Nach griechischer Überlieferung · 7 Minuten zu lesen
Hermes, der Götterbote
In jenen alten Tagen, als die Götter noch über den Olymp wandelten und die Welt voller Wunder war, wurde auf einem Berghang Arkadiens ein Kind geboren, das von seiner ersten Stunde an niemanden in Ruhe ließ. Die Höhle lag versteckt zwischen hohen Tannen, und die Bergziege Amaltheia weidete nicht weit entfernt auf einer Lichtung im Morgennebel. Die Göttin Maia, Tochter des Titans Atlas, hatte dort in Stille gelebt, weit weg vom Lärm des Olymp, doch mit der Geburt ihres Sohnes war es mit der Stille für immer vorbei.
Das Neugeborene lag kaum eine Stunde in seinen Windeln, da lag es schon nicht mehr darin. Hermes, Sohn des Zeus und der Maia, krabbelte aus seiner Wiege, tastete sich an der Höhlenwand entlang und trat in das frühe Morgenlicht hinaus. Die Felsen glänzten noch feucht vom Tau, und über dem Tal hing ein leichter Dunst. Hermes folgte dem Pfad, wohin die Füße eines Säuglings ihn führten, und fand dabei etwas, das die Welt für immer verändern sollte: eine Schildkröte, die bedächtig über einen flachen Stein kroch.
Er hob sie auf, betrachtete sie mit großen Augen und trug sie zurück in die Höhle. Dort höhlte er den Panzer aus, spannte Därme von Schafen darüber, Schafe, die er später noch brauchen würde, und zog mit einem Ast über die gespannten Saiten. Ein Klang füllte die Höhle, weich und hallend, wie das Seufzen eines fernen Meeres. Das erste Saiteninstrument der Welt war erschaffen worden, und sein Schöpfer war noch kein Tag alt.
Doch Hermes war nicht satt von seinen Taten. Noch in derselben Nacht machte er sich auf den Weg nach Thessalien, dorthin, wo die heiligen Rinderherden des Apoll auf weitläufigen Weiden grasten. Der Mond war noch nicht aufgegangen, als er fünfzig der Tiere auswählte und sie rückwärts führte, die Spuren zeigten in die falsche Richtung, und Hermes selbst ging auf Stielen aus Baumrinde, um keine Fußabdrücke zu hinterlassen. Er trieb die Rinder durch stilles Flachland, an schläfrigen Dörfern vorbei, bis er sie in einer Grotte am Flussufer verbarg. Dann kehrte er zurück, schlüpfte in seine Windeln und tat, als schliefe er tief und traumlos.
Als Apoll am Morgen seine Herde zählte und die Lücke bemerkte, blickte er lange über die Weide. Kein Laut verriet den Dieb, keine Spur wies in die richtige Richtung. Der Gott der Weissagung und der Künste durchstreifte Hellas von Süden nach Norden, befragte Hirten und Krämer, bis ihn sein Weg schließlich zur Höhle Maias auf dem arkadischen Berghang führte. Er trat ein und fand dort ein schläfrig blinzelndes Kind in Windeln gewickelt. Kleines Wesen, sagte Apoll, und seine Stimme füllte die Höhle mit einem goldenen Klang, ich kenne dich, auch wenn du tust, als kenntest du mich nicht. Bring mir zurück, was du genommen hast, oder es wird Dinge geben, die selbst dein Vater Zeus nicht ungeschehen machen kann.
Hermes blinzelte unschuldig. Er stritt ab, er wunderte sich, er sprach mit einer Stimme, die kaum größer klang als das Piepen einer Bergdohle, und doch war es nichts zu machen. Apoll griff nach ihm und trug ihn hinauf zum Olymp, damit Zeus zwischen seinen Söhnen entscheide. Der Vater der Götter hörte Apoll zu, der von seinen verschwundenen Rindern sprach, und hörte dann Hermes zu, der von gar nichts wusste. Zeus lachte, und sein Lachen rollte über den Olymp wie Donner an einem Sommertag ohne Regen. Er gebot Hermes, die Herde zurückzugeben.
Hermes führte Apoll zur Grotte am Fluss. Doch bevor er die Tiere heraustrieb, holte er die Leier aus seinem Gewand und begann zu spielen. Die Töne stiegen in die Luft wie Tauben, die einen Berghang hinaufsteigen, und Apoll stand reglos und lauschte, bis das letzte Nachklingen in den Steinen der Grotte verklungen war. Der Gott der Musik hatte noch nie etwas so Schönes gehört, und er hatte alles gehört, was auf der Welt zu hören war.
