Andreas’ Nacht

Nach griechischer Überlieferung · 8 Minuten zu lesen

Herakles wird in den Olymp aufgenommen

In jenen alten Tagen, als die Götter noch über den Olymp wandelten und die Welt das Staunen noch kannte, stand auf einem Bergrücken in Thessalien ein Scheiterhaufen aus Eichenholz. Der Mann, der dort stand, war kein gewöhnlicher Sterblicher. Er war Herakles, Sohn des Zeus und der Alkmene, der Stärkste aller Lebenden, und doch hatte das Schicksal ihm mehr Kummer zugedacht als den meisten, die je geatmet hatten. Sein Körper trug die Narben langer Wanderschaft, seine Hände hatten Ungeheuer bezwungen und Welten aus dem Gleichgewicht gebracht, und nun stand er hier, am Ende seiner Zeit unter den Sterblichen, und blickte hinauf in den Abendhimmel.

Das Feuer wurde entzündet, und der Rauch stieg auf in hohen, langsamen Schwaden, als trüge er etwas mit sich, das schwerer war als Holzasche. Dort oben, jenseits der Wolken, in den goldenen Hallen des Olymp, verfolgte Zeus, der wolkenversammelnde Vater der Götter, was sich auf dem Bergrücken unter ihm ereignete. Er sah den Rauch aufsteigen, und er sah, wie die Seele seines Sohnes sich löste von allem, was sie so lange getragen hatte. Die anderen Götter schwiegen, und selbst Hera, die ihn ein Leben lang mit ihrem Grimm verfolgt hatte, wandte den Blick nicht ab. Manche Momente fordern Stille von allen, die sie bezeugen, und dies war ein solcher Moment.

Bevor wir aber bei dem Scheiterhaufen verweilen, müssen wir noch einmal zurückblicken auf den langen Weg, der Herakles dorthin geführt hatte. Denn dieser Abend auf dem Bergrücken war nicht der Anfang seines Endes — er war der Abschluss einer Geschichte, die mit dem ersten Atemzug eines ungewöhnlichen Kindes begonnen hatte, irgendwo in Theben, unter einem Sternenhimmel, der sich geweitet hatte, als wolle er etwas besonders festhalten. Die zwölf Aufgaben lagen hinter ihm, jenes gewaltige Werk, das kein anderer Sterblicher hätte vollbringen können: Löwen und Wasserschlangen, Eber und Vögel, Rinder und goldene Äpfel und der dreiköpfige Wächter am Eingang zur Unterwelt. All das hatte er vollbracht. Und doch war das Leben danach nicht leichter geworden.

Nach den Aufgaben hatte Herakles noch viele Jahre weitergelebt, wie Männer seines Schlages leben: auf Wanderschaft, im Kampf, im Dienst an Städten und Königen, die ihn baten oder brauchten. Er hatte Freundschaften geschlossen, Schlachten gewonnen, und manches Mal auch verloren, nicht mit der Faust, sondern durch das Verhängnis, das sich um sein Leben wie Efeu um einen alten Stein wand. Er hatte Deianeira geheiratet, die Tochter des Königs Oeneus, und mit ihr eine Zeit der Ruhe gefunden, wie er sie selten gekannt hatte. Doch das Schicksal ließ keinen, der so groß war, allzu lange in der Stille.

Deianeira liebte Herakles so, wie man jemanden liebt, den man zu verlieren fürchtet, ein wenig zu fest, ein wenig zu ängstlich. Als eines Tages das Gerücht sie erreichte, ihr Mann könnte das Herz einer anderen geschenkt haben, handelte sie aus dieser Angst heraus, ohne die Folgen zu bedenken. Sie schickte ihm ein Gewand, das sie mit einer Flüssigkeit getränkt hatte, die ihr einst von dem Kentauren Nessos als Liebeszauber versprochen worden war. Was sie nicht wusste: Es war kein Zauber der Liebe, sondern das Gift des Kentauren selbst, der in seiner letzten Stunde nicht vergessen hatte, zurückzuzahlen. Das Gewand legte sich um Herakles wie eine zweite Haut, und es ließ sich nicht mehr ablegen.

Als er verstand, was geschehen war, trug Herakles keine Bitterkeit gegen Deianeira im Herzen, nur eine tiefe Traurigkeit, wie man sie spürt, wenn das Unabänderliche sich zeigt. Er ließ seinen Sohn Hyllos zu sich kommen und gab ihm Anweisungen für die Zukunft, ruhig und klar, wie Männer sprechen, die keinen Aufschub mehr haben. Dann ließ er sich auf jenen Bergrücken in Thessalien tragen, den Berg Oite, wo Eichenholz genug war und der Himmel weit. Sein Gefährte Philoktetes entzündete das Feuer, denn kein anderer wollte es tun. Und der Rauch stieg auf.

