Andreas’ Nacht

Nach griechischer Überlieferung · 8 Minuten zu lesen

Hera, die Königin des Olymp

In jenen alten Tagen, als der Olymp noch von Göttern bewohnt wurde und die Welt ihren Atem nach dem Willen der Unsterblichen richtete, thronte auf dem höchsten Gipfel eine Göttin, deren Name jedem Wesen in der Schöpfung bekannt war. Hera, die Tochter des Kronos und der Rhea, die Schwester und Gemahlin des Zeus, saß auf ihrem goldenen Thron und blickte über Hellas hinab, wo die Olivenwälder im Morgenlicht silbern schimmerten. Um sie her wehte der Duft von Lilien, denn die Lilie war ihr heilig, so wie der Pfau ihr heilig war, dessen Gefieder alle Farben des Himmels in sich trug.

Wer sie so sitzen sah, die weiße Stirn unter dem Diadem der Götterkönigin, der ahnte, welche Würde und welche Kraft in ihr ruhten. Doch Heras Geschichte begann nicht auf dem Olymp. Sie begann in jener fernen Zeit, da Kronos, der Titan, die Welt regierte und seine eigenen Kinder verschluckte, um zu verhindern, dass sie ihn eines Tages stürzten. Hera war das vierte Kind, das er so aus der Welt tilgte, nach Hestia, nach Demeter, nach Hades, und sie wuchs nicht im Licht auf, sondern im Dunkel des Leibes ihres Vaters, neben ihren Geschwistern, in einer Stille, die keine Sterblichen je gekannt haben.

So verging eine Zeit, die in keiner Sanduhr zu messen war, bis Zeus, der jüngste Bruder, den Titanenvater mit einer List zur Besinnung brachte und Kronos nacheinander alle Kinder wieder von sich gab. Als Hera wieder unter den Sternen stand, trug sie das Dunkel jener Epoche tief in sich, und mit ihr eine Würde, die sich nicht erschüttern ließ. Die Welt, in die Hera zurückkehrte, war noch jung und in großer Bewegung. Zeus hatte die Herrschaft der Titanen gebrochen, und die Unsterblichen teilten die Welt unter sich auf. Der Olymp erhob sich über den Wolken als goldener Palast, und die Götter versammelten sich dort, um die Ordnung der Dinge zu bestimmen. Hera ließ sich die Zeit, die ihr zustand.

Sie war nicht die Erste, die Zeus umwarb — er hatte Schwestern und Nymphen und Titaninnen um sich gehabt, schon bevor er sie bat, die Königin an seiner Seite zu werden. Aber Hera allein wurde seine rechtmäßige Gemahlin, seine Königin, und ihre Hochzeit wurde gefeiert wie keine Hochzeit zuvor. Die Götter kamen mit Geschenken, die Gaia selbst brachte aus dem Erdreich einen Baum mit goldenen Äpfeln hervor, und in den heiligen Gärten der Hesperiden an der Westküste der Welt wurde dieser Baum gepflanzt, als bleibendes Zeichen jener Verbindung.

Die Hochzeit von Zeus und Hera war ein Ereignis, das die Welt in ihren Grundfesten bewegte. Auf der Insel Samos soll sie stattgefunden haben, sagen manche, andere nennen den Fluss Imbrasos, an dessen Ufern die junge Göttin einst gespielt hatte. Dreihundert Jahre lang, so erzählen es die alten Worte, verblieben die beiden in heiliger Gemeinschaft, bevor die Welt es erfuhr. Dann erst schritt Hera als Königin über den Olymp, und der Pfau schlug sein Rad vor ihr, und die Luft roch nach Lilien und Regen.

Von Zeus empfing sie vier Kinder: den kriegsbegeisterten Ares, der mit lautem Schritt über die Schlachtfelder zog; Hebe, die ewige Jugend, die den Göttern den Becher reichte; Eileithyia, die stille Helferin bei Geburten; und den hinkenden Hephaistos, den größten Schmied, den die Welt je sehen sollte. Hephaistos war für Hera von Anfang an ein Geheimnis und ein Schmerz zugleich. Manche sagten, sie habe ihn allein, ohne Zutun des Zeus, zur Welt gebracht, aus sich selbst heraus, als Antwort auf eine Kränkung. Andere erzählten, er sei gebrechlich zur Welt gekommen, und Hera habe ihn, erschrocken über seine Schwäche, in das Meer hinabgeworfen, wo er von der Nymphe Thetis aufgefangen und aufgezogen wurde. Hephaistos selbst vergaß das nicht.

Als er erwachsen war und sein Feuer beherrschte wie kein anderes Wesen, schmiedete er für seine Mutter einen goldenen Thron, der so kunstvoll gearbeitet war, dass sie sich nicht mehr erheben konnte, sobald sie sich gesetzt hatte. Unsichtbare Fesseln hielten sie fest, und kein Gott auf dem Olymp wusste, wie sie zu lösen waren. Erst Dionysos, mit seinem roten Wein, brachte Hephaistos dazu, zurückzukehren und die Fesseln zu öffnen. So war selbst Heras Thron eine Geschichte aus Stolz, Schmerz und schließlich Versöhnung.

