Andreas’ Nacht

Nach griechischer Überlieferung · 6 Minuten zu lesen

Hypnos und Morpheus – die Götter des Schlafes und der Träume

In jenen alten Tagen, als die Götter noch die Wege der Welt lenkten und jede Nacht ein Geschenk war, das aus unsichtbarer Hand kam, lebten zwei Brüder an einem Ort, den kein Sterblicher je zu Fuß erreichen konnte. Ihr Reich lag tief unter der Erde, weit jenseits des Flusses Okeanos, dort, wo die Sonne niemals hinabschaute und kein Vogelruf die Stille brach. Es war ein Reich aus leisen Atemzügen und dunklem Samt, ein Reich, das jedem Sterblichen einmal pro Nacht offenstand, ob er es wollte oder nicht.

Der ältere der beiden Brüder hieß Hypnos, und er war der Gott des Schlafes selbst. Sein Palast lag in einer Höhle, durch die der Lethe floss, der Fluss des Vergessens, dessen Wasser so sanft murmelte, dass allein sein Klang die Augen schwer machte. Vor dem Eingang wuchsen Mohnblumen in dichten Büscheln, ihre Köpfe geneigt wie Schläfer, die sich nicht mehr aufzurichten vermögen. Hypnos selbst ruhte dort, ausgestreckt auf einem Lager aus schwarzen Federn, und in seiner Hand hielt er einen Zweig, von dem Schlaftau tropfte auf die Welt hinab.

Sein jüngerer Bruder aber war Morpheus, der Gestalter der Träume. Wo Hypnos die Augen schloss, öffnete Morpheus die Bilder dahinter. Er war ein Wandler, dieser jüngste der Traumgötter — er konnte jede menschliche Gestalt annehmen, die Stimme eines Vaters, das Gesicht einer Geliebten, die Haltung eines Königs. Die Sterblichen, die er im Traum besuchte, erkannten ihn nie. Sie sahen nur das Bild, das er für sie gewählt hatte, und hielten es für wahr, für eine Botschaft, eine Erinnerung, eine Ahnung von dem, was kommen mochte.

Beide Brüder waren Kinder der Nyx, der großen Göttin der Nacht, von der das nächste Kapitel dieser Sammlung erzählen wird. Ihre Mutter hatte sie in die Welt gesetzt, noch bevor die Sonne ihren ersten Bogen über den Himmel zog, und sie trugen etwas von ihrer Mutter in sich: diese stille, alles umhüllende Schwere, die keine Hast kennt und keine Eile. Selene, die Mondgöttin, hatte am Abend zuvor ihr silbernes Gespann über den Himmel gelenkt und den schlafenden Endymion mit ihrem Licht berührt, nun war es an Hypnos und Morpheus, die Nacht vollzumachen.

Es geschah einmal, in einer Zeit, als die Götter noch häufig in die Angelegenheiten der Menschen eingriffen, dass Hera, die Königin des Olymp, den Schlafgott Hypnos aufsuchte. Sie kam nicht als Bittende, denn Hera bat selten — sie kam mit dem Gewicht ihrer Würde und einem Versprechen in der Hand. Zeus, ihr Gemahl, sollte schlafen, während sie ungestört in das Schicksal eines Sterblichen eingriff. Hypnos aber zögerte. Einmal schon hatte er Zeus in Schlummer versetzt, und der wolkenversammelnde Gott war so zornig erwacht, dass Hypnos sich auf der Insel Lemnos hatte verbergen müssen.

Hera sah seine Zurückhaltung und sprach: Ich werde dir geben, was du dir am meisten wünschst. Pasithea, die Grazie, soll die deine sein, wenn du mir jetzt gibst, was ich fordere. Hypnos war bezwungen. Pasithea war die schönste der Grazien, und er hatte sie schon lange mit stiller Bewunderung betrachtet. Er streckte die Hand aus, nahm das Versprechen an und stieg hinab in die Welt der Sterblichen. In Gestalt eines Vogels glitt er durch die Luft, unsichtbar und lautlos, und ließ seine Berührung auf Zeus niedersinken wie der erste Morgentau. Der Göttervater schloss die Augen, und der Olymp war für eine Weile still.

