Frei nach Hans Christian Andersens Ib og lille Christine · 5 Minuten zu lesen
Ib und die kleine Christine
Am Fluss Gudenau, im Waldland von Jütland, wuchsen zwei Kinder auf: Ib, der Sohn des Holzschuhmachers, und Christine, die Tochter des Fährschiffers, ein Jahr jünger als er und heller als ein Junitag. Sie waren unzertrennlich, wie Kinder es sein können: Ib schnitzte ihr kleine Schuhe und ein Boot aus Rinde, sie teilte ihr Brot mit ihm auf dem Fährkahn, und der Wald gehörte ihnen beiden bis zur letzten Blaubeere. Einmal verliefen sie sich tief zwischen den Hügeln, und eine wandernde Frau mit dunklen Augen wies ihnen den Weg und schenkte ihnen drei Nüsse. In denen, sagte sie, stecke ihr Glück. Kinder vergessen so etwas nicht.
Die Kindheit der beiden war aus dem Stoff, aus dem man später zehrt. Im Sommer fuhren sie auf dem Fährkahn mit, wenn Christines Vater die Torfschiffer übersetzte, und durften abwechselnd die lange Stange halten; im Herbst sammelten sie Haselnüsse in den Hügeln, und Ib knackte sie ihr alle, weil sie das Knacken nicht mochte und das Essen umso mehr. Im Winter, wenn der Schnee die Wege füllte, holte Ib sie mit dem kleinen Schlitten ab, den er selbst gebaut hatte, und zog sie den langen Weg zur Schule, und wenn sie fror, bekam sie seine Fäustlinge, und er behauptete, ihm sei nie kalt. Er hat das später noch oft behauptet, sein Leben lang, immer dann, wenn jemand anders die Fäustlinge brauchte.
Die Jahre gingen, und die Wege trennten sich, wie Wege es tun: Christine kam als Mädchen zu wohlhabenden Wirtsleuten in die Ferne, und Ib blieb beim Handwerk und beim Wald. Als sie einander wiedersahen, war aus Christine eine feine junge Dame geworden, und ein reicher junger Mann hatte um sie geworben. Sie stand vor Ib und brachte es nicht recht heraus, denn zwischen ihnen war ja das alte, nie ausgesprochene Versprechen aus Kindertagen. Da tat Ib das Schwerste, was er je getan hat, und tat es freundlich: Nimm ihn, Christine, sagte er, er kann dir eine helle Welt geben. Ich wünsche dir alles Gute — das ist mein Ernst, und du sollst frei sein. Dann ging er heim durch den Wald, und der Wald fragte nicht viel; das ist das Gute an Wäldern.
Nach jenem Tag ging Ib seinen Weg, wie man einen Weg eben geht, wenn das Ziel fehlt: ordentlich. Er übernahm das Haus, als die Eltern alt wurden, er schnitzte seine Holzschuhe, bestellte sein Stück Land, und die Leute an der Gudenau sagten, auf den Ib sei Verlass wie auf den Sonnenaufgang. Nur heiraten wollte er nicht, und wenn die Nachbarinnen fragten, warum eigentlich nicht, sagte er, es habe sich nicht gefügt. Das war nicht gelogen und nicht die Wahrheit, es war das, was man sagt, wenn die Wahrheit zu lang für einen Türschwellenschwatz ist. Die drei Nüsse der wandernden Frau lagen derweil in seiner Truhe, unangetastet. Er hatte nie gewagt nachzusehen, was für ein Glück darin sei. Vielleicht ahnte er, dass Glück in Nüssen Geduld braucht.
Und eines Tages, als er hinter dem Pflug ging, hob die Erde ihm ein Wunder entgegen: einen schweren goldenen Armring aus alter Heidenzeit, wie ihn die Hügelgräber manchmal hergeben. Der Fund machte ihn wohlhabend; die Zeitungen schrieben davon, und Ib, der nie gereist war, fuhr nach Kopenhagen, um den Schatz abzuliefern und den Lohn zu empfangen. Die drei Nüsse, dachte er unterwegs und musste lächeln — vielleicht war das nun das Glück aus der ersten.
In der großen Stadt aber, in einer schmalen Gasse, fand er ein anderes Glück, das keines mehr schien: Er fand Christine wieder. Das helle Leben, das ihr versprochen worden war, hatte nicht gehalten; ihr Mann war früh gestorben, das Geld war zerronnen, und sie lag krank und arm in einer kleinen Stube, und neben ihrem Bett stand ein kleines Mädchen mit Christines Augen. Ib blieb bei ihr, still und treu, wie er immer gewesen war, und sie erkannte ihn und lächelte, und alles Schwere zwischen den Jahren fiel ab. Als sie sah, dass ihr Kind in seinen Händen geborgen sein würde, wurde ihr Gesicht ruhig, und in einer stillen Nacht schlief sie hinüber, getröstet, wie man einschläft, wenn zu Hause jemand wacht.
Das kleine Mädchen fasste schnell Zutrauen zu dem stillen Mann, der so behutsame Hände hatte, und schon auf der Reise nach Jütland schlief es an seiner Schulter ein, und Ib saß die halbe Nacht unbewegt, um es nicht zu wecken, und sah aus dem Fenster in die vorbeiziehende Dunkelheit. Er dachte an vieles in dieser Nacht: an den Fährkahn und die Haselnüsse, an die Fäustlinge und an alles, was hätte sein können und nicht gewesen war. Und dann sah er auf das schlafende Kind hinunter und dachte das Einfachste und Größte, was ein Mensch denken kann: Was nicht gewesen ist, kann noch werden — nur anders. Von da an war er ruhig.
Ib nahm das kleine Mädchen mit heim an die Gudenau, in ein neues, helles Haus am alten Wald. Er wurde ihr Vater und ihre Mutter in einem, und sie wuchs auf wie einst Christine, nur behüteter, und bekam kleine geschnitzte Schuhe und ein Boot aus Rinde und den ganzen Wald bis zur letzten Blaubeere. Abends, wenn das Kind schlief, saß Ib manchmal vor der Tür und sah über den Fluss, und man kann nicht sagen, dass er unglücklich gewesen wäre. Das Glück war nur anders gekommen, als die Nüsse es versprochen hatten — größer eigentlich, sagte er sich, nur eben auf einem Umweg. Und die Gudenau floss ruhig am Haus vorüber, wie sie es immer getan hatte, und trug die Rindenboote der neuen Kindheit geduldig talwärts.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.