Als Göttin der Ehe und der rechtmäßigen Verbindung wachte Hera über die Schwelle zwischen den Häusern, über die Versprechen, die Menschen einander gaben, über den langen, schwierigen Weg des gemeinsamen Lebens. In ihrem Heiligtum zu Argos, das zu den ältesten ganz Griechenlands gehörte, entzündeten Priesterinnen Jahr für Jahr ihr heiliges Feuer. Argos war Heras Stadt wie Athen die Stadt der Athene war, mit Stolz getragen und mit Treue gedient. Dort ließ sie sich als Götterkönigin verehren, das Diadem im weißen Haar, den Granatapfel in der einen Hand, das Szepter in der anderen, den Pfau zu ihren Füßen.

Der Granatapfel war ihr Zeichen für die Tiefe des Lebens, für alles, was sich unter einer glatten Oberfläche verbarg: die vielen Kerne, die Süße und die Herbe, die Vergänglichkeit und die Erneuerung. Ich bin die Hüterin des Bundes, soll Hera einmal zu einem Bittenden gesagt haben, der an ihrem Altar stand, und jeder Bund, den ein Mensch im Angesicht des Himmels schließt, liegt in meiner Hand. Das war der Kern ihres Wesens: nicht Macht um ihrer selbst willen, sondern die Ordnung der Dinge, die Verbindlichkeit des gegebenen Wortes, der Schutz des Rechts, das Menschen einander schulden. Wenn Hera richtete, dann richtete sie nach diesem Maßstab, und sie konnte streng sein, wenn der Maßstab gebrochen wurde.

Manches in Heras Leben war schwer zu tragen, und die alten Erzählungen verbergen das nicht. Die Auseinandersetzungen mit Zeus, die Rivalitäten, die Einmischungen, sie alle gehören zur Geschichte der Götterkönigin, so wie Wolken zum Himmel gehören. Was die alten Mythen festhalten, ist nicht das Bild einer unberührten Göttin, sondern das einer Königin, die kämpfte, die manchmal strafte, die sich manchmal täuschte, und die dennoch auf ihrem Thron blieb, weil sie die rechtmäßige Königin war und es blieb. Ihre Würde lag nicht darin, dass sie niemals verletzt wurde, sondern darin, dass sie aufrecht blieb unter allem, was das Schicksal ihr zumutete.

Darin war sie den Menschen ähnlicher als die meisten anderen Götter des Olymp, und vielleicht liebten sie sie deshalb in den Tempeln von Argos und Samos und Korinth mit einer Innigkeit, die über reine Furcht hinausging. Hera herrschte auch über den Himmel in einer stillen Weise, die die Menschen weniger sahen als die Blitze ihres Gemahls. Sie war die Göttin, die den Lauf der Gestirne begleitete, die die Wolken über das Meer trieb und den Regen auf die Felder brachte. Iris, die Botin mit dem Regenbogengewand, flog auf Heras Geheiß zwischen dem Olymp und der Erde hin und her, und wenn nach einem Gewitter der Bogen über dem Meer erschien, wussten die Menschen: Hera hat eine Botschaft gesandt.

Die Luft zwischen Himmel und Erde war ihr Reich, so wie das Meer dem Poseidon gehörte und die dunklen Tiefen dem Hades. Wenn die Nacht über Hellas fiel und die Zikaden verstummten, wenn der Wind sich legte und das Meer seinen Atem anhielt, dann saß Hera auf ihrem goldenen Thron und blickte hinab auf die schlafende Welt. Die weißen Tempel an ihren Hängen leuchteten im Mondlicht, die Feuer ihrer Heiligtümer glühten still, und irgendwo in Argos oder auf Samos schlief eine Priesterin in dem Wissen, dass die Götterkönigin über die Bindungen wachte, die das Leben zusammenhielten.

Hera lehnte das Szepter an den Thron, legte den Granatapfel ab und ließ den Blick über das dunkle Meer wandern. Die Sterne zogen ihre Bahnen, und der Olymp ruhte in goldenem Schweigen. So wie das Meer nach seinem langen Tagesgang endlich stillwird, so wurde auch die Götterkönigin still in der Nacht, und in dieser Stille war eine Würde, die kein Sturm je ganz hatte brechen können. Ihr Bruder Poseidon hielt derweil sein eigenes Reich: die Tiefe, die Weite, die unruhigen Wasser, die unter Heras Himmel glitzerten, doch das ist eine andere Geschichte, die der Nacht noch viele Stunden Zeit lässt. Poseidon und das Reich der Meere.

Eigene Fassung nach einer gemeinfreien Vorlage. Der Text ist meine Arbeit; die Vorlage ist frei.

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Diese Geschichte ist Kapitel in Griechische Mythologie · Götter, Helden und die Odyssee.

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