Andreas’ Nacht

Nach den Erzählungen der Bibel · 6 Minuten zu lesen

Jakob und Rahel

Vor langer, langer Zeit, in einem Land voller Sonne und Staub, zog ein junger Mann durch die weite Welt. Sein Name war Jakob, und er trug nichts bei sich als seinen Stab und das Versprechen, das er in einem Traum empfangen hatte, ein Versprechen, das noch größer war als der Himmel über ihm. Die Wege, die er ging, waren lang und staubig, die Hügel hoch, und die Sonne brannte heiß auf seinen Rücken. Doch Jakob schritt aus, denn er hatte ein Ziel: das ferne Land seiner Mutter, das Land Haran, wo Verwandte wohnten, die er noch nie gesehen hatte.

Und es geschah, als er viele Tage gereist war, dass er in eine weite Ebene kam, und dort sah er in der Ferne einen Brunnen. Um diesen Brunnen lagen Herden von Schafen und Ziegen, und Hirten saßen im Schatten und ruhten. Jakob trat zu ihnen und grüßte sie, und er fragte, woher sie kämen. Sie antworteten ihm, sie kämen aus Haran, und bei diesem Wort hob Jakob den Kopf, und ein Lächeln legte sich über sein staubiges Gesicht. Er fragte weiter, ob sie vielleicht einen Mann namens Laban kennten, den Sohn des Nahor. Die Hirten nickten und sagten: Ja, wir kennen ihn. Und sieh, seine Tochter Rahel kommt gerade den Weg entlang mit seiner Herde.

Jakob wandte sich um, und da sah er sie. Eine junge Frau kam den Hügelpfad herab, die Herde ihres Vaters um sich versammelt, jedes Schaf ihr vertraut wie ein alter Freund. Rahel ging aufrecht und sicher, und die Morgensonne fiel auf sie, als gehöre das Licht zu ihr. Jakob sah sie, und es war, als halte die Welt einen Augenblick den Atem an. Er trat vor, rollte den schweren Stein vom Brunnenmund, den Stein, den sonst alle Hirten gemeinsam bewegten, und tränkte die Herde seines Onkels Laban. Dann brach etwas in ihm auf, das er nicht in Worte fassen konnte, und er weinte leise, denn er wusste, dass er angekommen war.

Er sagte Rahel, wer er sei, ein Sohn ihrer Tante Rebekka, ein Verwandter aus der Ferne, und Rahel lief heim zu ihrem Vater und berichtete ihm von dem Fremden am Brunnen. Laban aber, als er hörte, dass Jakob, der Sohn seiner Schwester, draußen wartete, eilte ihm entgegen und umarmte ihn herzlich. Du bist mein Fleisch und Blut, sagte er, und führte Jakob in sein Haus, und gab ihm Brot und Wasser und einen Platz zum Ruhen. Und Jakob blieb.

Es verging ein Monat, und Jakob arbeitete für Laban, und er arbeitete gern, denn die Arbeit brachte ihn täglich nahe an Rahel heran. Er sah sie morgens, wenn sie die Herde hinausführte, und abends, wenn das rote Licht des Sonnenuntergangs sich auf ihrem Gesicht spiegelte. Laban sprach eines Tages zu ihm und sagte, er solle nicht umsonst für ihn arbeiten, er solle sich seinen Lohn wünschen. Und Jakob dachte nicht lange nach. Er bat um Rahel, die Tochter seines Herzens. Sieben Jahre, sagte er, würde er dienen, sieben Jahre für Rahel.

Und diese sieben Jahre vergingen, wie Geschichten vergehen, die man gern erzählt: langsam und doch zu schnell. Jakob arbeitete in den Feldern, er hütete die Herden, er trug die Last der langen Sommer und die Kälte der Winternächte. Doch es lastete nichts auf ihm, denn das Warten hatte ein Gesicht, und dieses Gesicht war Rahels. Die Jahre flossen dahin wie ein ruhiger Strom, und wer genau hinschaute, sah, dass Jakob diese Jahre nicht erduldete, sondern liebte, weil jeder Tag ein Tag näher war.

Als die sieben Jahre erfüllt waren, sprach Jakob zu Laban und erinnerte ihn an sein Versprechen. Laban richtete ein großes Fest aus, und alle aus der Gegend kamen und feierten. Doch in der Dunkelheit jener Hochzeitsnacht geschah etwas, das Jakob nicht erwartet hatte. Denn Laban schickte ihm nicht Rahel, sondern ihre ältere Schwester Lea, sanft verhüllt, schweigend. Und Jakob merkte es erst, als der Morgen graute.

Er trat zu Laban und fragte ihn mit ruhiger, aber tiefer Stimme, was er getan habe. Haben wir nicht abgemacht, dass ich um Rahel diene? Laban antwortete ohne Scham, in seiner Gegend sei es nicht Brauch, die Jüngere vor der Älteren zu verheiraten. Doch er machte einen neuen Vorschlag: Wenn Jakob noch einmal sieben Jahre diente, sollte er auch Rahel zur Frau nehmen.

Jakob hörte dies, und er schwieg eine Weile. Dann stimmte er zu. Denn was er für Rahel empfand, ließ sich nicht verrechnen und nicht erschöpfen. Und so trat Rahel in sein Leben, schon nach der Festwoche der Lea wurde sie seine Frau, und die weiteren sieben Jahre diente Jakob danach für sie ab, Jahr um Jahr, unter dem Sternenhimmel von Haran. Und kein einziges dieser Jahre erschien ihm zu lang.

Und das Haus Jakobs wurde groß und voller Leben, und die Herde seines Onkels Laban wuchs und gedieh unter seinen Händen. Doch über allem, über den Feldern und den Herden und den langen, stillen Abenden, leuchtete etwas, das keine Arbeit und keine Zeit trüben konnte: die Liebe, die Jakob für Rahel trug. Eine Liebe, die er nicht erklärt und nicht berechnet hatte, die einfach da gewesen war, am Brunnen, im ersten Licht des Morgens, als er sie zum ersten Mal gesehen hatte.

Und die Jahre in Haran wurden zu einem langen, ruhigen Kapitel in Jakobs Leben, nicht arm an Mühe und Arbeit, aber reich an dem, was wirklich zählt. Die Kinder kamen, und das Haus wurde voller Stimmen und Lachen, und Rahel war da, und Lea war da, und die Hügel um Haran sahen es alles, still und geduldig, wie Hügel es immer tun. Und der Sternenhimmel über dem Land, der sich Nacht für Nacht auftat, schien manchmal so nah, als wolle er lauschen auf die kleinen, gewöhnlichen Wunder des Alltags: ein Kind, das einschläft, ein Feuer, das brennt, ein Mensch, der nach Hause gefunden hat.

Und so ruhte Jakob an jenen Abenden, wenn die Arbeit getan war, und blickte in die Weite des Landes, und er war dankbar, still und tief und ohne viele Worte, für alles, was ihm geschenkt worden war. Und das Land schwieg um ihn herum, und die Nacht legte sich sanft über die Hügel, und die Sterne zogen ihre ruhigen Bahnen über dem schlafenden Haran.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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