Andreas’ Nacht

Frei nach Hans Christian Andersens I Andegaarden · 5 Minuten zu lesen

Im Entenhof

Auf dem Entenhof lebte eine Ente aus Portugal — jedenfalls sagte sie das von sich, und niemand konnte das Gegenteil beweisen. Sie war die Vornehmste im ganzen Hof, denn sie war von portugiesischer Abstammung, und alles, was sie tat, tat sie mit Abstammung. Die anderen Enten waren gewöhnliche Enten, dazu kamen die Hühner, der Hahn und zwei chinesische Hennen, die die Portugiesin beinahe gelten ließ, weil sie wenigstens von weither waren.

Woher die portugiesische Abstammung eigentlich kam, wusste im Hof niemand mehr genau, sie selbst am allerwenigsten; es hieß, ihre Großmutter sei einst mit einem Schiff gekommen, und Schiff und Portugal, das lag für den Entenhof nahe beieinander. Jedenfalls hatte die Portugiesin aus der Herkunft ein Amt gemacht. Sie ging voran, wenn es zum Wasser ging, sie schnatterte zuerst, wenn etwas zu beurteilen war, und sie beurteilte alles. Der Hahn ließ sie gewähren, denn er war für die Zeit zuständig und nicht für den Ton, und die gewöhnlichen Enten hatten sich daran gewöhnt, wie man sich an Wetter gewöhnt.

Eines Tages flatterte etwas über den Zaun: ein kleiner Singvogel, zerzaust und mit einem lahmen Flügel, dem eine Katze zugesetzt hatte. Der arme Kleine, sagte die Portugiesin, kommt her zu mir, ich habe ein Herz für das Feine. Ich bin selbst aus einem fernen Land. Und sie nahm den Singvogel unter ihre Fittiche, ordnete sein Gefieder mit dem Schnabel und erklärte dem ganzen Hof, was Barmherzigkeit sei. Die anderen Enten schnatterten dazu, die chinesischen Hennen sagten Pi und Pih, und der Singvogel bedankte sich leise und höflich, denn das Herz tat ihm noch weh.

Die ersten Tage im Hof taten dem kleinen Vogel gut. Der Flügel heilte, das Herz auch, und abends, wenn der Hof zur Ruhe kam, erzählte er ein wenig von seiner Welt: vom Garten hinter dem Zaun, wo die Kirschen so dicht hängen, dass sich die Zweige biegen, vom Fliegen über den Teich, wenn das eigene Spiegelbild unten mitfliegt, und vom Morgenlied, das man hoch oben in der Linde singt, wo der Wind die Töne gleich mitnimmt und verteilt. Die jungen Enten hörten mit offenen Schnäbeln zu. Sie waren noch nie höher gewesen als der Gartenzaun, und auch das nur im Traum.

Ein paar Tage ging alles gut. Der Singvogel bekam von den besten Körnern, und die Portugiesin erzählte jedem, der es hören wollte und auch jedem, der es nicht hören wollte, wen sie da aufgenommen habe und was das sie koste. Als es dem kleinen Vogel besser ging, wurde ihm das Herz leicht, und da tat er, was Singvögel tun: Er setzte sich auf den Zaunpfahl und sang, hell und süß, mitten in den Nachmittag hinein.

Die beiden chinesischen Hennen führten in diesen Tagen lange Gespräche unter vier Augen, das heißt: Sie sagten abwechselnd Pi und meinten jedes Mal etwas anderes. Übersetzt lief es ungefähr darauf hinaus, dass der kleine Sänger ohne Zweifel von guter Herkunft sei, vermutlich aus einem Garten mit Springbrunnen, mindestens; man höre das am Vortrag. Nur eine Ente könne dergleichen nicht hören, setzten sie hinzu, und sahen dabei sehr nach der Portugiesin hin, ohne hinzusehen — eine Kunst, in der chinesische Hennen unerreicht sind. So hatte der Hof seine feinen Fronten, wie jeder Hof. Der kleine Vogel sang derweil und ahnte nichts. Sänger ahnen selten etwas; dafür singen sie.

Wie er sang! Es war nur ein kleines Lied, aber es hatte den Garten darin und den Teich und das Morgenlicht, und es machte etwas mit dem Hof, das der Hof nicht gewohnt war: Es machte ihn still. Die alte gesprenkelte Henne vergaß ein Korn, das schon vor ihr lag, der Erpel stand auf einem Bein und wusste es selbst nicht, und die beiden chinesischen Hennen sahen einander an und sagten diesmal gar nichts, was bei ihnen das höchste Lob war. Sogar oben auf dem Dach saß ein Spatz und hörte zu, und Spatzen sind schwer zu beeindrucken, die hören in der Stadt allerhand.

Nur die Portugiesin war gekränkt. Erst isst er von meinen Körnern, sagte sie, und dann singt er, ohne mich zu fragen, und alle sehen ihn an statt mich. Das nenne ich keine Erziehung. Und sie kam mit gerecktem Hals über den Hof, um dem Kleinen die Meinung zu schnattern — aber der Singvogel spürte den Wind davon, und da probierte er zum ersten Mal wieder seinen heilen Flügel.

Es war ein guter Augenblick zum Fliegen, und der kleine Vogel nutzte ihn klug: erst auf den Zaun, dann, als die Portugiesin schnatternd anrückte, ein Probeschlag, ein zweiter — und dann trug ihn der Flügel wirklich, erst schief, dann rund, hinauf über den Holunder, und mit jedem Schlag wurde er sicherer und das Schnattern unter ihm kleiner. Vom Kirschbaum im Nachbargarten sang er dann sein Abschiedslied, und wer genau hinhörte, fand darin keine einzige spitze Note. Er bedankte sich sogar, auf Singvogelart, für Körner und Obdach. Nur die Erziehungsfrage, die ließ er offen. Die klärt jeder Vogel am besten in der Luft.

Da war er nun fort, und der Hof beruhigte sich, wie ein Hof sich eben beruhigt. Undankbar, sagte die Portugiesin, aber was will man erwarten, er war ja nicht aus Portugal. Die chinesischen Hennen sagten Pi, der Erpel sagte, nun sei auch gut, es gebe gleich Futter, und darin hatte er recht. Am Abend saß der ganze Hof satt und rund in der Dämmerung, und aus dem Garten hinter dem Zaun kam, ganz fern und frei, noch einmal ein kleines Lied. Die Enten steckten die Köpfe unter die Flügel. Es hörte sich gut an beim Einschlafen, das musste sogar die Portugiesin zugeben.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Andersen Märchen, Teil zwei · Die vergessenen 65 Geschichten. Der Sprung führt an genau die Stelle.

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