Was willst du dafür?, fragte Apoll, und seine Stimme war nun weich wie das Licht früh am Morgen. Hermes legte das Instrument in Apolls Hände und sagte: Die Rinder gegen die Leier, und deine Freundschaft obendrein. Apoll betrachtete die Leier, zog einen Ton heraus, dann noch einen, und nickte langsam. So wurden aus zwei Söhnen des Zeus, die sich eben noch als Dieb und Betrogener gegenübergestanden hatten, enge Gefährten. Apoll schenkte Hermes später noch den goldenen Stab der Hirten, den Hermes zu seinem Erkennungszeichen machen sollte, und ein wenig von der Gabe, verborgene Dinge zu ahnen, wenn auch nicht alles vorherzusehen.
Es war Zeus selbst, der erkannte, was in seinem jüngsten Sohn steckte. Kein anderer Bewohner des Olymp bewegte sich so mühelos durch alle Welten, zwischen den Göttern und den Sterblichen, zwischen dem Licht des Tages und der Finsternis der Tiefe. Zeus gab ihm die Sandalen mit den kleinen goldenen Flügeln an den Knöcheln, den Botenstab mit den zwei sich windenden Schlangen, den Reisehut aus weichem Filz. Von diesem Tag an war Hermes der Götterbote: schneller als jeder Wind, klüger als jede Falle, der einzige, dem sowohl Götter als auch die Schatten der Unterwelt vertrauten.
Viele Wege führte Hermes in jenen frühen Tagen der Welt. Er trug die Beschlüsse des Zeus hinab zu den Sterblichen, überbrachte Träume an die Schlafenden und sprach am Morgen mit denen, die erwacht waren und sich noch an etwas Merkwürdiges erinnerten. Er führte die Seelen der Verstorbenen an die Schwelle der Unterwelt, nicht mit Gewalt, sondern sanft, wie ein Hirte seine Herde am Abend heimführt. In dieser Aufgabe, der des Seelenführers, trug er einen Namen, den die Menschen mit Ehrfurcht aussprachen: Psychopompos, der Geleiter der Seelen.
Er war auch der Schutzgott der Reisenden, und wer in Hellas auf einer langen Straße unterwegs war, der stellte an den Weggabelungen einen Steinhaufen auf oder schnitt seinen Namen in einen Holzpfahl, als Gruß an Hermes und als stille Bitte um sichere Ankunft. Kaufleute legten eine Münze auf seinen Altar, bevor sie einen Handel abschlossen. Boten beteten zu ihm, bevor sie eine schwierige Nachricht überbrachten. Überall, wo Menschen aufbrachen und wiederkamen, überall, wo Worte von einer Hand in eine andere getragen wurden, war Hermes gegenwärtig.
Unter seinen vielen Taten ragte eine besonders hervor. Als Zeus wollte, dass die schöne Io in Sicherheit gebracht werde, bewachte der hundertäugige Riese Argos sie ohne Unterlass. Hermes näherte sich dem Wächter in Gestalt eines gewöhnlichen Wanderers, setzte sich auf einen Felsen und begann zu spielen und zu erzählen, Geschichten über die Götter, über die Berge Arkadiens, über die erste Schildkröte, die je über einen Stein gekrochen war.
Auge für Auge schloss sich, bis Argos in einen tiefen Schlaf gefallen war, den er nicht mehr verließ. Zeus ließ die Augen des Riesen in das Gefieder des Pfaues setzen, wo sie noch heute schimmern, wenn der Vogel sein Rad schlägt. So war Hermes: niemals ganz zu fassen, niemals wirklich still, und doch in jedem Augenblick des Aufbruchs und der Ankunft zugegen. Die Götter schätzten ihn, weil er ihre Worte treu überbrachte. Die Menschen liebten ihn, weil er nicht zu weit über ihnen stand. Er verstand das Gewicht einer Nachricht, die Angst vor einem langen Weg, die Stille am Ziel, wenn man endlich ankommt und die Sandalen ablegt.
Noch heute, so sagten die alten Griechen, ist Hermes der erste, der aufbricht, und der letzte, der ankommt. Wer in der Stille eines Abends den Wind hört, der über einen leeren Weg streicht, der spürt vielleicht die kleinen goldenen Flügel der Sandalen, die irgendwo zwischen Olymp und Erde noch immer unterwegs sind. Und bald schon würde eine andere Göttin aus dem Schaum des Meeres aufsteigen, Aphrodite, geboren aus Wellen und Licht, eine neue Macht, die die Welt auf andere Weise in Bewegung setzen sollte. Doch für diesen Abend ruht der Bote der Götter, und mit ihm ruht die Welt. Aphrodite, aus dem Schaum des Meeres geboren.
Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.