Frei nach Hans Christian Andersens I Børnestuen · 3 Minuten zu lesen
In der Kinderstube
Vater und Mutter und alle Geschwister waren ins Theater gefahren; nur die kleine Anna und ihr Großvater, der eigentlich ihr Pate war und den sie Großvater nannte, waren daheim geblieben. Wir haben auch Theater, sagte der Großvater, und unseres fängt gleich an. Eine Eintrittskarte braucht bei uns niemand, und es wird auch nicht geklingelt — bei uns geht es gemütlicher zu. Und dann bauten die beiden: Der umgedrehte Stuhl war das Theater, die Schürze der Vorhang, und die Schauspieler wurden aus dem ganzen Zimmer zusammengeholt, wie sie gerade zu fassen waren.
Die Pfeife mit dem stattlichen Porzellankopf gab den alten König, der Handschuh der Mutter, lang und vornehm, wurde die Hofdame, und die zerbrochene Tasse, die nur noch als Andenken im Schrank stand, durfte die reiche Erbtante spielen, denn sie hatte einen Sprung, und das, sagte der Großvater, mache interessant. Der Held des Stücks aber wurde die Weste des Großvaters, jung und flott, und die Heldin war ein weißes Tuch mit einem Nähnadelkrönchen: die Prinzessin, versteht sich. Anna half allen beim Auftreten, und der Großvater sprach für jeden mit einer anderen Stimme, tief für die Pfeife, fein für den Handschuh, und mit einem kleinen Knacks in der Stimme für die Tasse, was Anna jedes Mal vor Vergnügen quietschen ließ.
Das Stück handelte, wie sich das gehört, von einer schwierigen Verlobung: Der König wollte die Prinzessin nicht der Weste geben, denn die Weste hatte kein Land, nur zwei Taschen, und in der einen war auch noch ein Loch. Aber die Weste hielt eine Rede, so brav und warm, dass die Hofdame in Tränen zerfloss — man half mit ein paar Tropfen aus dem Wasserglas nach —, und die Erbtante mit dem Sprung erklärte, sie vermache der Weste ihr ganzes Vermögen samt Unterschale. Da gab der König seinen Segen, und die Verlobung wurde gefeiert, und das ganze Zimmer durfte Hochzeitsgesellschaft sein: Der Ofen brummte den Brautmarsch, und die alte Standuhr schlug dazu den Takt, wie sie ihn seit fünfzig Jahren schlug, feierlich und ein ganz klein wenig zu langsam.
Zwischendurch gab es auch eine Pause, wie im richtigen Theater, und in der Pause wurde Himbeersaft gereicht, vom Großvater persönlich, der dazu eine Serviette über den Arm legte wie ein Kellner in den feinsten Häusern. Anna saß auf ihrem Kissen und ließ die Beine baumeln und fand, dass Pausen das Beste am Theater seien, gleich nach dem Vorhang und dem Stück und dem Saft. Der Großvater notierte sich diese Kritik mit ernstem Gesicht auf einem Zettel, denn ein richtiges Theater, sagte er, nehme sein Publikum ernst, besonders das strenge.
Besser als das große Theater, sagte Anna und klatschte, viel besser! Und der Großvater verneigte sich mit allen seinen Schauspielern, mit Pfeife, Handschuh, Tasse und Weste, und sagte, das Ensemble danke für die Ehre und spiele nur für ausgewähltes Publikum. Als die Eltern spät heimkamen, aus dem richtigen Theater, fanden sie die Kinderstube still: Anna schlief mitten im Parkett, das Nähnadelkrönchen noch in der Hand, und der Großvater saß daneben und hütete den Schlaf seiner Prinzipalin.
Wie war euer Stück, flüsterte die Mutter. Ausverkauft, flüsterte der Großvater zurück. Und das war nicht einmal gelogen: Es war ja kein einziger Platz freigeblieben — auf dem Sofa saßen noch die Puppen, und selbst der alte Lehnstuhl hatte zwei Kissen auf dem Schoß gehabt. So enden die besten Vorstellungen: mit schlafendem Publikum und zufriedenen Schauspielern, die morgen gern wieder spielen.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.