Nach den Erzählungen der Bibel · 6 Minuten zu lesen
Jakobs Kampf am nächtlichen Fluss
Und es geschah in jenen Tagen, dass Jakob, der Sohn Isaaks, nach langer, langer Zeit die Fremde hinter sich ließ und den Weg nach Hause antrat. Er hatte viele Jahre in einem fernen Land gelebt, hatte Herden gehütet und Söhne aufgezogen, und nun zog er westwärts mit allem, was sein Leben geworden war: mit Frauen und Kindern, mit Knechten und Mägden, mit Schafen und Ziegen und Kamelen, die beladen waren bis an den Rand. Das Land vor ihm war das Land seiner Väter, das Land, das er als junger Mann verlassen hatte, und seine Seele war erfüllt von einem Gefühl, das weder ganz Freude noch ganz Furcht war, sondern beides zugleich, vermischt wie Wasser und Staub.
Denn während er zog, erreichte ihn eine Botschaft, die sein Herz schwer machte. Sein Bruder Esau zog ihm entgegen mit vierhundert Männern. Jener Esau, von dem er einst in Bitterkeit und Zorn getrennt worden war, vor dem er geflohen war wie ein scheues Tier in der Nacht. Nun war zwischen den beiden Brüdern ein halbes Leben vergangen, und Jakob wusste nicht, wie jene Begegnung enden würde. Er sandte Boten voraus mit friedlichen Worten, er sandte Geschenke: Ziegen und Böcke, Kamele und Kühe, Esel und Fohlen, Herde um Herde, damit sein Bruder ihm wohlgesonnen sein möge, wenn die Zeit der Begegnung käme.
Und dann, am Abend vor jenem großen Tag, teilte Jakob seine Menschen in zwei Lager und schickte sie voraus über den Fluss. Die Nacht senkte sich herab über das Jordanland, kühl und still, und der Fluss Jabbok rauschte in seinem Bett, dunkel und beständig wie die Zeit selbst. Die Sterne standen klar am Himmel, jene alten Lichter, die über allem wachen, und das Wasser glitzerte zwischen den Steinen. Jakob blieb allein zurück am Ufer, als der letzte seiner Leute das andere Ufer erreicht hatte. Er stand im Dunkel und horchte auf das Rauschen des Wassers, und um ihn war nichts als die Nacht.
Und in jener Stunde, als die Welt schlief und nur der Fluss wach war, da geschah etwas, das Jakob für den Rest seines Lebens mit sich tragen würde. Aus der Dunkelheit trat eine Gestalt, und bevor Jakob ihre Züge erkennen konnte, hatte sie ihn schon ergriffen, und es begann ein Ringen, wie Jakob noch nie gerungen hatte. Nicht mit Waffen, nicht mit Worten, sondern mit dem ganzen Leib und der ganzen Seele. Die Gestalt war stark, stark wie die Nacht selbst, und doch wich sie nicht und gab nicht nach, und Jakob wich auch nicht und gab auch nicht nach.
So rangen die beiden, die ganze lange Nacht hindurch, während der Fluss rauschte und die Sterne wanderten und das erste ferne Licht noch nicht erschienen war. Es war kein Kampf aus Hass, das spürte Jakob, es war ein Kampf aus einer Tiefe heraus, die er nicht benennen konnte. Als würde er nicht gegen einen Fremden ringen, sondern gegen alles, was in ihm selbst ungelöst war: die Schuld und die Hoffnung, die Flucht und die Rückkehr, die Furcht vor dem Bruder und die Sehnsucht nach Frieden. Seine Hände hielten fest, und sein Atem ging schwer, und der Schweiß mischte sich mit dem feuchten Nachtwind vom Fluss.
Und als die Nacht sich neigte und der Himmel im Osten ganz sachte, kaum merklich, ein wenig heller wurde, da rührte die Gestalt Jakobs Hüfte an, und es war, als würde eine Welle durch seinen Körper gehen, und er merkte, dass er von jenem Moment an niemals wieder so gehen würde wie zuvor. Doch er ließ nicht los. Er hielt fest, als würde sein Leben daran hängen, und vielleicht hing es das auch.
Und die Gestalt sprach zu ihm mit einer Stimme, die klang wie das Rauschen des Wassers und wie der Wind über offenem Land zugleich. Lass mich los, denn der Morgen bricht an. Aber Jakob antwortete, und in seiner Stimme lag all die Erschöpfung und all die Entschlossenheit dieser langen Nacht: Ich lasse dich nicht los, wenn du mich nicht segnest. Und die Gestalt fragte ihn, wie ein Mensch einen anderen fragt, der vor einer großen Wende steht: Wie ist dein Name? Und er sagte: Jakob.
Da sprach die Gestalt etwas, das schwerer wog als alles, was Jakob je gehört hatte. Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel, denn du hast mit Göttlichem und mit Menschen gerungen und hast bestanden. Der Name klang in der Morgenluft wie ein Versprechen, wie ein Siegel auf etwas, das in dieser Nacht für immer wahr geworden war. Jakob, der einmal Fersen-Halter genannt worden war, der Zaudernde, der Ausweichende — er war durch die Nacht gegangen und hatte standgehalten, und dafür trug er nun einen neuen Namen wie ein neues Gewand.
Und Jakob fragte die Gestalt nach ihrem Namen. Aber die Gestalt antwortete nicht mit einem Namen, sondern segnete ihn dort an jenem Ort, im Morgengrauen am Fluss, während der Jabbok sein ewiges Lied sang. Und Jakob nannte die Stelle Penuel, das heißt: das Angesicht Gottes, denn er sprach mit leiser, erstaunter Stimme, als einer, der etwas Unbegreifliches berührt hat und weiß, dass es wahr ist: Ich habe ein Angesicht geschaut, und meine Seele ist erhalten geblieben.
Und die Sonne stieg auf über dem Land. Sie stieg auf rot und groß hinter den Hügeln, und ihr Licht fiel über das Wasser und über die Steine und über den Mann, der dort stand, allein und erschöpft und verwandelt. Jakob hinkte, als er über den Fluss setzte, denn die Berührung jener Nacht trug er im Leib. Aber er ging. Er ging hinüber.
Vor ihm lag das Land, das Land seiner Väter, und noch in derselben Stunde, in dem frischen Licht des Morgens, sah er in der Ferne seinen Bruder Esau kommen, und er schritt ihm entgegen. Die Nacht war vorbei, der Kampf war vorbei, und ein neuer Name ruhte auf ihm wie sanftes Licht auf stillem Wasser. Und der Fluss Jabbok rauschte weiter, gleichmäßig und beständig, so wie er gerauscht hatte die ganze Nacht hindurch und so wie er rauschen würde noch lange, lange Zeit.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.