Was dann geschah, beschreiben die alten Erzähler so: Das Feuer brannte, und aus dem Feuer kam eine Wolke, nicht wie Rauch, sondern anders, als ob etwas aufstieg, das das Feuer nicht verzehren konnte. Die unsterbliche Seele des Sohnes von Zeus löste sich von allem, was sterblich an ihm gewesen war, und stieg hinauf in Regionen, wo die Luft dünn wird und das Licht sich verändert, wo die Welt unter einem kleiner und stiller wird und der Olymp nicht mehr fern scheint. Erzählt wird, dass Athene, die eulenäugige Göttin der Weisheit, bereits wartete, in ihrer leuchtenden Rüstung, den Blick auf die aufsteigende Seele gerichtet. Ein goldener Wagen stand bereit, um Herakles dorthin zu tragen, wo er von nun an sein würde.

Die Hallen des Olymp leuchteten an jenem Abend in besonderem Glanz. Das Gold der Säulen schimmerte wärmer als sonst, und die Götter hatten sich versammelt wie bei einem Fest, das schon lange vorbereitet worden war, und das in gewissem Sinne auch stimmte, denn Zeus hatte von Anfang an gewusst, was aus diesem Sohn werden würde. Hermes, der flinke Götterbote, huschte zwischen den Versammelten hin und her und flüsterte hier ein Wort, dort ein Lächeln. Poseidon stand breitschultrig an einer Säule und nickte, als der Wagen den Hof betrat. Selbst Apollo ließ einen Augenblick seine Leier ruhen.

Zeus erhob sich von seinem Thron, und die Versammlung wurde still. Seine Stimme trug nicht laut, aber sie füllte den Raum so vollständig, dass kein anderer Klang darin Platz fand: Herakles, Sohn des Zeus und der Alkmene, Vollbringer des Unmöglichen, was sterblich an dir war, hat seine Zeit erfüllt. Was unsterblich an dir ist, war es von Anfang an. Nimm nun deinen Platz, den du dir verdient hast, nicht durch Geburt allein, sondern durch jeden Schritt, den du gegangen bist.

Herakles trat vor seinen Vater. Erzählt wird, dass er ruhig war, ruhiger als je zuvor in seinem Leben, das so selten ruhig gewesen war. Kein Ungeheuer wartete mehr auf ihn, kein König hatte eine weitere Aufgabe, keine Schlinge des Schicksals legte sich um seinen Fuß. Er war hier, und er blieb hier. Die Göttin Hebe, Tochter des Zeus und der Hera, trat auf ihn zu. Sie war die Göttin der Jugend, zuständig dafür, den Göttern auf dem Olymp den Becher zu reichen, und nun reichte sie den Becher dem neuen Unsterblichen. Es war, wie die alten Erzähler sagen, eine der feinen Gesten der Götter: Hebe zu geben, was Altern bedeutet, und damit zu sagen, dass es kein Altern mehr geben würde.

Und Hera? Die Göttin, die Herakles von seiner Geburt an mit Feindschaft verfolgt hatte, die Schlangen in seine Wiege geschickt hatte, die ihm Wahnsinn geschickt hatte und Verfolgung und Heimsuchung auf heimsuchung, auch sie war an jenem Abend im Olymp. Die alten Erzähler überliefern, dass zwischen ihr und Herakles an diesem Tag Frieden geschlossen wurde. Wie genau, sagen sie nicht immer gleich, aber dass es so war, daran zweifeln sie nicht. Manches lässt sich vielleicht nur beilegen, wenn die Zeit einer bestimmten Art von Kampf zu Ende gegangen ist. Und die Zeit dieses Kampfes war zu Ende.

In den Nächten danach, so erzählten die Griechen einander, konnte man manchmal ein neues Licht am Himmel sehen, kein Stern, der schon immer dagewesen war, sondern eines jener Lichter, die leuchten, als ob dahinter jemand wäre, der weiß, was er getan hat, und zufrieden ist. Die Schiffer auf dem weinroten Meer kannten dieses Licht und nannten es einen guten Begleiter für lange Überfahrten. Die Bauern in den Olivenhainen sahen es über den Hügeln stehen und sagten, es bringe ruhige Nächte. Kinder in Theben, der Stadt, in der Herakles einst das Licht der Welt erblickt hatte, zählten ihre Tage nach ihm. Und so endete, was auf der Erde begonnen hatte, hoch über den Wolken in einem neuen Anfang.

Der Sohn der Alkmene, der geliebt und gelitten und gekämpft hatte wie kein zweiter, saß nun unter den Unsterblichen und sah hinab auf das Land seiner Mühen, die weißen Tempel im Mondlicht, die Zikaden in den warmen Nächten, die Schiffe unter den Sternen, die kleinen Feuer der Menschen in den Tälern. Er kannte all das. Er hatte es mit eigenen Schritten durchmessen.

Und nun war er weit genug weg, um es ganz zu sehen, und nah genug, um keines davon zu vergessen. Die Götter des Olymp saßen beisammen in ihren Hallen aus goldenem Licht, und Herakles war einer von ihnen, endlich, und für immer. Der warme Wind strich über die Hügel von Thessalien, die Olivenbäume rauschten leise, und das Meer lag still und weit unter dem Sternenhimmel, silber und dunkel und unendlich ruhig. Perseus und die Medusa.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Griechische Mythologie · Götter, Helden und die Odyssee.

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