Frei nach Hans Christian Andersens Hjertesorg · 5 Minuten zu lesen
Herzeleid
Diese Geschichte ist eigentlich zwei Geschichten, eine kleine und eine noch kleinere, und die kleinere ist die wichtigste. Die erste handelt von einer würdigen Witwe, die eine Gerberei besaß und einen Mops, der das eigentliche Oberhaupt des Hauses war. Er war rund und grau um die Schnauze, er schnarchte mit Bedeutung, und wenn die Witwe Besuch machte, kam der Mops mit und saß auf dem besten Kissen, denn er war es nicht anders gewohnt. Er hatte ein gutes, langes Mopsleben, und als es zu Ende war, entschlief er satt und geehrt auf seinem Kissen am Ofen.
Man muss von diesem Mops noch ein wenig mehr wissen, um die Geschichte ganz zu würdigen. Er hieß, nach dem seligen Gerbermeister, schlicht Meister, und er nahm den Namen ernst: Er beaufsichtigte die Gerberei vom Fensterkissen aus, er begutachtete jeden Besucher mit einem einzigen langen Blick, und wen er gut fand, der durfte ihm hinter dem linken Ohr kraulen — rechts war nicht gestattet, das rechte Ohr war privat. Die Witwe pflegte zu sagen, der Mops verstehe jedes Wort und die meisten schon vorher. Bewiesen ist das nicht. Aber widerlegt auch nicht, und im Zweifel soll man von einem Mops das Beste denken.
Da beginnt die zweite Geschichte. Die Kinder des Hofes nämlich, die den Mops gekannt hatten, beschlossen, ihm ein Begräbnis zu geben, wie es noch kein Mops bekommen hatte. Sie gruben ihm ein Grab im Garten hinter dem Zaun, hügelten es schön auf, bepflanzten es mit Scherben und einer halben Rose und richteten alles würdig her. Und weil es so schön geworden war, sollte es auch besichtigt werden dürfen — gegen Eintritt, versteht sich. Der Eintritt war ein Hosenknopf, denn das war eine Währung, die jeder Junge bei sich trug, und für die Mädchen legte mancher mit aus.
Die Grabstelle war mit Bedacht gewählt: unter dem Fliederbusch, wo Meister an warmen Tagen zu liegen pflegte, mit Aussicht auf die Hoftür, durch die früher das Essen kam. Der älteste Junge hielt eine Rede, in der das Wort treu fünfmal vorkam, und ein Mädchen sang mit dünner Stimme ein Lied, das eigentlich von einem Vöglein handelte, aber man nahm es nicht so genau, es klang feierlich. Dann standen alle noch eine Weile um den kleinen Hügel, und keiner wollte als Erster wieder ans Spielen denken, denn das gehört sich nicht direkt nach einer Beerdigung, das wussten sie von den Großen. Erst nach einer angemessenen Zeit — sie dauerte etwa hundert Atemzüge — begann das Leben wieder, und zwar an der Kasse.
Der Eintritt mit dem Hosenknopf hatte übrigens seine eigene Gerechtigkeit, wie Kinderwährungen sie oft haben. Wer zwei Knöpfe zahlte, durfte zusätzlich die Geschichte vom Meister hören, vorgetragen vom ältesten Jungen, mit dramatischen Pausen an den bewährten Stellen; und wer gar einen Hosenträgerknopf gab, das höchste der Gefühle, bekam das Ganze mit Gesang. Die Einnahmen wurden in einer Blechdose verwahrt und sollten, so war beschlossen, dereinst für einen Grabstein verwendet werden, einen richtigen, mit Inschrift. Wie die Inschrift lauten sollte, darüber ging der Streit noch, als der Sommer längst um war. Es standen zur Wahl: Dem treuen Meister. Und: Hier ruht ein Mops. Beide Parteien hatten gute Gründe, und die Dose klapperte derweil und wartete.
Das Begräbnisgrab wurde der Erfolg des Sommers. Die Kinder der ganzen Straße kamen, zahlten ihren Knopf und durften andächtig am Hügel stehen, und es war allen feierlich und wohl dabei. Nur ein sehr kleines Mädchen von nebenan stand draußen am Zaun. Sie hatte keinen Hosenknopf, sie hatte gar keinen Knopf, den sie hätte geben können, und so stand sie den ganzen Nachmittag und sah durch die Latten zu, wie die anderen hinein durften. Und als der Nachmittag um war, setzte sie sich auf einen Stein und weinte — nicht laut, nur so, wie man weint, wenn man ganz sicher ist, dass es niemand ändern kann. Das, siehst du, das ist Herzeleid.
Man kann darüber lächeln, von oben herab, aus der großen Welt der Erwachsenen, in der es um andere Dinge geht. Aber wer ehrlich ist, erinnert sich: Genau so hat sich das Schwere angefühlt, als wir klein waren, und es war nicht kleiner als das, was später kam. Nur die Knöpfe werden andere. Die Geschichte könnte hier aus sein, aber sie ist es nicht ganz.
Denn am Abend, als die Kasse geschlossen, die Knöpfe gezählt und die Kinder zum Essen gerufen waren, wurde es still im Garten. Da schlüpfte das kleine Mädchen durch die Zaunlücke, die sie längst wusste, und stand nun ganz allein an dem berühmten Grab, so lange sie wollte, im besten Abendlicht, das der Tag noch übrig hatte. Sie legte ein Gänseblümchen auf den Hügel, das kostete nichts, und ging getröstet nach Hause. So endet das Herzeleid meistens: nicht mit einem Knopf, sondern mit einer offenen Zaunlücke — man muss nur lange genug in der Nähe bleiben.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.