weg, breit und offen unter dem heller werdenden Himmel. Sein Herz war leichter als am Vorabend. Die Ungewissheit war nicht fort, der Weg war noch lang, und wohin er ihn führen würde, wusste Jakob noch nicht. Aber er wusste nun, dass er nicht allein ging. Und es geschah in jenen fernen Tagen, dass ein junger Mann mit schwerem Herzen unter einem fremden Sternenhimmel schlief und aufwachte mit dem stillen Wissen, dass die Erde, auf der er lag, mehr ist als Staub, und der Himmel über ihm mehr als Dunkel.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.