Andreas’ Nacht

Nach den Erzählungen der Bibel · 7 Minuten zu lesen

Isaak und Rebekka am Brunnen

Vor langer, langer Zeit, in einem Land voller Sonne und Staub, lebte ein alter Mann namens Abraham in den weiten Hügeln Kanaans. Er war hochbetagt, und seine Tage neigten sich ihrem Ende entgegen, doch sein Herz trug noch eine letzte, große Sorge in sich. Sein Sohn Isaak, dem er alles Liebe dieser Erde geschenkt hatte, war allein. Und Abraham wünschte sich von ganzem Herzen, dass Isaak eine Gefährtin finden möge, eine Frau aus dem Land seiner Vorväter, aus jenem fernen Strom-Land zwischen den Flüssen, wo er selbst einst aufgewachsen war. So rief er seinen ältesten, treuesten Diener zu sich, einen Mann, der sein Haus seit vielen Jahren verwaltete und dem er mehr vertraute als irgendeinem anderen Menschen auf der Welt.

Der Diener kniete nieder, und Abraham sprach zu ihm in ruhigen, bedachten Worten. Er solle reisen, weit reisen, in das Land der Verwandten, und dort für Isaak eine Braut suchen. Der Diener hörte aufmerksam zu, seine Stirn war nachdenklich gefaltet. Er fragte: Was aber, wenn die Frau nicht bereit ist, mir zu folgen in dieses fremde Land? Abraham antwortete sanft, aber mit einer Gewissheit, die tiefer war als alle menschliche Planung, dass der Weg gut gelingen werde. Und der alte Diener nickte. Er ließ zehn Kamele bepacken mit Geschenken und Kostbarkeiten, mit feinen Stoffen und goldenem Schmuck, und machte sich auf den Weg nach Norden, der Ferne entgegen.

Die Reise war weit und führte durch staubige Ebenen und über heiße, steinige Höhen. Der Diener reiste viele Tage, und die Kamele trugen ihre Last geduldig. Schließlich, als die Sonne sich tief zum Abend neigte und die Schatten lang wurden über dem Land, erreichte er eine Stadt namens Nahor, in dem Land, das Abraham einst verlassen hatte. Vor den Toren der Stadt lag ein Brunnen, und dorthin kamen die Frauen der Stadt am Abend, wenn die Hitze des Tages sich legte, um Wasser zu schöpfen. Der Diener ließ die Kamele niederknien am Rand des Brunnens und blieb still sitzen, die Hände gefaltet, das Herz in stiller Bitte.

Er bat in seinem Herzen um ein Zeichen, um etwas Einfaches, Klares, das ihm den Weg weisen möge. Er dachte bei sich: Die Frau, die er ansprechen würde, um einen Trunk Wasser bittend, und die ihm nicht nur selbst zu trinken gäbe, sondern auch seinen Kamelen, die solle es sein. Das wäre das Zeichen, das er erbat. Er hatte den Gedanken kaum zu Ende gedacht, da hörte er Schritte auf dem Weg, leicht und sicher, und eine junge Frau näherte sich dem Brunnen. Auf ihrer Schulter trug sie einen Krug, und sie schritt aufrecht und ohne Eile, wie jemand, der den Abend liebt und die Stille darin.

Sie war schön von Angesicht, das sah der Diener sogleich, aber es war mehr als das — es war etwas in ihrer Art, in der Weise, wie sie den Krug ins Wasser senkte und wieder herauszog, mit einer Ruhe und Würde, die ihn innerlich stillwerden ließ. Ihr Name war Rebekka, und sie war die Enkelin eines Mannes namens Nahor, des Bruders Abrahams. Der Diener stand auf und trat auf sie zu, bescheiden und höflich, und bat sie: Lass mich doch einen kleinen Schluck aus deinem Krug trinken. Und Rebekka hob das Gesicht und antwortete ohne Zögern, warm und freundlich: Trink nur, mein Herr. Und auch für deine Kamele will ich schöpfen, bis sie alle getrunken haben.

Sie schüttete ihren Krug in den Steintrog und eilte noch einmal und noch einmal zum Brunnen, unermüdlich, bis alle zehn Kamele getrunken hatten. Der Diener stand und beobachtete sie schweigend, und in seinem Inneren wurde es sehr still. Er gab ihr goldene Ringe und Armspangen, und seine Stimme war bewegt, als er fragte, wessen Tochter sie sei und ob er vielleicht in ihrem Vaterhaus Unterkunft für die Nacht finden könne. Als Rebekka ihm ihren Namen nannte und den ihres Vaters, da schloss der Diener die Augen einen Augenblick lang, und ein tiefes Staunen erfüllte ihn.