So wirkten die Brüder nicht nur im Verborgenen ihres Palastes, sondern auch in den großen Ereignissen der Welt. Morpheus seinerseits wurde von den Göttern ausgesandt, wenn eine Botschaft zu überbringen war, die kein Bote bei Tag hätte tragen können. Er kannte alle Gestalten der Menschen, konnte ihre Stimmen nachahmen, ihre Haltung, selbst den Duft ihres Gewandes. Wenn Zeus wollte, dass ein Sterblicher eine Warnung empfing, oder wenn eine Gottheit einem geliebten Menschen etwas mitteilen wollte, schickte sie Morpheus, und Morpheus erschien im Traum in der vertrautesten aller Gestalten.

So war es auch, als Alkyone, die Tochter des Windgottes Aiolos, um ihren verschollenen Gemahl Keyx trauerte. Keyx war auf dem Meer umgekommen, und Alkyone wusste es nicht. Nacht um Nacht betete sie zu Hera, flehte um ein Zeichen, und Hera hörte sie. Sie sandte Iris, die Götterbotin, hinab in das Reich des Hypnos, um Morpheus zu wecken und ihm seinen Auftrag zu geben.

Iris glitt durch die schlafende Luft, ließ sich in die Höhle hinab, und der Duft der Mohnblumen machte selbst sie schläfrig, aber sie erfüllte ihren Auftrag und kehrte zurück ins Licht. Morpheus aber nahm die Gestalt des Keyx an, trat in Alkyones Traum und sprach mit der Stimme ihres Gemahls: Weine nicht länger und trauere nicht um meine Rückkehr. Ich bin fort gegangen auf den Wegen des Meeres, und das Meer hat mich behalten. Lebe, Alkyone — das ist alles, was ich dir noch sagen kann.

Alkyone erwachte mit Tränen auf den Wangen, aber auch mit einer Stille im Herzen, die ihr vorher gefehlt hatte. Die Götter hatten ihr nicht das Leben zurückgegeben, aber sie hatten ihr Gewissheit gegeben. Und manchmal ist Gewissheit sanfter als Hoffnung. Die Menschen jener alten Zeit wussten, was Träume bedeuten konnten. Sie unterschieden zwischen Träumen, die durch das Tor aus Elfenbein kamen, jene leichten, flüchtigen Bilder der Nacht, die sich im Morgen auflösten wie Nebel über dem Meer, und jenen, die durch das Tor aus Horn traten, schwer und klar, die Träume, die wahr wurden. Ob Morpheus das eine oder das andere Tor wählte, das entschied er allein.

Kein Sterblicher konnte ihn darum bitten, und kein Sterblicher konnte wissen, durch welches Tor sein Traum gekommen war, bis der Tag es ihm zeigte. Hypnos und Morpheus lebten weiter in ihrem stillen Reich, Nacht für Nacht, von den ersten Tagen der Welt bis in alle Zeiten. Der Lethe rauschte vor ihrer Höhle, die Mohnblumen neigten ihre Köpfe, und der Schlaftau fiel auf jede müde Stirn, in jedem Haus, auf jeder Insel, überall dort, wo die Nacht ihre dunklen Flügel ausbreitete. Kein Sterblicher konnte ihrem Geschenk entfliehen, und die Weisesten unter den Menschen lernten, es anzunehmen. Denn der Schlaf, sagten die Alten, ist der kleine Bruder des Todes, aber nur dem Namen nach.

Was Hypnos schenkt, ist Erneuerung. Was Morpheus bringt, ist eine andere Welt, eine Welt, in der die Seele atmet und die Gedanken sich lösen von allem Schweren, das der Tag aufgehäuft hat. Jede Nacht öffnet sich dieses Reich neu, tief unter der Erde, hinter dem Fluss des Vergessens, und der sanfte Gott mit dem Mohnzweig wartet dort, geduldig und still, bis auch der letzte Wachende die Augen schließt. Und irgendwo in jener großen Dunkelheit, die die Mutter aller Dinge ist, wartet schon Nyx, aber das ist eine andere Geschichte, die eine andere Nacht erzählen wird. Nyx, die Nacht, die Mutter aller Sterne.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Griechische Mythologie · Götter, Helden und die Odyssee.

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