Andreas’ Nacht

Frei nach Hans Christian Andersens Gaardhanen og Veirhanen · 5 Minuten zu lesen

Hofhahn und Wetterhahn

Zwei Hähne gab es auf dem Hof: einer ging unten zwischen den Hühnern auf dem Mist, der andere saß oben auf dem Dachfirst, aus Blech geschnitten, und drehte sich mit dem Wind. Beide waren auf ihre Art ansehnlich — und die Frage, wer von beiden mehr gelte, wurde auf dem Hof jeden Tag mindestens einmal erörtert, hauptsächlich von den Hühnern.

Der Hofhahn war prächtig anzusehen. Er trug seinen Kamm wie eine Krone, stolzierte, als gehöre ihm das ganze Land bis zum Zaun, und wenn er in der Frühe krähte, dann krähte er, als müsse er die Sonne höchstpersönlich heraufholen — und die Sonne kam ja auch jedes Mal, was die Hühner sehr für ihn einnahm. Er fand für jedes Huhn ein Korn und für jedes Küken einen Rat, und die Hühner sagten untereinander, ein stattlicherer Hahn sei nie über einen Hof gegangen.

Der Morgen auf dem Hof gehörte dem Hofhahn, und er verwaltete ihn gewissenhaft. Noch vor dem ersten Licht reckte er sich auf dem Zaunpfahl, prüfte den Himmel mit einem Auge und legte dann los, dass es über die Dächer rollte — dreimal, wie es Vorschrift war, und ein viertes Mal aus reiner Freude. Danach kam die Morgenrunde: der Misthaufen wurde bestiegen und besichtigt, die besten Körnerstellen wurden den Hennen zugewiesen, die Küken wurden gezählt, obwohl der Hahn nur bis zu einer gewissen Zahl zählen konnte und darüber hinaus einfach sagte: alle da. Es waren immer alle da. Das machte die Zählung so verlässlich.

Die Hennen wussten, was sie an ihm hatten, und sagten es einander oft, besonders die alte gesprenkelte, die schon drei Hähne erlebt hatte und vergleichen konnte. Der frühere, sagte sie, habe schöner gekräht, aber nur für sich; dieser hier krähe für den Hof. Und abends, das war die schönste Stunde, saßen alle auf der Stange, und die Küken durften unter die Flügel, wo es warm war und nach Sommerstaub roch, und der Hahn blieb als Letzter wach und horchte in die Dämmerung, bis auch das leiseste Glucksen verstummt war. Erst dann erlaubte er sich selbst den Schlaf. So machen es die, die etwas liebhaben; sie schlafen zuletzt ein.

Der Wetterhahn oben auf dem First fand das alles sehr gewöhnlich. Er saß am höchsten, das stand fest, und er hatte Aussicht nach allen vier Winden, und eben deshalb, sagte er, könne ihn nichts mehr überraschen und nichts mehr freuen. Das Krähen da unten sei Lärm, das Scharren sei Staub, die ganze Welt sei, wenn man sie erst von oben gesehen habe, eine ziemlich langweilige Einrichtung. So sprach er in den Wind, drehte sich, weil der Wind es wollte, und rostete dabei still vor sich hin, denn wer sich nur drehen lässt und nichts liebhat, den frisst der Rost von innen.

Dabei hätte der Wetterhahn wirklich etwas zu erzählen gehabt, das muss man ihm lassen: Er sah als Erster die Wolkenberge im Westen, er wusste vor allen, wenn der Wind drehte, er sah die Wildgänse ziehen und die Gewitter anmarschieren und das Abendrot, ehe es den Hof erreichte. Aber er erzählte es niemandem. Wozu, sagte er, sie verstehen es ja doch nicht, und außerdem ändert es nichts. Und so drehte er sich stumm über einem Hof voller Leben und ließ seine ganze Aussicht verkommen. Das ist das Traurige an den Blasierten: Sie haben oft die besten Plätze — und machen nichts daraus.

Einmal versuchte es ein junger Spatz mit ihm, aus reiner Gutmütigkeit. Er setzte sich auf den First, in gebührendem Abstand, und fragte höflich, wie denn das Wetter von morgen aussehe. Der Wetterhahn drehte sich langsam zu ihm hin und sagte: Wetter. Es sieht aus wie Wetter. Es sieht immer aus wie Wetter. Da flog der Spatz wieder, und man kann es ihm nicht verdenken. So vergrätzt man sich die Gesellschaft, eine nach der anderen, bis zuletzt nur noch der Wind übrig bleibt — und der Wind bleibt nicht aus Anhänglichkeit, der bleibt aus Dienst.

In einer herbstlichen Nacht mit viel Wind gab es oben auf dem First ein kleines, müdes Knarren — und am Morgen lag der Wetterhahn unten im Gras. Er war nicht heruntergeweht worden, sagten die Sperlinge, die alles wissen: Er war einfach abgebrochen, denn er war innen längst mürbe geworden. Der Knecht hob ihn auf und trug ihn in die Scheune, und dort hatte er es fortan trocken und still, und man kann nicht sagen, dass ihn jemand vermisste — nicht einmal der Wind.

Auf dem Hof wurde das Ereignis mit Maßen besprochen, wie es sich gehört, wenn jemand nicht mehr da ist. Die alte gesprenkelte Henne sagte, hochmütig sei er gewesen, aber ein schönes Profil habe er gehabt, das müsse man lassen. Der Erpel meinte, von ganz oben falle man am tiefsten, und war mit diesem Satz den Rest des Tages zufrieden. Nur die Küken fragten noch eine Weile, wer ihnen jetzt sage, woher der Wind komme. Da reckte der Hofhahn den Kamm und erklärte, das rieche er ihnen künftig — und siehe: Er roch es beinahe immer richtig. Man kommt gut durchs Leben mit einem, der unten steht und alles liebhat. Besser jedenfalls als mit einem, der oben sitzt und nichts.

Der Hofhahn aber krähte am selben Morgen die Sonne herauf wie an jedem Morgen, und die Sonne kam wie an jedem Morgen, und danach gab es Körner. Denn das ist der Unterschied: Der eine saß hoch und hatte nichts lieb, der andere ging unten im Staub und hatte alles lieb, was um ihn her gackerte und pickte und lebte. Am Abend saßen die Hühner auf ihrer Stange, eng aneinandergerückt, die Küken tief im warmen Gefieder, und der Hofhahn hielt Wache, bis auch das letzte Huhn die Augen zugemacht hatte. Dann steckte er den Kopf unter den Flügel, und der Hof schlief.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Andersen Märchen, Teil zwei · Die vergessenen 65 Geschichten. Der Sprung führt an genau die Stelle.

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