Rebekka lief voraus in das Haus ihrer Mutter und erzählte von dem fremden Mann am Brunnen, von seinen Kamelen und seinen Geschenken. Ihr Bruder Laban kam eilig heraus, die Tür weit öffnend, und sprach: Komm herein, Gesegneter des Herrn. Warum stehst du draußen? Das Haus empfing den Diener mit Wärme. Die Kamele wurden versorgt, die Füße gewaschen, ein Mahl bereitet. Doch der Diener bat, erst sprechen zu dürfen, bevor er aß. Und er erzählte alles, von Abraham, dem reichen und gesegneten alten Mann in Kanaan, von Isaak, seinem einzigen Sohn, von der weiten Reise und dem stillen Gebet am Brunnen, und von allem, was dann geschehen war.

Seine Stimme war ruhig und klar, wie die Stimme eines Mannes, der weiß, dass er die Wahrheit spricht. Die Familie hörte zu, und als er geendet hatte, war es einen Augenblick sehr still im Raum. Dann sprachen Labans Vater und Laban gemeinsam: Das kommt vom Herrn. Wir können dir nichts dazu sagen, weder Gutes noch Böses. Hier ist Rebekka, nimm sie mit, wie es gesagt worden ist. Der Diener neigte das Haupt tief und war dankbar auf eine Weise, die keine Worte hatte. Er holte Geschenke hervor für Rebekka, für ihre Mutter, für ihren Bruder, silberne und goldene Dinge, feine Gewänder, schöne Kostbarkeiten aus Kanaan. Und sie aßen und tranken zusammen und ruhten die Nacht.

Am nächsten Morgen bat der Diener, aufbrechen zu dürfen. Die Mutter und der Bruder hätten gerne noch Tage gezögert, noch Zeit gehabt mit Rebekka, ehe der Abschied käme. Doch der Diener sprach behutsam, aber bestimmt, dass er nicht länger zögern möge. So riefen sie Rebekka und fragten sie, ob sie bereit sei, mit diesem Mann zu gehen. Rebekka stand ruhig und aufrecht, und sie antwortete ohne Atem anzuhalten: Ich will gehen.

Sie segneten sie mit alten, warmen Worten und gaben ihr ihre Amme mit auf den Weg. Rebekka stieg auf ein Kamel, und der Zug setzte sich in Bewegung, zurück nach Süden, zurück nach Kanaan, durch Staub und Licht und weite, offene Weite. Rebekka reiste, und die Tage wurden zu Tagen, und das fremde Land wurde langsam vertrauter unter dem Himmelsblau, das überall dasselbe war.

Und Isaak war an jenem Abend hinausgegangen auf das Feld, in der Stunde, wenn das Licht golden wird und die Schatten weich, um nachzudenken und zu gehen in der Stille. Als er aufsah, erblickte er von weitem den Kamelen-Zug, der sich durch die Ebene bewegte. Und Rebekka, die von ihrem Kamel blickte, erblickte einen Mann, der auf dem Feld auf sie zukam. Sie fragte den Diener: Wer ist jener Mann, der dort über das Feld geht und uns entgegenkommt? Der Diener antwortete: Das ist mein Herr Isaak. Da nahm Rebekka ihren Schleier und hüllte sich darin.

Der Diener erzählte Isaak alles, was geschehen war, die Reise, den Brunnen, das stille Gebet, die Begegnung. Isaak hörte zu, und sein Gesicht wurde ruhig und hell. Er führte Rebekka in das Zelt seiner Mutter Sara, die nicht mehr lebte, und Rebekka trat ein, und Isaak liebte sie. Und nach allem, was er verloren hatte und was ihn betrübt hatte, wurde sein Herz wieder leicht.

So geschah es, in jenen fernen Tagen, an einem Brunnen vor den Toren einer Stadt, dass zwei Menschen einander fanden, geführt durch stille Fügung und die einfache Güte einer jungen Frau, die ohne Zögern Wasser geschöpft hatte für einen Fremden und seine Kamele. Und das Abendlicht lag golden über dem weiten Land Kanaan, und die Sterne begannen langsam aufzugehen, einer nach dem anderen, in dem tiefen, ruhigen Himmel.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

Zurück zum Anfang

Lieber hören?

Diese Geschichte ist Kapitel in Die schönsten Geschichten der Bibel. Der Sprung führt an genau die Stelle.

Noch etwas zu lesen